Gesellschaft

Vera Brittains Buch zum 1. Weltkrieg

Das Leben eines ganz normalen Menschen im Kontext der zeitgenössischen Geschichte“

Eine junge Frau Anfang des 20. Jahrhunderts will gegen die Regeln der Gesellschaft ein unabhängiges Leben – Studium und Beruf statt Gattin und Mutter, wie es für Frauen ihres Stands vorgesehen wäre. Sie geht nach Oxford studieren, schreibt an ihrem ersten Roman und verliebt sich in einen Freund ihres Bruders, einen Lyriker. Dann stürzt sich das Königreich in den Grossen Krieg. Hier wie im deutschen Reich erliegt die Jugend der Propaganda. Männer der Elite lassen sich in einer Schnellbleiche zu Armeeoffizieren ausbilden und ziehen in die Schlachten, während junge Frauen Verstümmelte und Sterbende in Lazaretten betreuen.

Buchcover mit einer Fotografie der Autorin als Hilfskrankenschwester im 1. Weltkrieg.

Über diese, ihre Generation erzählt Vera Brittain (1893 – 1970) in dem BuchVermächtnis einer Jugend, über eine Generation, deren Zukunftspläne jäh kaputt gingen, die in einem sinnlosen Gemetzel, angerichtet von rachsüchtigen und geldierigen, sich am Waffengeschäft bereichernden alten Männern, vernichtet wurde. Es gelang der Autorin jedoch nicht, diese Erfahrungen, wie geplant, aufgrund ihrer Tagebücher, Briefe und anderer Dokumente als Roman zu fiktionalisieren. So wurde Das Vermächtnis einer Jugend,erst 1933 veröffentlicht, eine so berührende Autobiographie wie erschütternde Dokumentation über die Jahre vor und nach dem 1. Weltkrieg, schildert den beharrlichen Kampf einer behüteten Tochter des Bürgertums für ein selbstbestimmtes Leben, die Leiden im Krieg und die Schwierigkeit der Rückkehr in den Alltag. Feminismus und Pazifismus sind die Stichworte für die Überwindung des Traumas. Das Buch geht in seinen Beschreibungen der Kriegsgreuel an die Grenzen des Sagbaren und erhellt zugleich, was es bedeutete, damals jung zu sein.

 

Britische Soldaten der Royal Irish Rifles in einem Schützengraben an der Somme, Herbst 1916

Im Vorwort beschreibt Vera Brittain, warum ihr die Veröffentlichung ihrer Erinnerungen an die Jahre 1900-1925 so wichtig war. Sie wollte „das Leben eines ganz normalen Menschen im Kontext der zeitgenössischen Geschichte schildern und auf diese Weise zeigen, wie weltweite Ereignisse und Bewegungen das persönliche Schicksal von Männern und Frauen beeinflussen.“ Der erste Satz: „Der Ausbruch des grossen Krieges war für mich zunächst keine unvergleichliche Tragödie, sondern eine überaus ärgerliche Störung meiner persönlichen Pläne,“ zieht einen in die Lektüre. Mit den ausführlich zitierten Passagen aus Briefwechseln im Wechsel mit Schilderungen der Orte, an denen sich Brittain als Hilfskrankenschwester oder im spärlichen Heimaturlaub aufhielt, münden regelmässig in ihr Nachdenken über den Krieg, seine verheerende Sinnlosigkeit und die Zerstörung aller Werte sowie ihre bitterbösen Anklagen gegen die Verursacher.

Aber nicht nur ihr Bruder und ihre besten Freunde zog es im Glauben, einer guten Sache zu dienen, an die Front, auch Vera Brittain kann ihr Studium in Sicherheit nicht weiterführen, während andere sich opfern wollen; sie meldet sich als Freiwillige, wird Hilfspflegerin in Lazaretten, das schlimmste in Etaples im verwüsteten Westeuropa, leistet Dienst bis zur Erschöpfung, erlebt das grosse sinnlose Sterben einer Generation aus nächster Nähe – ihr Verlobter wird erschossen, enge Freunde krepieren, fast am Kriegsende erwischt es ihren Bruder im Trentino.

Barackenlazarett – Blick ins Innere einer Baracke

Dass sie völlig desillusioniert bei Kriegsende Mühe hat mit dem Weg zurück in die Normalität, dass sie ihre Zuversicht verloren hatte, wundert nicht: „Unsere Generation ist verflucht, sie ist verflucht, und der Völkerbund und alles, wofür er steht, nur ein zerbrechliches Spielzeug in den Händen brutaler, steinzeitlicher Kräfte,“ die sie andernorts als jene Einflussreichen entlarvt, „die so mächtig waren, dass sie Politiker zwingen konnten, zum Nutzen weniger die unterschiedslose Vernichtung von Millionen anzuzetteln.“ Sie muss auch erkennen, dass jene, die zuhause geblieben sind, nicht nachvollziehen können, was sie zu verarbeiten hat: „Ich war eine Witzfigur, die sich auf groteske Weise mit Erfahrungen aus einem Konflikt brüstete, der bereits démodé war.“

Vera Brittain geht nach dem Krieg wieder studieren, schliesst in Geschichte ab und kann vom Schreiben leben, unabhängig und selbstbestimmt. Mit aller Vorsicht schliesst sie eine Ehe mit einem Intellektuellen, der sich wie ihr erster Geliebter Roland als Verfechter der Gleichheit der Geschlechter bezeichnet. Als die gefeierte Journalistin und Autorin 1944 die Bombardierung deutscher Städte unmenschlich nennt, wird sie angefeindet, ihr engagierter Pazifismus bleibt unverstanden.

Vera Brittain wurde in Hamburg (und Berlin) eine Strasse gewidmet, als Dank für ihre Anprangerung der Bombardierung deutscher Städte im 2. Weltkrieg

Wer diese zugleich sehr persönlichen und sachlich-analytischen Aufzeichnungeneiner Frau, die das Weltgeschehen in einer Zeit des Zerfalls beobachtete, liest, kommt nicht umhin festzustellen, dass es angesichts des aktuellen Wettrüstens, welches Europa wieder ins atomare Schussfeld der Grossmächte bringt und angesichts eines wachsenden Nationalismus, der die Stabilität der EU unterspült, täglich an Aktualität gewinnt. Die deutsche Übersetzung von Ebba D. Drolshagen macht dank der unprätentiösen, nie altertümlichen und sorgfältigen Sprache das Lesen der vielen hundert Seiten leicht, auch wenn blutige Beschreibungen von der trostlosen Arbeit im Lazarett an die Nieren gehen, und Fernsehreportagen aus Spitälern heutiger Konfliktgebiete realer werden lassen.

Vera Brittain Vermächtnis einer Jugend. 528 Seiten, Gebunden. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2018. CHF 38.90