FrontKulturZylinder, Kugel und Kegel

Zylinder, Kugel und Kegel

Das Kunstmuseum Basel zeigt die facettenreiche Entwicklung des Kubismus in einer faszinierenden Schau.

Die Ausstellung Kosmos Kubismus. Von Picasso bis Léger im Kunstmuseum Basel fächert die Epoche in einem chronologisch angelegten Panorama von 1907 bis 1918 auf, erweitert mit Neuentdeckungen. Die in Kooperation mit dem Centre Pompidou in Paris entstandene Präsentation bringt erstmals eine grosse Zahl der herausragenden kubistischen Werke beider Sammlungen zusammen, dazu weitere Gemälde aus der Schenkung Raoul La Roche.

George Braque, Krug und Violine, 1909/1910, Kunstmuseum Basel, Schenkung Dr.h.c. Raoul La Roche. Foto: Kunstmuseum Basel

In Akrobaten im Zirkus von Fernand Léger erscheint 1918 erstmals das Zirkusmotiv, das auf Kindheitserlebnisse Légers zurückgeht. Léger gibt den Körpern der Artisten aus Röhren, zylindrischen und kegelartigen Formen eine maschinenhafte kubistische Ästhetik. Die Halbkugeln ihrer Hauben erinnern an die Helme der Soldaten.

Léger diente während des Krieges in Verdun als Sanitäter. In einem Brief schreibt er: „Es ist die reine Abstraktion, reiner noch als die ‚eigentliche‘ kubistische Malerei.“ Und an seine Frau: „Allen den Idioten, die sich fragen, ob ich noch Kubist bin oder sein werde, wenn ich zurückkomme, kannst du sagen: ja, mehr denn je. Denn etwas Kubistischeres als einen Krieg wie diesen gibt es nicht, wo ein Mann mehr oder weniger ordentlich in mehrere Stücke zerfetzt und in die vier Himmelsrichtungen geschleudert wird.“ Die Kunst der Fragmentierung wurde vom Krieg brutal eingeholt und bestätigt, dass Künstler mitunter fast prophetisch das Zeitgeschehen vorausahnen.

Fernand Léger, Akrobaten im Zirkus, 1918, Schenkung Dr.h.c. Raoul La Roche 1952. Foto: Ruth Vuilleumier

So dramatisch der Kubismus im Weltgeschehen unterging, so turbulent nahm er auch seinen Anfang. Es überstieg die Vorstellungskraft der Betrachter, als Picasso und Braque im Anschluss an die Cézanne-Retrospektive 1907 anfingen, mit Bildelementen zu experimentieren. Schon Paul Cézanne (1839-1906), der Vater des neuen Sehens, schrieb 1904, dass sich in der Natur alles nach „Zylinder, Kugel und Kegel “modelliert und er verzichtete auch noch auf die klassische Zentralperspektive. Er liess „jede Seite eines Objekts, einer Fläche nach einem zentralen Punkt“ führen, setzte also mehrere Fluchtpunkte im gleichen Bild ein. Damit verabschiedete er sich von der seit der Renaissance allgemeingültigen Bildvorstellung.

Pablo Picasso, Stillleben mit Rohrstuhlgeflecht, 1912, Musée National Picasso, Paris © RMN-Grand Palais (Musée national Picasso-Paris) / M.Rabeau © Succession Picasso / ProLitteris, Zürich.

Pablo Picasso (1881-1973) und Georges Braque (1882-1963) erkannten das revolutionäre Potenzial Cézannes und entwickelten es weiter zum „Kubismus“, wie die Kunstwelt anfänglich die neue Richtung abschätzig nannte. Ab 1908 malten sie gemeinsam in Estaque Landschaften und Stillleben mit schraffierten Pinselstrichen und geometrisch abstrahierten Formen in Grün, Ocker und Grau, die noch stark an das Vorbild Cézannes erinnerten. In der Folge schränkten sie die Farbpalette zunehmend zu einem lichtvollen Grau und Braun ein und brachen die bis anhin geschlossene Form auf. Sie zerlegten die Bildobjekte in verschiedene Teile, kombinierten Zeichen und Fragmente, setzten neue Materialien ein, experimentierten mit Collagen von Zeitungsartikeln und Tapeten, so dass Werke entstanden, die man „lesen“ musste, um ihren Sinn zu entschlüsseln.

Pablo Picasso, Bildnis Gertrude Stein, 1905/06, The Metropolitan Museum of Art, New York. Foto: Ruth Vuilleumier

Eine weitere Inspiration waren Skulpturen und Masken aus Afrika mit reduzierten und doch ausdrucksstarken Formen, wie Augen in Mandelform oder in schmalen Schlitzen. Diese neue Sichtweise schlug sich in Picassos Bildnis der Gertrude Stein nieder. Gertrude Stein erinnerte sich, dass sie den ganzen Winter 1906 in 80 Sitzungen Picasso Modell sass und er am Schluss den Kopf einfach wegwischte mit der Bemerkung, er könne sie nicht mehr sehen und nach Spanien reiste. Das Gesicht ersetzte er hinterher durch den maskenhaften Ausdruck, den das Porträt heute so unverwechselbar macht. Gertrude Stein war Schriftstellerin, Verlegerin und Kunstsammlerin und führte in Paris einen Salon, wo sich die Avantgarde-Künstler trafen. In der Ausstellung ist ein Raum den Porträts von Händlern und Literaten gewidmet, darunter Gertrude Stein, Guillaume Apollinaire oder dem Kunsthändler Daniel Henry-Kahnweiler.

Das kubistische Schaffen zog auch andere Künstler an, die sich auf Cézanne, Picasso und Braque bezogen. Sie stellten ihre Werke 1911 erstmals gemeinsam im Salon des indépendants aus, Braque und Picasso nur in der Galerie Kahnweiler. Statt Stillleben-Motive bevorzugten die sogenannten Salonkubisten publikumswirksame Grossformate und moderne Sujets der Grossstadt, wie Sonia Delaunays Gemälde Elektrische Prismen, das die technischen Errungenschaften in den Bildkanon aufnahm. Die Werke von Fernand Léger, Henri Le Fauconnier, Robert Delaunay, Francis Picabia in den Salons der Pariser Kunstwelt trugen zur internationalen Verbreitung des Kubismus bei.

Sonia Delaunay, Elektrische Prismen, 1914, Centre Pompidou, Musée national d’art moderne, Paris, © Mnam-CCI/Philippe Migeat/Dist.RMN-GP © Pracusa S.A.

Der Ausbruch des Krieges zerrte die Künstlerfreunde auseinander. Picasso konnte als Ausländer in Paris weiterarbeiten, die französischen Staatsbürger wurden zum Krieg einberufen. Braque überlebte eine lebensgefährliche Verletzung und kehrte 1917 zur Malerei zurück. Damit endete die kubistische Werkphase. Doch der Kubismus behält bis heute durch seine bahnbrechenden Neuerungen einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der Kunst.

Teaserbild: Ausschnitt aus Juan Gris, Die Geige, Kunstmuseum Basel, Schenkung Dr.h.c. Raoul La Roche. Foto: Ruth Vuilleumier
Bis 4. August
Ausstellung im Neubau des Kunstmuseums Basel
Katalog: Hrsg. Brigitte Leal, Christian Briend, Ariane Coulondre, 320 Seiten mit Abbildungen, Hirmer Verlag, 49 Franken

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