Gesellschaft

Ein Demokrat durch und durch

In diesen Tagen erscheint ein Buch über eine markante Persönlichkeit, die wir vor allem aus der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts kennen: Alfred Gilgen.

Alfred Gilgen ist letztes Jahr nach einer längeren Krankheit gestorben. Nun hat Rainer Schaad ein Buch über diesen Staatsmann geschrieben.

Rainer Schaad war ein langjähriger Freund von Alfred Gilgen. Er studierte Chemie an der ETH und wurde 1969 von Alfred Gilgen am Institut für Hygiene und Arbeitspsychologie betreut, als er zum Doktor der Naturwissenschaften promovierte. Rainer Schaad war danach in führenden Funktionen tätig. Er wurde in seinem Leben mit verschiedenen Auszeichnungen geehrt. Im Militär beendete er seine Dienstpflicht als Generalstabsoberst. Seinen kurzen Lebenslauf schliesst Rainer Schaad in diesem Buch mit dem Satz: «Die vielen gemeinsamen Interessen und die über Jahrzehnte nicht erloschene Freundschaft bewogen den Autor, das bewegte Leben von RR Alfred Gilgen für die Nachwelt in der vorliegenden Form festzuhalten.»

Das Buch – eine anregende Lektüre

Das ungefähr 170 Seiten umfassende Buch ist interessant aufgebaut. Es enthält eine Reihe von Reden, Referaten und damit authentische Aussagen und Überlegungen von Alfred Gilgen. Es schildert ihn als LdU-Parteigänger, als Staatsmann, als Militärdienst-Leistender und schliesslich als älter werdende Persönlichkeit. Es lässt ihn sprechen als Privatmann in Pension mit seinen Hobbies, seinen Lieblingsbüchern und seinem grossartigen Humor. Das alles werde ich hier nicht wiedergeben können. Für jeden Leser bietet sich aber an einem gemütlichen Sonntag-Nachmittag eine anregende Lektüre. Das Buch ist mit leichter, angenehmer Feder geschrieben. Es ist zu einem grossen Teil bespickt mit Zeugnissen, mit Aussagen, die von Alfred Gilgen selber stammen: So lernen wir seine Ansichten über Demokratie, über Politik und Macht kennen. Wir erfahren, dass er schon als sehr junger Kantonsrat in den 60er-Jahren sich für Umweltfragen interessiert hat und dass er sich schon immer für das Frauenstimmrecht einsetzte.

In einem Nachwort von ca. 10 Seiten wird sein Wirken zusammengefasst, bereichert mit zahlreichen Testimonials von Zeitgenossen und Wegbegleitern. Letztere werden Ihnen wahrscheinlich allesamt bekannt sein.

Wir erleben Alfred Gilgen in diesem Buch so, wie er eben war: ein Politiker mit einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein, ein Mensch mit einem «listigen» Humor, wie es heisst, ein guter Zuhörer und Fragenstellender; er war nicht einer, der andere verurteilte, er war ein Demokrat durch und durch, ein treuer Kollege und Freund.

Vieles von dem, wie Alfred Gilgen dachte und worum er sich bemühte, vieles von dem, was er aufbaute, wurde damals überschattet von seinem Image, das er quasi von Beginn an seines Regierungsratsmandates trug. Ihm wurde der Stempel eines Polarisierenden, eines Repressiven aufgedrückt. Entsprechend wurde er in vielen Medien dargestellt. Doch, was war es denn, das dieses Feindbild auslöste, das irgendwie immer über ihm schwebte? Wir erinnern uns – und im Buch über Alfred Gilgen wird das sehr deutlich geschildert -, wie er 1971, nach ein paar Wochen im Amt, die Uni ZH für acht Tage schloss, weil er nicht dulden wollte, dass eine staatliche Bildungsinstitution politisch instrumentalisiert werde. Geplant war von aufbegehrenden Studenten eine «antikapitalistische und antifaschistische Informationswoche». Der dezidierte Akt des neu amtierenden Erziehungsdirektors und seine immer konsequente, klare Haltung brachten ihm viele Gegner, zum Teil vielleicht sogar Feinde, vor allem natürlich unter den Studenten. Aber er hatte auch Bewunderer. Und seine Kollegen im Regierungsrat wussten um seine Gradlinigkeit, um seine Standfestigkeit. Sie konnten mit Sicherheit auf seine absolute Kollegialität und Treue zählen. Das wussten auch seine Mitarbeitenden.

Es gibt wunderbare Reminiszenzen in diesem Buch, die den Humor von Fredi Gilgen, aber auch seinen Mut und seine Souveränität und Grosszügigkeit zeigen. Wir erfahren, dass Alfred Gilgen als Erziehungsdirektor jedes Jahr den Mathematik-Test der Gymi-Prüfung – allein in einem Zimmer absolvierte und ihn bestand stets in der vorgegebenen Zeit. Dass die obligatorische Dreisatz-Aufgabe von Jahr zu Jahr ausgeklügelter wurde, war für ihn kein Problem; er wurde sozusagen «zum Champion in dieser Disziplin». –

Oder wir lesen schmunzelnd, dass sich Alfred Gilgen als Regierungsrat von den oft schlimmen und eher niederträchtigen Angriffen bekanntlich weder beeinflussen noch verbittern liess. Für eine Demonstration gegen ihn (Gilgen an den Galgen! war der Slogan.) kaufte er sich sogar eine Langhaar-Perücke, zog ein T-Shirt an, mischte sich unter die Teilnehmer und marschierte, von den Demonstrierenden nicht erkannt, mit. Suchen Sie jemanden, der ihm das nachmacht!! Unglaublich, dieser Mut.

