FrontKulturPuzzlespiel um Gewalt und Gegengewalt

Puzzlespiel um Gewalt und Gegengewalt

«Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch» – Sebastian Nübling inszeniert am Schauspielhaus Zürich die Kleist-Überschreibung von Necati Öziri.

Auf Haiti tobt die Revolution. Nach über hundert Jahren der Sklaverei brennen die Tabak- und Zuckerrohrplantagen der französischen Kolonialherren und die versklavte Bevölkerung Haitis kämpft für ihre Freiheit. In Heinrich Kleists dramatischer Liebesgeschichte «Die Verlobung in St. Domingo» (1811) gerät der junge Schweizer Offizier Gustav von der Ried in französischen Diensten während des Freiheitskampfes der Sklaven in einen teuflischen Hinterhalt, als er seine Familie und sich selbst retten will. Die spontan aufflammende Liebe zwischen ihm und der halbwüchsigen, als Lockvogel eingesetzten Ziehtochter Toni des Mannes, der Gustav nach dem Leben trachtet, mündet in den tragischen Tod der beiden jungen Leute.

Neue Interpretation der Kleist-Geschichte

Der junge Autor Necati Öziri (31) legt in seinem neuen Stück «Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch» eine Überschreibung der Novelle von Kleist vor, indem er den vermeintlich klaren Fronten Kleists im Setting der Revolution misstraut und eine neue Interpretation der Geschichte wagt, eine gegenwärtige Reflexion über Rassismus, Flucht, Gewalt und Gegengewalt in Gang setzt und offen lässt, wer Freund und wer Feind der Werte der Aufklärung ist. Regisseur Sebastian Nübling macht daraus einen heiteren wie besinnlichen Theater-Abend, der einige Denkarbeit abverlangt.

In historischen Kostümen (v.l.): Dagna Litzenberger Vinet, Dominic Hartmann, Maryam Abu Khaled.

Die in Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater Berlin entstandene Inszenierung (Uraufführung) im Zürcher Schiffbau besticht durch ein wechselvolles und energiereiches Puzzlespiel mit Tanz- und Musikeinlagen. Zu Beginn – das Revolutionsende wird gefeiert – bedankt sich Dagna Litzenberger in glitzerndem Karnevalskostüm für den herzlichen Empfang ohne Publikumsecho, drängen hüfteschwingend die Schauspieler im Samba-Rhythmus nach vorn. Dann wird in historischen Kostümen die verhängnisvolle Liebesgeschichte teils in Slow-Motion als Schattenspiel hinter einer grossen Leinwand aufgerollt (Bühnenbild: Muriel Gerstner). Davor wird am Mikrofon über Gewalt, Gegengewalt, französische Revolution, Rassismus und Sklaverei reflektiert, werden in breitem Schweizerdialekt die praktizierten Foltermethoden aufgezählt und jeweils mit «sorry» entschuldigt, Verlobung gefeiert, in heiterer Runde schwungvoll statt Kaffee Zucker in Tassen geschüttet und geschlürft und zum Schluss im Dunkeln mit blau leuchtenden Gesichtern eine visionäre Verfassung Haitis deklariert (grossartig).

Rasantes Wechselspiel vor und hinter der Leinwand

Das tragische Ende mit dem Tod von Toni und Gustav wird ausgespart, stattdessen werden Varianten eines möglichen Ausgangs zelebriert. Die Inszenierung lebt vom rasanten Wechselspiel vor und hinter der Leinwand, von verschroben agierenden Akteuren, von moralisierenden, widersprüchlichen Erkenntnissen, die mehr Fragen als Antworten liefern, von schön rhythmisierender Musik und originell choreografierten Tanzeinlagen. Die klaren Fronten «Weiss gegen Schwarz» von Kleist werden aufgelöst, vielmehr alle Inselbewohner zu Schwarzen erklärt. Freie Menschen für immer? Eine Welt ohne Gewalt und Gegengewalt? Folgerichtig wäre es, aber illusorisch.

Schlussbild mit beleuchteten Gesichtern (v.l.): Falilou Seck mit Ensemble. (Fotos: Tanja Darendorf / T+T Fotografie)

Die fünf Schauspieler, allen voran Maryam Abu Khaled als schwarze Mutter Babikan von Toni, zeigen ein schwungvolles, ironisierendes Spiel, das fesselt und die Hintergründe der Figuren spürbar aufleben lässt. Mehr Mühe bereiten da schon die teils monotonen Reflexionen über Gewalt und Gegengewalt, die kaum zu neuen Erkenntnissen führen. Alles in allem: Geboten wird eine wunderbar verschrobene Überschreibung von Kleists Novelle. Dafür gabs am Premierenabend viel herzlichen Applaus.

Weitere Spieldaten: 10., 16., 23., 24. April, 2., 5., 7., 8., 15., 17., 18., 20. Mai

Vorheriger ArtikelEkstase
Nächster ArtikelFrauen um die siebzig

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel

Den Dämon im Kopf

Advent Advent

Verunsicherung