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FrontKulturVom Romantiker zum träumenden Realisten

Vom Romantiker zum träumenden Realisten

Literaturausstellung im Museum Strauhof zum 200. Geburtstag des Dichters Gottfried Keller, der zunächst Kunstmaler werden wollte.

Wer von uns las in seiner Schulzeit nicht zumindest eine Seldwyler Geschichte oder Gedichte von Gottfried Keller? Lernte, dass der Dichter einer der wichtigen Exponenten des poetischen Realismus ist. Und dass er zunächst Kunstmaler werden wollte, aber schliesslich Staatsschreiber des Kantons Zürich und Schriftsteller wurde.

Links ein misstrauischer Keller auf dem Foto von Johannes Ganz, rechts entspannt und vertrauensvoll auf einer Radierung nach dem Ölporträt von Frank Buchser

Während die einen Keller auch später schätzten, war anderen die Pforte zum Dichter durch besonders einfühlsame Deutschlehrer für immer verschlossen. Fast für immer. Die Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof kann den Zugang zum Autor Keller wieder öffnen. Roman Hess, der das Literaturmuseum früher leitete, ist zurück und hat seinen Gottfried Keller als träumenden Realisten inszeniert. Der Traum vom romantischen Landschaftsmaler – geplatzt; der Traum von der Liebe – immer wieder geplatzt, und der Traum vom Theaterautor bleibt ebenfalls ohne Erfüllung. Der Albtraum dessen jedoch, was ihm in der realen Welt des aufkommenden Grosskapitals im Industriezeitalter missfiel, beschäftigte ihn so heftig wie seine Träume, die er nach dem Erwachen notierte. Letztere können Museumsbesucher sich über Kopfhörer in angenehmer Lage auf weichen Liegen reinziehen. An weiteren Hörstationen sind Ausschnitte aus Kellers Schaffen, vor allem aus dem Hauptwerk, dem Grünen Heinrich zu hören. In diesem Roman – einmal als Frühwerk, einmal als überarbeitetes Spätwerk – hat Keller seinen Lebenslauf, seine Ideen und Erlebnisse literarisch umgesetzt.

Gottfried Keller, «Heroische Landschaft», München 1842, Öl auf Leinwand, Zentralbibliothek Zürich.

Aber auf Selbstdarstellung hatte der Dichter gar keine Lust. Seine Autobiographische Notiz für die Chronik der Kirchgemeinde Neumünster 1889 ist mit grösster Zurückhaltung und so spröde wie irgend möglich verfasst. Wieviel Emotion trotz allem in dem trockenen Text steckt, erschliesst sich in dem Vortrag durch den Schauspieler Gottfried Breitfuss auf Video.

Nicht der Lebenslauf war für Keller von Interesse, sondern dessen Umsetzung in Bilder – zunächst mit Zeichenstift und Pinsel, später mit Worten und Sätzen. Dass der Bub – früh Halbwaise geworden – aus der Schule geschmissen wurde, war ihm egal, wusste er doch, dass er Kunstmaler werden würde. Zunächst kann er bei einem Maler eine Lehre beginnen, hat da aber wenig Glück, weil er nicht wirklich was lernt. Aber es geht weiter; Keller versucht seinen Traum, Landschaftsmaler zu werden, an der Akademie in München zu realisieren, scheitert aber auch da, oder eher, er erfährt im Bildhaueratelier, dass er mit Worten malen wird.

Blick in die Ausstellung mit der Figur des borghesischen Kriegers

Nachzulesen im Grünen Heinrich, wo diese Hinwendung anhand der Statue des borghesischen Fechters erzählt wird: Die Figur zu zeichnen, will nicht gelingen, und er fragt sich, weshalb er «nicht die Darstellung des Menschen zum Berufe gewählt hatte, anstatt bloss seines landschaftlichen Wohn- und Schauplatzes.» In der autobiographischen Notiz erinnert er sich, wie er «hinter seinen Staffeleien auf ein eifriges Reimen und Dichten» geraten war.

Ausstellungsinstallation: Für diese Frauen entbrannte Gottfried Keller einst in Liebe.

Keller war sich seines Werts durchaus bewusst, aber mit dem Äusseren haderte er. So hasste er es, fotografiert zu werden, konnte jedoch mit den Porträts der mit ihm befreundeten Künstler durchaus leben, weil sie mehr als die Fassade zeigten. Ein Raum in der Ausstellung gibt Aufschluss darüber. Daneben können die unerfüllten Liebesgeschichten nachvollzogen werden. Und eine Art Sekundärliteratur in Videoaussagen, produziert von Hildegard Keller, zeigt, was Peter von Matt, Peter Bichsel, Julia Weber und die Videoregisseurin selbst zu Gottfried Keller sagen. Sehr eindrücklich und von hohem Unterhaltungswert beispielsweise, wenn von Matt den «funkelnden Erzähler» mit dem «abgründigen Humor» beschreibt, dessen Kammacher-Novelle er für beste Prosa in der deutschen Literatur hält und beifügt: «Wer die blöd findet, soll besser Zeitung lesen.»

Trotz des vielfachen Scheiterns und der Umwege zur Berufung gibt es für Keller bei allen Entbehrungen, immer wieder auch das Wunder der Rettung: literarisch mit der Flöte, die Heinrich im Augenblick entdeckt und zu Geld machen kann, als er fast am Verhungern ist, oder mit dem Hungermärchen im Martin Salander. Keller selbst bekommt zur richtigen Zeit ein grosszügiges Reise-Stipendium von der Kantonsregierung, welches ihm Aufenthalte in Heidelberg und Berlin ermöglicht, und später wird er als Staatsschreiber gewählt, was ihn von weiteren Existenzsorgen befreit.

Berliner Schreibunterlage Gottfried Kellers, Detail, Ms. GK 8 b, Zentralbibliothek Zürich

Die Mitte des 19. Jahrhunderts politisch bewegte Zeit und das Aufkommen der Industrialisierung ohne soziales Netz für die einfachen Beschäftigten wühlten ihn auf. Er übte Kritik am Grosskapital und später am «System Escher» – verarbeitet im Fähnlein der sieben Aufrechten, mündend in sein Alterswerk Martin Salander, der ohne den geplanten Schluss erschien, da der Verleger (wie damals üblich, erschien das Buch zunächst als Fortsetzungsroman in einer Abonnementzeitschrift) auf den Abgabetermin drängte. Der Roman sollte am Ende als eine Abrechnung mit Zürich, der «Eisenbahnmisere» und dem «sozialen Missbehagen» enden – in Kellers Notizen, wie in der Ausstellung in Text und Bild nachzuvollziehen ist, war eine Art biblischer Feuersturm und Untergang für Münsterburg geplant.

Teaserbild: Johann Salomon Hegi, «Gottfried Keller cog: Strabo», 7.8.1840 München, Zentralbibliothek Zürich
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is 26.Mai
Zur Ausstellung «Gottfried Keller. Der träumende Realist» gibt es ein reichhaltiges Rahmenprogramm sowie einen Reader mit vielen Illustrationen.
Ausserdem wurde eine Website aufgeschaltet, die 111 Geschichten auf den Spuren Gottfried Kellers erzählt.

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