Kultur

Pflanzen und Pilze wie gemalt nur besser

Im botanischen Museum der Universität Zürich entdeckte die Archäobotanikerin Christiane Jacquat 2014 im Keller unter Tausenden von Glasbildern und Pflanzenpräparaten zweihundert besondere Dias. Sie fand dank Recherchen und der nötigen Intuition heraus, wer der rätselhafte Urheber I.H. war, der einen Teil der Glasplatten signiert hatte.

Nun hat Christiane Jacquat das Buch Die Pflanzenbilder des I. H.: Eine rätselhafte Sammlung handkolorierter Glasdiapositive herausgegeben. Ein Juwel, heisst es in der Kritik, so ist nicht erstaunlich, dass der Band beim Deutschen Gartenbuchpreis in der Kategorie Bester Bildband den zweiten Platz bekam.

Christiane Jacquat, was bedeutet diese Auszeichnung für Sie als Autorin?
Der Preis berücksichtigt das Gesamte, also auch das Layout und die Präsentation, denn auch mit dem besten Text gibt es keinen Preis. Aber es ist eine tolle Sache für die Universität. Das Buch selbst entspricht in den Grössenverhältnissen dem Format eines Glasdiapositivs, die ganze Gestaltung spiegelt die Inhalte. Es ist ein wissenschaftliches Werk, zugleich wollen wir unsere Sammlungen ja auch den Laien verständlich und schön vermitteln.

Wie kam es eigentlich zu dem Fund?

Das botanische Museum existiert seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, geriet aber weitgehend in Vergessenheit, als die zwei botanischen Institute im neuen Botanischen Garten in den Siebziger Jahren zusammengelegt wurden. Bei einem Umzug 2009 – ich war noch keine Kuratorin, die Stelle gab es gar nicht – fanden wir pharaonische Blumengirlanden. Diese stellten wir aus – und 2014 wurde ich Kuratorin des botanischen Museums. Im Keller lag auch fotografisches Material, und hunderte mikroskopische Präparate und eben diese Schachteln mit den handkolorierten Dias.

Als Sie diese genauer anschauten, wussten Sie da gleich, das ist wertvoll?
Ja schon, aber ich war keine Fotospezialistin, es war farbig und so perfekt, ich verstand freilich nicht sofort, dass die Platten handkoloriert sind. Ich dachte, es sei fast nicht möglich, dass hier erste Farbfilme verwendet wurden. So schaute ich eine unterm Mikroskop an: Da sieht man, dass das Diapositiv handkoloriert ist.

Weissdorn – detailgetreu wie Fotos von heutigen Profis. Josef Hanel © Botanisches Museum Universität Zürich

Es war ein Sensationsfund, aber woher stammen diese Dias, die einst erworben und dann vergessen wurden. Eine erste Spur führte zu einer Nachfolgefirma der Verkäufer, aber deren Firmenarchiv war zerstört. Immerhin erfuhr Christiane Jacquat, dass sich hinter dem Kürzel I.H. ein Josef Hanel verbarg. Weitere Recherchen ergaben am Ende ein realistisches Lebensbild: 1865 im mährischen Hennersdorf geboren, 1940 kinderlos in der gleichen Gegend gestorben. Einige seiner botanischen Fotografien wurden während des Ersten Weltkriegs in einem Ratgeber über Pilze veröffentlicht. Hanel war damals Mitarbeiter beim Mykologen Hans Schnegg, dem es ein Anliegen war, essbare Pilze der hungernden Bevölkerung als Nahrungsmittel näher zu bringen. Später machte Hanel sich selbständig, übernahm in seiner alten Heimat ein Atelierhaus und produzierte, unterstützt von seiner Frau, bis zu seinem Tod weiter. Teilweise fotografierte er im Atelier, oft jedoch auch in der Natur, in der ökologischen Nische, damals eine absolute Neuheit.

Wie schätzen Sie Josef Hanel ein? Ist er ein Künstler, ein Genie, ein Handwerker?

Sehr wahrscheinlich war er ein Laie, kein professioneller Fotograf. Er war Zimmermaler-Gehilfe in Wien, das wissen wir, und begann irgendwann mit Fotografie. Als er mit fünfzig nach München zog, gab er bei der polizeilichen Anmeldung als Beruf Fotograf und Maler an. Zum Beweis brachte er Beispiele mit und schrieb dazu, er sei spezialisiert auf die Herstellung von handkolorierten Glasplatten für den Unterricht. Damals gab es Zentren, wo man diese Platten kaufen oder mieten konnte. Hanel verkaufte seine Glasplatten für 1,80 Reichsmark. Davon konnte er leben, wurde aber nicht reich, dafür anerkannt in der Wissenschaft. Ich musste sehr detailliert recherchieren, beispielsweise fand ich nirgends einen Lebenslauf; die Geschichte, die ich nun erzähle, hat also gewiss Lücken.

Honiggelber Hallimasch. Josef Hanel © Botanisches Museum Universität Zürich

Sie sind Forscherin, arbeiten mit Pflanzen. Nun entdeckten Sie eine vergessene Sammlung Lichtbilder von Pflanzen, die das Museum, wie Sie herausfanden, 1927 bis 1930 kaufte. Wie erlebt man solche Entdeckungen?
Natürlich ist es toll, wenn Sie etwas entdecken. Meine Forschungsarbeit als Archäobotanikerin beginnt immer mit einer Entdeckung. Man macht da eine Art Detektivarbeit mit fossilen Pflanzen. Mir ist auch wichtig, die Sammlungen dem Publikum näher zu bringen. So wie wir das seinerzeit mit den pharaonischen Girlanden taten. Zunächst ergab sich die wissenschaftliche Arbeit, aber wir zeigten die Grabgirlanden in Ausstellungen und publizierten darüber.

Könnte man Hanels Bilder heute noch für die Lehre einsetzen?
Ja, natürlich, wir haben sie gescannt und dieses Material kann man als Beispiel für die damalige Lehre einsetzen. Oder dachten Sie an die wissenschaftliche Qualität?
Ja, vor allem.
Gewiss, sie sind nach wie vor perfekt. Ein Professor fragte mich erst kürzlich an, ob er Bilder haben könne; er ist auf Weizen spezialisiert. Hanels Dias von Getreidepflanzen und von Pilzkrankheiten bei denselben, auch beim Weizen sind in unserem Buch abgebildet.

Roggen mit Schwarzrost. Josef Hanel © Botanisches Museum Universität Zürich

Sie erwähnen, dass ein Teil der Sammlung, nämlich die Bilder von Pflanzenkrankheiten, die durch Insekten verursacht werden, verloren sei. Wäre es denkbar, dass Teile davon wieder auftauchen?
Es gibt diese Bilder im Ottoneum, dem Naturkundemuseum in Kassel, doch dort wusste niemand, dass eine Hanel-Sammlung vorhanden sei. Ein Mitarbeiter erwähnte mir gegenüber, dass man am Ende des zweiten Weltkriegs 25000 Glasplatten bekommen hatte. Er wollte dann mal nachschauen in jenem Archiv und prüfen, ob es welche mit den Initialen I.H. gebe. Wie ich hoffte, wurde er fündig und ich fuhr mehrmals nach Kassel, um die Sammlung zu studieren. Darunter sind auch jene Dias mit den von Insekten verursachten Pflanzenkrankheiten.

Also sind sie nicht wirklich verloren?
Für die Welt nicht, aber für unser botanisches Museum schon. Man weiss nicht, ob sie jemand entfernte, oder ob sie kaputt gingen. Ich fand bei uns einen Katalog, wo jedes Dia, das vorhanden sein müsste, ein Kreuz trägt. Auch diese sind als vorhanden markiert, aber sie fehlen.

Christiane Jacquat bei einer Führung im Museo Vincenzo Vela. Foto: © Mauro Zeni

Nun sind Sie pensioniert und es geht weiter, nicht wahr?

Ich bin nach wie vor in Kontakt mit Ägyptologen wegen der pharaonischen Girlanden, ich arbeite auch immer noch in Ägypten. Bei diesen Publikationen bin ich ziemlich in Rückstand. Ich war ja nicht nur Kuratorin, ich arbeitete auch in der Forschung und Lehre. Da ist noch nicht alles abgeschlossen. Ausserdem laufen die Ausstellungen zu den Pflanzendias weiter. Was jetzt im Tessin im Museo Vela präsentiert ist, wird – wenn alles klappt – nächstes Jahr nach Polen gehen, da ist noch einiges zu organisieren. Und aus Tschechien fragte man mich an, ob ich an der Uni Vorträge zu Josef Hanel halte. So geht es weiter. Gut für unser Museum. Wir machten übrigens eine nummerierte Auflage mit je einer exakten Kopie von einem der Dias auf Glas.

Das Video zeigt, wie Josef Hanel gearbeitet haben musste.

Die Ausstellung «In-flore-scientia:Kunst und Botanik. Josef Hanel (1865-1940) – Gabriela Maria Müller» im Museo Vincenzo Vela dauert bis zum 11. August
Das Buch: Christiane Jacquat: Die Pflanzenbilder des „I.H.“, AT Verlag 2019