Kolumnen

Über die Kunst, miteinander zu reden

Ich liebe es, in den griechischen Sagen zu stöbern und Geschichten zu lesen. Und so möchte ich Ihnen eine ganz besonders ans Herz legen. Sie handelt vom Miteinander-reden.

Zweifellos ist der Mensch nicht geboren, um ein Einsiedlerleben zu führen. Der Mensch braucht das Du, das Vis-à-vis, um sich überhaupt selber zu erkennen. Er braucht so etwas wie einen Spiegel, in dem er sich entdeckt und sich so mit und in sich selber zurechtfinden kann. Gerade darin liegt aber vielleicht die Schwierigkeit und Kunst, in diesem Sich-öffnen auf ein Du und dem Risiko, nicht dasjenige Echo zu erhalten, das im Geheimen man sich wünscht.

Die Nymphe Echo und der Jüngling Narziss

Schon vor mehr als 2000 Jahren hatten die Griechen die Bedeutung des Dialogs erkannt, die Kunst miteinander zu reden. Wir finden in Ovids Metamorphosen die herrliche Geschichte der Nymphe Echo und dem schönen Jüngling Narziss. Wir erfahren von ihrem Schicksal, das ihnen nicht ermöglicht, das von ihnen ersehnte Gespräch zu finden: sie nicht mit Narziss, und er nicht mit dem schönen jungen Mann, dem er im Widerschein des Wassers begegnet. Wir erleben eine Szene, die uns lehrt, wie wichtig das Miteinander-reden für unser Leben ist.

Kleine wundersame Vorgeschichte: Die Nymphe Echo war ursprünglich ein recht geschwätziges Wesen. Sie versuchte immer wieder, mit ihrem Geplauder die eifersüchtige Hera von deren Gatten Zeus abzulenken, wenn immer sich der oberste Gott den schönen Nymphen näherte. Hera bestrafte die Nymphe Echo damit, dass sie fortan nicht mehr reden konnte, sondern nur (eben als Echo) einen Teil von dem wiederholen sollte, was jemand bereits gesagt hatte. (So hat man sich damals das Entstehen des Echos erklärt.)

Die Geschichte: Die Nymphe Echo war eines Tages im Wald und bewegte sich in Richtung eines Weihers, als sie durch das Gebüsch Narziss entdeckte. Sie war entzückt beim Anblick dieses wunderschönen Jünglings, der am Ufer des Weihers sass und sein Bild im spiegelglatten Wasser entdeckt hatte. Er konnte sich ab seiner Schönheit, der Schönheit dieses jungen Menschen nicht sattsehen. Er wusste nicht, dass das, was ihm entgegenschaute, er selbst war. Denn er war sich selber noch nie ansichtig geworden, da seine Eltern ihn davor bewahren wollten. Ein Orakel hatte ihnen vorausgesagt, dass wenn er sich erkennen würde, er des Todes sei. So war für ihn der Anblick seiner selbst, was dieses schöne Spiegelbild war, eine grosse Offenbarung.

Die Nymphe Echo hatte sich im Gebüsch versteckt und betrachtete Narziss eine Weile. Dann aber wollte sie ihm sagen, dass sie ihn verehre, ja ihn gar liebe. Aber wie hätte sie ihm das sagen sollen, wo sie doch nur nachsagen konnte, was jemand schon gesagt hatte? Diese quälende Einsicht führte dazu, dass sie sich bewegte, und es im Busch ein bisschen raschelte. Da rief Narziss: Wer ist da? Und sie rief hilflos zurück: Wer ist da?

Es blieb bei diesem «Wer ist da?» Sie konnten einander nicht näherkommen. Die Nymphe Echo zog sich zurück in den Wald. Sie ass nicht mehr und trank nicht mehr. Und schliesslich versteckte sie sich in den Felswänden, wo sie für immer geblieben ist bis zum heutigen Tag.

Und Narziss, der sich nicht sattsehen konnte an diesem holden Jüngling im Spiegelbild des Wassers? Auch er verzehrte sich vor Sehnsucht. Denn jedes Mal, wenn er sein Vis-à-vis anfassen wollte, kräuselte sich das Wasser, und sein Bild verlor sich. Narziss starb schliesslich vor Verzweiflung. Seine Schwestern weinten an seinem Grab. Und die Blumen, die wegen ihrer Tränen aus dem Grab zu wachsen begannen, nannten sie, in Erinnerung an ihren Bruder, «Narzissen».

Ist das nicht eine wundervolle, wenn auch sehr traurige Geschichte?