Wie ich Alfred Gilgen kennenlernte

Ich durfte, neben Moritz Leuenberger, ein Vorwort zu diesem Buch schreiben. Daraus möchte ich ein paar Worte zum Thema «Fredi Gilgen und Landesring» wiedergeben. Mit anderen Worten: Wie habe ich Alfred Gilgen als Parteikollegen kennen gelernt? In den LdU ist Fredi eingetreten, weil er die Unabhängigkeit dieser Partei, anfangs noch dieser Bewegung, schätzte – so habe ich in dieser Biographie gelesen. Ja, es war tatsächlich so: Der LdU ermöglichte dem einzelnen Mitglied eine angenehme unabhängige eigene Entwicklung, mit allen Risiken, die sich damit für diese Partei der Mitte ergeben konnten.

Als Fredy Gilgen im Mai 1971 als Regierungsrat gewählt wurde, konnte ich auf der ebenfalls neu gewählten Kantonsratsliste des Landesrings der Unabhängigen nachrutschen. Dieser Umstand, dass Fredi Gilgen im Kreis Zürich 11 auch auf der Kantonsratsliste kandidiert hatte, öffnete mir, zusammen mit dem neu in Kraft tretenden Wahl- und Stimmrecht für uns Frauen, meine politische Laufbahn.

Fredi Gilgen wurde ab diesem Tag für mich ein Parteikollege, den ich zeitlebens wegen seiner dezidierten Urteilssicherheit bewundert habe. Ich bewunderte auch, dass er akribisch alle Protokolle, auch die Fraktionsprotokolle, genauestens las und damit immer bestens orientiert war. Ich lernte eine Menge von ihm, gerade auch deshalb, weil wir oft so ganz unterschiedlicher Meinung waren. Er lehnte, glaub ich, alle meine Postulate im Bildungsbereich ab: auf jeden Fall meine Forderungen für mehr staatsbürgerlichen Unterricht, und auch jene für ein obligatorisches Fach Italienisch für die angehenden Lehrpersonen (wegen all der damaligen italienisch-sprachigen Kinder) – ein Postulat, das bis nach Rom hohe Wellen schlug.

Und als ich einmal für eine LdU-Idee öffentlich eintrat (es war Sigi Widmers Waldstadt), die später abgelehnt wurde, fragte er mich, ob ich wirklich davon überzeugt gewesen sei. Als ich auswich, gab er mir den Tipp, in Zukunft ausschliesslich für etwas einzustehen, für das ich die Hand ins Feuer legen würde.

Ich fragte ihn einmal, warum er immer alles so gerade heraus beim Namen nennen würde – manchmal sei vielleicht ein bisschen Diplomatie am Platz. Da sagte er mir kurzer Hand: Wenn er nicht mehr die Wahrheit sagen könne, dann trete er zurück! Seine spezielle Diplomatie spielte er übrigens auf eine ganz andere Art aus: Er stellte jeweils seine Aussagen in Frageform: War das nicht eher so…? Das forderte einen heraus, verletzte einen aber auch nicht. Aber man musste als Befragte Stellung nehmen. Er, wiederum, hörte einem sehr genau zu.

Alfred Gilgen war ein grossartiger Redner. Seine Festreden, die er alle selber schrieb, waren legendär. Ich erinnere mich an eine Kantonsratspräsidenten-Feier, an der Alfred Gilgen eine Rede als Regierungsratsvertreter hielt. Er verglich alle im Kantonsrat präsenten Parteien mit einer für sie charakteristischen Blume. Die Sozialdemokraten bezeichnete er als rosarote Nelken (wahrscheinlich hätte er sie lieber in röterer Farbe gehabt!). Am Schluss kam er endlich zum Landesring, der bei den vergangenen Wahlen schon auf der Verliererseite war. Alfred Gilgen liess sich nicht einschüchtern und geisselte den Landesring zur hellen Freude aller anderen Parteien im Saal als ein «Vergissmeinnicht». Mehr musste man nicht sagen!  Die Pointe sass.

Das Buch von Rainer Schaad über Alfred Gilgen enthält eine Fülle von Informationen, die einen starken, gradlinigen, sicher nicht immer einfachen Menschen zeichnen, den wir alle noch gekannt haben. Zielstrebigkeit und Effizienz waren die Merkmale seines Wirkens: als Kantonsrat, als Regierungsrat, als Regierungspräsident und im Militär, wo er es bis zum Oberst im Generalstab brachte. Dass er dabei immer wieder im Kreuzfeuer der politischen Auseinandersetzungen stand, gehörte zu seinem Verständnis von Demokratie.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Es war mir ein grosses Vergnügen.

Rainer Schaad, Alfred Gilgen, Th. Gut Verlag, 2019 erscheint in diesen Tagen im Buchhandel.