Kultur

West-östliche Kunst in Basel

Leiko Ikemura und Helmut Federle im Kunstmuseum Basel scheinen auf den ersten Blick in einer gemeinsamen Besprechung nicht zusammenzupassen. Aber, wenn man ihre Werke vor Augen hat, findet man in den zwei Einzelausstellungen überraschende Gemeinsamkeiten.

Leiko Ikemura schafft als japanische Künstlerin eine Synthese zwischen östlicher und westlicher Kunst und Helmut Federle als Schweizer Künstler sucht immer wieder das Fremde ausserhalb der Heimat, auch in der asiatischen Kultur.

Leiko Ikemura – eine Retrospektive

Leiko Ikemura – Nach neuen Meeren im Kunstmuseum Basel zeigt in einer Retrospektive Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen aus allen Schaffensphasen der Künstlerin. Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit der Künstlerin sowie in Kooperation mit dem National Art Center in Tokio entstanden. Erstmals wird auch der kleine Hof im Untergeschoss des Neubaus bespielt. Leiko Ikemura liess dafür speziell die über drei Meter hohe Bronzeskulptur Usagi Kannon neu giessen.

Leiko Ikemura, Vogelspinnen, 1983,  Acryl auf Leinwand. Foto: Martin P. Bühler, Kunstmuseum Basel / ©Pro Litteris, Zürich

Nach dem Literaturstudium hatte sich Leiko Ikemura (*1951) der Malerei zugewendet und studierte 1973 an der Kunstakademie in Sevilla. 1979 bis 1983 lebte sie in der Schweiz, wo sie mit ihren Bildern, die um die Themen Aggression, Gewalt und den Kampf der Geschlechter kreisten, erstmals Aufsehen erregte. Heute lebt sie in Deutschland, wo sie auch als Dozentin an der Universität in Berlin und in Japan unterrichtet.

Leiko Ikemura, Ohne Titel, 1986, Kohle, Bleistift und Farbstift auf Papier. Foto: Kunstmuseum Basel / ©Pro Litteris, Zürich 2019

In Deutschland konnte sich Leiko Ikemura erstmals in Nürnberg als Stadtzeichnerin ausschliesslich dem Zeichnen und Malen widmen. Hier besann sie sich ihrer japanischen Wurzeln, die fortan ihr Schaffen begleiten. In kraftvollen, expressiven, auch sperrigen, mitunter brutalen Zeichnungen bringt sie emotionale, körperliche und zwischenmenschliche Beziehungen zum Ausdruck.

Leiko Ikemura, White Head with Trees, 2017, Terracotta glasiert. Foto: Ruth Vuilleumier

Während eines Atelieraufenthalts in Graubünden 1989 verändert sich ihr Stil radikal und wird weicher. Mit breitem Pinsel und flüssigen Farben malt sie die Werkgruppe Alpenindianer. Die Konturen lösen sich auf, Farben lassen den Raum entstehen, Figur und Landschaft verschmelzen. In ihren Keramikskulpturen tauchen archaisch anmutende Hybridwesen auf.

In den 1990er Jahren wendet sich Leiko Ikemura zunehmend weiblichen Wesen zu. Sie scheinen in Zwischenreichen zu leben und entziehen sich genauerer Charakterisierung, sind verletzlich und unerreichbar. Sie erscheinen im flüchtigen Zustand kindlicher Unschuld und Einsamkeit, doch auch in ihnen schwingen Zerstörung und Gewalt mit.

In ihren jüngsten Arbeiten greift die Künstlerin stärker auf ostasiatische Tuschemalerei zurück. Sie lässt kosmische Landschaften aus amorphen Gebilden entstehen. Die Landschaft wird metaphysischer Ausdruck eines ursprünglichen Naturraums. Beseelt von Geistern bilden Mensch, Tier und Pflanze eine Einheit, ganz im Naturverständnis des japanischen Shintoismus.

Leiko Ikemura, Tokaido, 2015, Tempera auf Jute, 190 x 290 cm. Foto: Jörg von Bruchhausen, Galerie Karsten Greve, Köln / Paris / St.Moritz / ©Pro Litteris, Zürich 2019

Im Triptychon von 2015 lässt Ikemura Mensch und Natur in Traum- oder Seelen-Landschaften verschmelzen. Geister werden sichtbar, Berge, Felsen und Pflanzen erfahren eine spirituelle Belebung. Die Landschaften bringen auch die Sorge um die Zukunft unseres Planeten zum Ausdruck, angesichts der zunehmenden Bedrohung unseres Lebensraums.

