FrontGesellschaftNach dem Sturm

Nach dem Sturm

Beat Bieri und Jörg Huwyler drehten den Kinofilm «Nach dem Sturm» über die Luzerner Krawallnacht. Judith Stamm und Josef Ritler waren dabei.

Es war vor 50 Jahren: Die 68er-Jahre haben die Metropolen der Welt in Aufruhr versetzt. Doch, bislang noch wenig beachtet: Auch die Peripherie wurde von gesellschaftlichen Erschütterungen erfasst. So auch die Innerschweiz. Erstaunen konnte das eigentlich nicht. Hier waren die gesellschaftlichen Verhältnisse besonders unverrückbar zementiert, die Tradition, auch durch den Katholizismus geprägt, war bislang unantastbar. Diese Enge wurde von der Jugend zunehmend als erdrückend empfunden.

Wutentbrannt stürmten die Krawallbrüder die Polizeihauptwache

Ab 1969 kam es überall in der Innerschweiz zu Ausbrüchen, kollektiven und individuellen. Ein Kunstskandal schockierte Stans. In Uri versuchten Armeegegner das Militär abzuschaffen. In den Klosterschulen kamen dem Katholizismus die besten Köpfe abhanden. In jener von Einsiedeln gründete Thomas Hürlimann, der spätere Schriftsteller, einen «Atheistenclub». In Zug begann Jo Lang, der wegen fremder Weltanschauung aus dem Kollegi von Sarnen geflogen war,  den Kampf gegen den Rohstoffhandel. Der lauteste Knall jedoch erschütterte Luzern.

                          Die BLICK-Schlagzeile

«Krawallorgie in Luzern» (Blick-Titelseite), Januar 1969: Erstaunt, ja verängstigt schraken Anfang 1969 die Einwohner von Luzern aus ihrer Beschaulichkeit auf. Eine Horde Jugendlicher, «Krawallbrüder», «Halbstarke» oder auch nur «degenerierte Menschen» genannt, versuchte in einer Januarnacht den Polizeiposten zu stürmen, beobachtet und angefeuert von einer mehrhundertköpfigen Menge. Sowas hatte es in der schönen, etwas selbstverliebten Touristenstadt zuvor nie gegeben. Es war der gewalttätige Ausdruck eines Konfliktes zwischen Jung und Alt, zwischen Unten und Oben.

Judith Stamm und Josef Ritler mit den Filmern Beat Bieri und Jörg Huwyler an der Premiere

An der Premiere am 25. April 2019 im Kino Bourbaki in Luzern trafen sich die Protagonisten und erinnerten sich an die früheren Zeiten. Die Zuschauer erhielten Einblick über die Arbeit von Judith Stamm, die damals als erste Frau bei der Luzerner Kantonspolizei die  jungen Polizeianwärterschüler unterrichtete. Später übernahm sie die neu geschaffene Stelle als Pressesprecherin der Kriminalpolizei und arbeitete als Jugendanwältin bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Luzern.

Judith Stamm setzte sich für das Frauenstimmrecht ein und wurde in ihrer politischen Laufbahn zur höchsten Schweizerin, zur Nationalratspräsidenten gewählt.

Mit den Polizisten, die in der Krawallnacht im Einsatz waren, traf sich der ehemalige BLICK-Reporter Josef Ritler. Gemeinsam erinnerten sie sich an die turbulente Zeit in der Leuchtenstadt. Eine weitere Film-Szene spielt in der Interkantonalen Polizeischule IPH in Hitzkirch LU, wo Stamm und Ritler einen inszenierten Hauskrach mit anschliessender Verhaftung des Ehemannes verfolgten. Dabei wird erklärt, dass die beiden jetzt für Seniorweb schreiben.

Judith Stamm und Joser Ritler in der Polizeischule Hitzkirch

So kam es zur Krawallnacht

Am Anfang steht ein Krawall, der zustande kommt, weil ein Mann in Polizeigewahrsam stirbt. Von Polizisten zu Tode geprügelt? So wollen es Gerüchte, und es kommt zu heftigen Demonstrationen. Wir schreiben das Jahr 1969, in der Welt draussen haben Bewegte seit einem Jahr einiges hinterfragt: Kalter Krieg, verklemmte Sexualität, Weltausbeutung.

In Luzern, dieser lieblichen, braven Touristenstadt, entwickelt sich unter Jugendlichen eine «Sauwut» gegen den damaligen Stadtpräsidenten Hans Rudolf Meyer. Meyer, kurz «HRM», ist bekannt als militärische Kapazität, die rigide durchgreift. Die sich gegen HRMs Polizeieinsätze wehrenden Demonstranten nennt er «degenerierte Menschen», «Halbstarke» oder «bedauernswerte Leute und «Typen ohne Berufsausweis».

In allen Zentralschweizer Kantonen kam es nach 1968 zu Aktionen des Aufbegehrens: in Nidwalden, Obwalden, Uri, Schwyz und Zug – zu Konflikten zwischen Aufbruch und Tradition. Was ist aus diesem Aufbruch, den damaligen Wortführern und ihren Gegenspielern, ein halbes Jahrhundert später geworden? «Nach dem Sturm» – ein filmisches Zeitgemälde aus dem Innern der Schweiz.

«Nach dem Sturm» erzählt in einer reichen Detailfülle die Geschichte der Zentralschweizer 69er-Bewegung. Im politischen Reigen sind Bekannte wie Judit Stamm, Thomas Hürlimann, Franz Kurzmeyer, der «Staatsfeind Nummer eins» Otti Frey, Reto Gamma, Regula Odermatt-Bürgi, Beat Wyrsch, Thomas Trüeb, Thomas Held u.a. auszumachen.

Gedreht wurde in Luzern, im Tessin, in Deutschland, Vietnam und Kuba. Die Musik stammt von Christy Doran, Doran-Stucky-Studer-Tacuma-Jordi und OM.

Der zweistündige Film wird im Bourbaki in Luzern, in Altdorf, Zug, Schwyz und Einsiedeln gezeigt und in einer verkürzten Version möglicherweise später auch im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt.

Fotos: Jean-Pierre und Josef Ritler

Hier zum Trailer:

http://mythenfilm.ch/nachdemsturm/nachdemsturm.html

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel