Kolumnen

Eine Lanze für die Freiheit

Ein Liberaler kämpft für eine engagierte Zukunft.

Michel Serres ist vor einigen Tagen im Alter von 88 Jahren gestorben. Sein Werk «Die fünf Sinne» war eines meiner Lieblingsbücher. Ich las es jahrelang in ihm, wie der Pfarrer das Brevier. In poetischer, einfühlsamer Sprache spürt der französische Philosoph den Sinnen nach und schildert, wie sie die Fähigkeit entwickeln, die Dinge im Leben wahrzunehmen. Alles, was im Menschen ist, geht durch die Sinne. Als Basis für den ersten Blickkontakt steht das Auge und erweckt den Säugling zu einem humanen Wesen. Er entdeckt ganz allmählich, dass er Mensch unter Menschen ist. Die Anschauungskraft beginnt sich zu entfalten. Spürsinn und Geschmack entstehen. Die Fähigkeit, die geschwätzige Zunge zu beherrschen, nimmt bei guter Erziehung zu. Das wunderbare Werk des Philosophen führt zur Erkenntnis, dass die Welt in den Sinnen erscheint, bevor sie im Verstand und in der Vernunft ist.

Michel Serres hat kurz vor seinem Tod mit dem kleinen Buch «Was genau war früher besser?»* ein geistiges Testament verfasst. Heute, wo die alte Zeit oft als das goldene Zeitalter gepriesen wird, legt er dar, wie es früher wirklich war. Er nennt seinen Essay «optimistischer Wutanfall». Darin tritt er jenen entgegen, die tun, als ob früher alles besser gewesen wäre. Serres war ein liberaler Denker, der fest auf dem Boden der Demokratie mit einem funktionierenden Rechtsstaat stand. Ihn lesend könnte man denken, wir lebten historisch in der besten aller möglichen Welten. Und dies darum, weil die Freiheit des Menschen in der Demokratie die ungeahnten Chancen bietet, Schritt für Schritt zu verbessern, was nicht gut ist. Diese historisch beste aller möglichen Welten unterliegt einem Prozess, in der sie der Mensch stets wahrer, gerechter und sozialer zu machen versucht. Die offene, liberale Gesellschaft verändert sich ständig und ist in historischen Momenten immer die beste aller möglichen Welten. Und schon verändert sie sich wieder, weil der Mensch Mängel und Ungerechtigkeiten erkennt, die er beseitigen möchte. Dafür demonstriert er, dafür setzt er sich leidenschaftlich ein und dafür wählt er Politiker.

Ja, was war denn früher besser? Serres stellt seine Meinung an zahlreichen Lebensbereichen dar. Das Gesundheitswesen hat Leiden erträglicher gemacht. Früher liess sich ein Zahn nur mit grossen Schmerzen ziehen, nötige Operationen waren die reinste Tortur. Die Hygiene im Schloss von Versailles war unter dem Sonnenkönig katastrophal. Frauen trugen die Wäsche nach draussen an einen Fluss oder in eine öffentliche Waschanstalt. «Für die Männer war körperliche Arbeit die Regel, im Freien. Schaufel, Hacke, Axt, Pickel, Sense. Während des Krieges erhielten sie Lebensmittelkarten für Schwerarbeit.» Es gab keine Hubstapler, keine Motoren, die die Körperkraft ersetzten.

So beleuchtet Michel Serres fast alle Lebensbereiche und zeigt, was sich gegenüber früher verändert und verbessert hat. Er berührt die Frauenfrage, die Kommunikation unter den Menschen, den Verkehr. Er verkennt die Nebenwirkungen und die Folgen des Fortschritts nicht. Aber er weiss, dass gewaltige Anstrengungen unternommen werden, zu korrigieren, was schief läuft. In demokratischen Staaten herrscht kein Stillstand, keine Resignation, da kämpfen die Menschen für eine noch bessere Welt. Unter dem Sonnenkönig lautete die Parole l` état c`est moi. «Ich bin der Herrscher meiner selbst. Da bleibt die Welt, wie sie für mich ist.» Ein Tyrann im Kreml, ein steinreicher Milliardär an der Börse schaffen gleichermassen abhängige Menschen. Erdogan unterdrückt das freie Wort. In solchen Staaten nimmt die Selbstverantwortung ab. Die Wirtschaft schwächelt. Serres kämpft mit seinem «optimistischem Wutanfall» für Frieden und Freiheit, Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Er macht bewusst, dass es möglich ist, die Welt zu verbessern. Gerade noch konnte er erleben, wie junge Menschen auf die Strasse gingen, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. So hämmert er den Menschen ein, nicht zu resignieren, nicht alles schlecht zu reden und aus der Geschichte zu lernen. Er wollte beweisen, dass Optimismus für eine bessere Zukunft nötig ist und Engagement sich lohnt.