Die Darstellungen von Frauenfiguren haben sich in Ikemuras Schaffen ebenso gewandelt. In einer Serie raffinierter Monotypien Amazonen aus dem Jahr 2015 sind aus den aggressiven Kriegsgöttinnen des Frühwerks innerlich starke und in sich ruhende Frauen geworden.

Die Künstlerin Leiko Ikemura vor der drei Meter hohen Bronzefigur „Usagi Kannon“, 2012/2019. Foto: Julian Salinas

Die monumentale Bronzeskulptur Usagi Kannon entstand unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima. Sie verkörpert Frau und Hase und ist zugleich Skulptur und Tempel. Als Hase symbolisiert sie Fruchtbarkeit und Glück. Der schützende Tempel erinnert an einen Bodhisattva, der das Leid anderer auf sich nimmt, auch an die christliche Schutzmantelmadonna. Diese begehbare Figur lädt die Besucher ein, unter ihren Schoss zu schlüpfen, was auch mit entsprechenden Selfies und Gekicher getan wird.

 Helmut Federle – eine Reprise

Die Ausstellung 19 E. 21st St., Six Large Paintings von Helmut Federle ist eine konzentrierte Präsentation mit Werken aus der Sammlung, Leihgaben sowie Keramiken aus dem Besitz des Künstlers. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Künstler mit dem Ziel, seine Werke neu zu kontextualisieren und zu entdecken. In den 1980er Jahren gehörten Federles Arbeiten zur ständigen Ausstellung im Basler Museum für Gegenwartskunst.

Helmut Federle, Alligator in the Swamps OKEFANOKEE, 1980, Fettkreide, Dispersion, Bleistift auf Papier, 21,6 x 27,8 cm. Foto: Martin P. Bühler, Kunstmuseum Basel

Helmut Federle wurde 1944 in Solothurn geboren und lebt heute in Wien und Camaiore / Italien. 1999 bis 2007 war er Dozent an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Nach seinem Kunststudium in Basel begann er seine Position als Maler zu etablieren. Sein Interesse an der Abstraktion lag von Anfang an im Spannungsfeld zwischen gestischer und streng geometrischer Malweise.

Helmut Federle, Untitled, 1983, Tinte, Bleistift auf Papier, 28,8 x 29,1 cm. Foto: Martin P. Bühler, Kunstmuseum Basel

Eine Auswahl von Arbeiten auf Papier aus den Jahren 1979 bis 1984 zeigt Federles kontinuierliche Auseinandersetzung mit geometrischen Formen und ihren Balanceverhältnissen auf der Bildfläche.

Das Gemälde Asian Sign von 1980 entstand während des mehrjährigen Aufenthalts des Künstlers an der Adresse 19 E. 21st St. in New York. Es wurde 1982 für die Sammlung des Kunstmuseums Basel angekauft. Die auf der Form einer Swastika basierende Komposition führte damals zu heftigen Diskussionen. Die Swastika – von den Nationalsozialisten seitenverkehrt für ihre Propaganda missbraucht – gehört zu den ältesten Symbolen der Welt und ist in vielen Kulturen ein Glückssymbol, insbesondere in Asien.

Helmut Federle, (lks) Untitled, 1990; (rts) Asian Sign, 1980. Foto: Julian Salinas / ©Pro Litteris, Zürich 2019

Wenngleich Federles Arbeiten auf geometrischen Formen basieren, sind gerade die grossformatigen Gemälde bei näherer Betrachtung vielschichtig. Die dominanten linearen Formen und Zeichen halten die Komposition zusammen. Dahinter aber eröffnet der grosszügige, lockere Farbauftrag Welten, die über das vordergründig Sichtbare weit hinaus reichen. Mit etwas Fantasie entdeckt man Städte, schwebende kosmische Landschaften, die wir eher erahnen als wirklich sehen.

Schale, persische Keramik, Nichapour 9./10. Jahrhundert, persönlicher Besitz des Künstlers

Eine Response zur lockeren Färbung finden wir in der mitausgestellten persischen Keramikschale aus der persönlichen Sammlung des Künstlers. In der Gegenüberstellung mit den Gemälden und den Arbeiten auf Papier sowie der aussereuropäischen historischen Artefakte wird deutlich, dass Federle mit abstrakt nicht gegenstandslos meint, sondern Abstraktion als persönliches, Epochen und Kulturen übergreifendes Kontinuum versteht.

Die Ausstellung von Leiko Ikemura dauert bis 1. September, dazu ein illustrierter Katalog, 167 Seiten, Prestel Verlag, 2019, 39.- Fr.

Die Ausstellung von Helmut Federle dauert bis 15. September, dazu ein illustrierter Katalog, 128 Seiten, Hg. Kunstmuseum Basel, 2019, 38 Fr.