Kolumnen

Das Genaue und das Mächtige

Wer nach dem Grossen greift, ohne auf das Mächtige zu achten, wird es nicht erreichen.

 

Der Zürcher Germanist und Historiker Karl Schmid (1907-1974) hat die Situation des Menschen einmal auf den schlichten Bruch «das Genaue und das Mächtige» gebracht und schreibt seine Formel erklärend: «Das Mächtige ist immer im Rücken, das Genaue vorn, vor Augen. Der Mensch wird als ganzer Mensch nur, wenn er das Mächtige in seinem Rücken spürt, annimmt, achtet.» Was das Mächtige ist, definiert Schmid nicht. Das Mächtige sieht er als Nenner, das Genaue als Zähler. Ein anderer grosser Schweizer, C. G. Jung, fand, dass der Mensch nur gesund leben könne, wenn er seinen Schatten annehme. Der Schatten wirkt aus dem Unbewussten und bleibt vorerst verborgen. Die alten Griechen erfanden Götter, um dem Menschen zu sagen, dass er nicht alles aus sich selbst heraus sei. In der farbenprächtigen Sagenwelt spiegelten sie dem Menschen vor, dass hinter ihm etwas Grosses, nicht Fassbares wirke und ihn durch das Leben begleite. So stelle Aphrodite, die Göttin der Liebe, dar, dass dem Menschen etwas in der Liebe widerfahre, das er nicht völlig verstehen könne. Die Liebe sei niemals das Genaue, sondern immer das Mächtige.

 

Hephaistos, der Gott der Schmiedekunst, tut dem Menschen kund, dass er besondere Gaben besitze, von denen er nicht wisse, woher sie stammten. Wenn etwa dem grossen Phidias (ca. 490-420 v. Chr.) die Venus von Milo in ihrer wunderbaren Gestalt gelingt, so sei die vollendete Statue ein Geschenk der Götter. Mit Hephaistos im Rücken sei ihm das Werk gelungen. Er habe Phidias die Gabe des Könnens geschenkt, das Mächtige in ihm habe die Venus geschaffen. Obwohl die Griechen im Grunde nicht an die Götter glaubten, symbolisierten sie mit ihnen das Mächtige. Fehle dem Menschen etwa die Fähigkeit, einen Nagel einzuschlagen, dann solle er lernen und üben, bis er es könne. Das Genaue sei erlernbar. Er könne etwa eine Schreinerlehre absolvieren. Begegnet der Kunstliebhaber den grossen Holzschnitzereien des Mittelalters, den wunderbaren religiösen Werken, dann wird er zugestehen müssen, dass hier das Mächtige im Spiel gewesen ist.

 

Der Volksmund sagt, er sei halt begabt und habe Talent. Und gerade diese, Begabung und Talent, kann der Künstler sich selbst nicht erklären. Gelingt einem Dichter ein wunderbarer Vers, wird er niemals sagen, er habe zu dichten gelernt. Durch Üben sei er fähig geworden, gute Gedichte zu schreiben. Ein Gedicht, das er konstruiert, weist selten auf Genialität hin. Die schönsten Gedichte drängen sich dem begabten Menschen im Sinne Goethes auf: «Das Schlimmste ist, dass alles Denken zum Denken nichts hilft, man muss von Natur richtig sein, so dass die guten Einfälle immer wie freie Kinder Gottes vor uns stehen und uns zurufen: da sind wir.» Diese Natur ist in metaphorischer Sprache die grosse Gabe des Könnens. Sie macht den schöpferischen Menschen, den Erfinder, den Dichter, den Künstler bescheiden und demütig, weil er weiss, dass seine Werke Kinder Gottes sind. Das Mächtige in ihnen prahlt nicht, es schafft. Die Werke werden geboren. Ein Grossmaul, der mit ihnen wichtig tut, wird selten ein Werk schaffen, das ihn überlebt.

 

Der Bruch, wo der Zähler als das Genaue über dem Nenner als dem Mächtigen ist, rückt die Verhältnisse zurecht. Diese kleine Formel von Karl Schmid eignet sich für die Meditation. In einer Zeit von Narzissten, in der Mensch glaubt, er allein sei gross durch sein Werk oder durch seine Tat, er sei ein Begabungsmillionär, täte er gut, über das Mächtige nachzudenken und sein Können nicht allein als Zähler zu betrachten. Wird das Mächtige nicht beachtet, kommt es zu einer falschen Selbsteinschätzung, zu einer Selbstaufblähung. In der Polyphonie der Götter hält die griechische Sagenwelt dem Menschen den Spiegel vor. Wollte etwa ein Fürst oder König glauben, er sei gottähnlich, ja den Göttern überlegen, bestraften sie ihn. So erzählt uns die Sage von Tantalos, dem mächtigen König von Lydien, der den Göttern Ambrosius und Nektar stahl und sie zu täuschen versuchte, wie er bestraft wurde. Die Götter liessen ihn in ewigem Hunger und Durst unter einem Felsen darben, lockten mit feinen Speisen und Getränken, griff er darnach, entzogen sie es ihm. Bläht er sich heute auf, leidet er am Ende an der gleichen Strafe. Wen die Gier nach dem Grossen und Mächtigen verzehrt, das ihm nicht zusteht, wird niemals satt.