Wo liegen die Parallelen zwischen Märchen aus unseren Kindstagen und der aktuellen Lage an den Finanzmärkten?
Seit dem Jahresbeginn boomen die Aktien- und Obligationenmärkte. In diesem Zusammenhang wird wieder vermehrt vom Goldlöckchen-Szenario gesprochen. Was hat das aktuelle Wirtschafts- und Marktumfeld mit dem Märchen gemeinsam? Diesem Rätsel wollen wir nachfolgend auf den Grund gehen.
Warum der Vergleich
Wir erinnern uns vielleicht noch vage an den Inhalt des Märchens von Goldlöckchen und den drei Bären. Kurz zusammengefasst handelt die Geschichte von einem Mädchen, welches von zu Hause weggelaufen ist. In einem unbekannten Heim, welches drei Bären gehört, angekommen, testet es Brei, Stühle und Betten. Nicht zu heiss oder kalt, nicht zu hart oder weich soll es sein. Eben immer die goldige Mitte. Was hat dies nun mit der aktuellen Situation an der Börse zu tun? Die Geschichte steht stellvertretend für die richtige Dosierung zweier gegenläufiger Einflussfaktoren. Nur handelt es sich heute nicht um Brei, Stühle und Betten, sondern um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 haben die Notenbanken zu drastischen Massnahmen gegriffen, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Die geldpolitische Lockerung wurde trotz einer fortschreitenden konjunkturellen Erholung weitergeführt, weil gleichzeitig die Inflation auf tiefem Niveau verharrte. Die Wirtschaft verzeichnete genau das richtige Wachstum um die Unternehmensgewinne positiv zu stimulieren, aber die Notenbanken nicht zu einem restriktiveren Kurs zu bewegen. Das Goldlöckchen-Szenario war geboren. Die Börsen dankten es mit deutlichen Kurssteigerungen.
Im Verlaufe des letzten Jahres waren sich Anleger und Ökonomen zunehmend einig, dass die Wirtschafts- und Marktentwicklung zukünftig holpriger ausfallen würde. Die massgebenden Notenbanken hatten mittlerweile aktiv oder passiv den geldpolitischen Normalisierungsprozess in Angriff genommen. Die Inflationsraten bewegten sich in der Zwischenzeit wunschgemäss nach oben. Die globale Wirtschaft befand sich auf einem synchronen Wachstumskurs und eine mögliche Überhitzung wollten die Notenbanken unbedingt vermeiden. Die Finanzmärkte reagierten verschnupft auf diese geänderte Ausgangslage. Gegen Ende des Jahres trübten sich die Konjunkturindikatoren unerwartet ein. Warnende Stimmen bezüglich einer kommenden Rezession wurden laut. Die Anspannung an den Börsen nahm zu und gipfelten im Dezember in einem Ausverkauf risikoreicher Anlagen. Anleihen dagegen profitierten von ihrem sicheren Charakter und verzeichneten steigende Preise.
Zu Beginn des Jahres sorgten wiederum die Notenbanken für einen Meinungsumschwung bei den Anlegern. Sie versprachen die begonnene Straffung der Geldpolitik zu stoppen und mit möglichen Verschärfungen zuzuwarten. Die Aktienmärkte dankten es mit deutlichen Kursavancen. Auch die Obligationen entwickelten sich weiterhin freundlich, weil in den Augen der Anleger mit dieser Neuausrichtung der Notenbanken das Tiefzinsumfeld viel länger andauern würde als vorgängig erwartet. Mittlerweile verstärken sich zudem die Zeichen, dass die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte an Dynamik zulegt. In den Augen der Marktteilnehmer ist das Goldlöckchen-Szenario, welches über Jahre für satte Gewinne an den Finanzmärkten gesorgt hat, zurück.
Fortsetzung folgt
Die wirtschaftlichen Vorlaufindikatoren zeigen sich zunehmend freundlicher. Insbesondere die zweitgrösste Volkswirtschaft China scheint sich dank staatlicher Unterstützung von den negativen Auswirkungen des Handelsstreits zu erholen. Das sind gute Nachrichten für die exportorientierten Wirtschaftsräume wie Europa oder Japan und die dort ansässigen Unternehmen. Trotz allem bleibt das Restrisiko einer verstärkten konjunkturellen Abschwächung bestehen, wenn auch mit abnehmender Wahrscheinlichkeit. Die Inflation entwickelt sich nach wie vor gedämpft und lässt den Notenbanken den nötigen Spielraum um ihre ultraexpansive Geldpolitik fortzusetzen. Mittlerweile werden diese vorteilhaften Umstände in den gehandelten Kursen abgebildet. Dazu gehört auch eine baldige Einigung im Handelsstreit zwischen den USA und China. Trotz den märchenhaften Bedingungen gilt es deshalb vorsichtig zu bleiben. Schliesslich haben die Bären am Schluss des Märchens das freche Goldlöckchen auch aus ihrem Heim vertrieben. Eine verzögerte Wirtschaftserholung, enttäuschende Unternehmensergebnisse oder eine Zuspitzung (geo)politischer Störungen kann bei den Anlegern rasch zu einem Meinungsumschwung führen. Die (zu) hohe Bewertung würde die Anleger zu Gewinnmitnahmen verleiten. Tiefere Aktienpreise wären die unangenehmen Folgen.
Wir erzählen Ihnen garantiert keine Märchen. Zögern Sie nicht, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Unsere Kundenpartnerinnen oder -partner geben Ihnen gerne Auskunft.
