Kultur

"Nabucco" rührt ans Herz

Ob Gassenhauer, ersehnte italienische Nationalhymne oder Sinnbild für jedes geknechtete Volk, Giuseppe Verdis Geniestreich von 1842, sein „Nabucco“ mit dem weltberühmten Gefangenenchor, lassen kein Auge trocken.

Es war die letzte Zürcher Opernpremiere der Saison, die Wagen für die TV-Aufzeichnung standen in Reih und Glied, und die Besetzung weckte einige Hoffnungen. Nicht alle erfüllten sich. Es war das Rollendebut von Michael Volle als König von Babylon, dem Anna Smirnova als eifer- und machtsüchtige falsche Tochter Abigaille die Krone entreissen sollte. Und es war das Wiederhören mit dem unwiderstehlichen Bass Georg Zeppenfeld (als Zaccaria) und dem kometenhaft aufgestiegenen Tenor Benjamin Bernheim (als Ismaele). Und wir durften uns auf den  Mezzo der facherprobten Römerin Veronica Simeoni (als Nabucco-Tochter Fenena) freuen. Und natürlich auf den allzu lange wieder vermissten Fabio Luisi am Dirigentenpult mit der in allen Registern seismografisch agierenden Philharmonia Zürich.

So viel vorweg:  Luisi heizte die Tempi in den dramatischen Steigerungen mit lodernder Verve derart ein, dass sich die daraus resultierenden exzessiven Lautstärken Lavaströmen gleich in den Zuschauerraum ergossen, was die Protagonisten an die stimmlichen Grenzen und darüber hinaus führte. Am schlimmsten traf es Anna Smirnova, die den Temporückungen in den Höhen Tribut zollte und mal aufs Mal empfindlich detonierte. Michael Volle konnte mit einem fesselnden Charakterporträt wettmachen, was ihm in den Tutti-Passagen an Strahlkraft mangelte. Simeoni, Zeppenfeld und Bernheim wurden den hohen Erwartungen aber weitgehend gerecht. Und was ungemein fesselte, war die griffige, agile und raumgreifende Präsenz von Chor und Zusatzchor, von Janko Kastelic packend einstudiert.

Anna Smirnova als Abigaille und Michael Volle als Nabucco / Fotos © Monika Rittershaus

Ich habe gut und gerne ein Dutzend „Nabucco“- Inszenierungen hinter mir, aber der von Luisi in seiner Schlichtheit wunderbar aufblühende „Va pensiero“- Herzensbrecher hat mich wirklich berührt. Keine dem Effekt geschuldeten veräusserlichten Aufwallungen, kein Drücken auf die Tränendrüsen, nein, eine  Fliesskraft ohnegleichen und optimale Textverständlichkeit erfreuten Ohr und Gemüt. Umso unverständlicher, weshalb der Maestro handkehrum derart auf die Tube drückte, als gelte es, einen Tempo-Weltrekord zu brechen. Seine unnachgiebige Handschrift lieben wir, doch das Zürcher Opernhaus ist eher kleinräumig und lässt die Klangdimensionen einer Scala oder Met nicht zu.

Wehe, wenn die Chormassen von der Regie losgelassen…

Auch die Inszenierung war Chefsache. Hausherr Andreas Homoki harmoniert bestens mit Luisi  und trägt den Theatervirus genau so in sich, das ist unbestritten und zeigt sich wiederum überdeutlich. In einer Choroper wie „Nabucco“ haben die Chöre natürlich eine zentrale Rolle inne, und diese einigermaßen glaubhaft zu führen, ist kein Zuckerschlecken. Aber dass da wallende Chormassen unentwegt und händeringend um ein kreisendes Ungetüm von einer Sperrmauer herumrennen müssen und immer wieder umnachtet in die Knie sinken, weil sie als Hebräer der Verfolgung entgehen wollen, ist, je länger der Abend, immer schwerer zu goutieren.

Da hilft auch die choreografische Mitarbeit des Balletttänzers Kinsun Chan herzlich wenig. Nun wird dem Auftritt einfach noch ein rhythmisiertes Händeballett mit weissen Handschuhen nachgereicht. Die Musik enthält alles an Dramatik und muss szenisch nicht auch noch übersteigert werden. Dass auch die Ouvertüren immer mehr dazu genutzt werden, die Handlung mit stummen Bildern metaphorisch einzuleiten, ist eine entbehrliche Modeerscheinung.

Ringen um die Krone: die Babylonier unter sich mit Chor, Abigaille und Nabucco

Eine giftgrün ausgeschlagene marmorierte Bühne wird vom Bühnenbildner Wolfgang Gussmann mit einer klaustrophobischen Riesenwand zweigeteilt, damit auch dem hintersten Zuschauer klar werden soll, dass hier ein Entrinnen ausgeschlossen ist. Immerhin verzichtet die Regie auf das obligate Blitzgewitter und niederstürzende Götzen, wenn sich Nabucco zum alleinigen Gott ausruft und dafür vom Himmel abgestraft wird.  

Es gibt aber auch eine einleuchtende Lesart in der szenischen Anordnung. Sie schärft die Bedeutung von Abigaille, die eigentlich die tragische Figur ist im behutsam angelegten Kammerspiel. Die Oper könnte genauso gut ihren Namen tragen. So wie „Macbeth“ auch „Lady Macbeth“ betitelt sein könnte, denn die beiden Frauen sind Dreh- und Angelpunkt der Dramen. Abigaille ist es denn auch, die sich während des Gefangenenchors die Ohren zuhält, weil sie als treibende Kraft für die Vernichtung der Hebräer die Wahrheit nicht hören will. Schlüssig ist das allemal. Und furios obendrein.

Weitere Vorstellungen: Juni 26, 29, Juli 2, 5, 9, 12. Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit.