FrontKulturTränenfluss und Cyberkriminalität

Tränenfluss und Cyberkriminalität

Im Fotozentrum Winterthur zeigt das Museum Konzeptkunst von Anne Collier, die Stiftung eine Installation von Salvatore Vitale.

Anne Collier (*1970), amerikanische Fotokünstlerin, arbeitet über den Gebrauch der Fotografie von den 60er Jahren an bis zur Jahrtausendwende. Sie sammelt, und sichtet viel Material, inszeniert, schneidet zu und digitalisiert. Aber – wichtig für ihre Arbeit: sie fügt nichts hinzu. Nun sind ihre Bilderserien mit dem Generalthema Frau und Fotografie im Fotomuseum Winterthur erstmals in der Schweiz ausgestellt. Die Quellen sind Pop Art, Filmstills, Comic-Bücher, Hochglanzmagazine, Plattenumschläge, Werbefotografie – also Darstellungen, die zumeist ein sexualisiertes Frauenbild zeigen.

Installationsansicht «Anne Collier – Photographic», © Benedikt Redmann/Fotomuseum Winterthur

Im ersten Raum blicken einen schöne weibliche Augen an – immer mit Tränen, fast immer in Riesenformaten. Gefunden hat sie sie in Comic-Büchern und auf Plattencovers. Was dort zumeist sexualisierte Darstellungen von verletzlichen und sehr attraktiven Frauen sind, bekommt bei Collier eine neue Geschichte, in der die Tränen, die als Tropfen über die Haut rinnen, an andere Körperflüssigkeiten erinnernd. Mit einer Grossbildkamera fotografiert sie ihre Fundstücke, stellt Papierabzüge her und digitalisiert sie, um sie für einen weiteren Druck zu bearbeiten.

Aus der Serie «Women With Cameras» (Anonymous), 2016 © Anne Collier Courtesy of the artist

Neben der Serie Woman Crying steht fastals Gegensatz Women with Camera: in dieser Diaschau sind es die Frauen, die aktiv sind, die Kamera in Händen halten und Fotos machen und die erst noch selbst bestimmen, wo und wie sie sich gespiegelt darstellen. Auch hier sind diese Selbstporträts aus den 70er Jahren und später zumeist Amateur-Schnappschüsse aus der Zeit vor der ausufernden Selbstdarstellung mit Selfies. Diese Fotos waren für Augen im engeren Umfeld der sich Porträtierenden, nicht für globale Plattformen gemacht worden.

Weitere Arbeiten präsentieren Werbeanzeigen aus den 70er Jahren für Kameras, Stative und so weiter – immer angereichert mit halbnackten Frauen – meist in lasziver Haltung. Sex sells, der Markt war auf Männer ausgerichtet. Mit ihrer konzeptuellen Arbeit – anfänglich von Cindy Sherman inspiriert – setzt sich Collier kritisch mit ihrem Thema, dem Gebrauch der Fotografie ab 1960 auseinander. Ausstellung und Publikation Anne Collier. Photographic sind in Zusammenarbeit mit dem Sprengel Museum in Hannover und dem Fotomuseum Winterthur erarbeitet worden.

Kontrollraum der Kapo ZH zur Überwachung der Autobahnen in der Region Zürich (2016). Das Schweizer Schnellstrassensystem ist eine zentrale Achse für den Waren- und Personenverkehr in Europa.© Salvatore Vitale

Der Sizilianer Salvatore Vitale (* 1986), geboren in Palermo, hat eine Ausbildung an der HdK in Zürich absolviert, lebt heute in Lugano und Zürich, kennt also die Schweiz als zweite Heimat. Ihn treibt die Sicherheit in allen Lebensbereichen – vom Grenzschutz bis zum Datenschutz – um. Was er dabei herausgefunden hat, ist nun in einer zunächst unübersichtlichen Installation in der Fotostiftung in Winterthur zu erfahren. Hier sind für einmal nicht allein Fotografien ausgestellt, allerlei Medien von beschrifteten Zetteln, aussagekräftigen Artefakten, Datenanalysen und viel Lesestoff ergeben am Ende eine Art Parcours durch die Ideologien und Vorschriften einer gesicherten vielleicht auch sicheren Schweiz.

Schweizer Grenzschutzbeamte in Chiasso haben 2015 das Schild innerhalb der Grenzwachstelle angebracht, da vielen Migranten nicht bewusst ist, dass sie eine Grenze überschreiben. Zudem ist etlichen die Existenz der Schweiz unbekannt. © Salvatore Vitale

Sein mehrjähriges Projekt bezieht – wie man sich auf seiner Website überzeugen kann –alle denkbaren Institutionen und Dienste wie Polizei, Militär, Zoll- und Migrationsbehörden, Wetterdienste, IT-Unternehmen und Forschungseinrichtungen für Roboter und Künstliche Intelligenz ein und versucht in dieser Ausstellung, die letztlichabstrakte Herstellung von Sicherheit erfahrbar und verstehbar zu machen. Der Waffengebrauch, die Grenzkontrolle, Bunker in der Landschaft sind zwar durchaus real, aber wenn es um Sicherheit im digitalen Bereich oder in der Forschung geht, braucht es mehr als ein Bild zur Visualisierung.

Schweizer Grenze, Chiasso 2016, aus der Serie «How to Secure a Country» © Salvatore Vitale

Vitale will als Künstler zum Diskurs einer Gesellschaft beitragen, hinterfragen, wiesie mit wachsenden Bedrohungen –wirklichen oder nur angenommenen –umgeht, wenn sie sich mit Terrorismus und Cyber-Kriminalität, Überwachung und Datenmissbrauch konfrontiert sieht. Ihn treibt auch der Dual Use um, die Nutzung einer Technologie für zivile und militärische Zwecke. Beispiel wäre da die Drohne. Immerhin hat Vitale bei seiner Arbeit auch gelernt, dass die Schweiz relativ offen vorgeht bei der Forschung und Entwicklung, das Volk weiss Bescheid – so es sich bemüht. Zur Ausstellung  ist eine Publikation bei Lars Müller Publishers erschienen: How to Secure a Country. From Border Policing via Weather Forecast to Social Engineering – a Visual Study of 21st Century Statehood. hg. von Salvatore Vitale und Lars Willumeit.

Teaserbild: Bild aus der Serie Woman Crying 2016 (Ausschnitt)
bis 26. Mai
Hier finden Sie Informationen zu Öffnungszeiten von Fotomuseum und Fotostiftung

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