Gesellschaft

Berner Sonnenwindsegel auf dem Mond

Heute vor fünfzig Jahren setzte der erste Mensch seinen Fuss auf den Mond. In Bern fieberten Wissenschaftler und Eingeweihte auf eine andere Tat hin: Edwin Aldrin sollte ein Sonnenwindsegel in den Mondboden stecken.

Die Landung auf dem Mond, ja das ganze Unternehmen Mondlandung war aufgeladen mit symbolischen Taten und Objekten. Dabei war viel Prestige- und Machtstreben im Spiel, daneben beeindruckt noch heute die Zusammenarbeit von Zentrale und Apollo-Besatzung.

Die Wissenschaften wurden davon ebenfalls beflügelt. Und es scheint mir zu wenig bekannt, dass auch in Bern Weltraumforschung betrieben wurde, und zwar auf höchstem Niveau: Schon Jahre vor der ersten Mondlandung hatten Wissenschaftler, die in Bern lehrten oder in die Schweiz berufen wurden, darüber beraten, welche wissenschaftlichen Experimente für die Reise zum Mond relevant sein könnten. Johannes Geiss, Peter Eberhardt und Peter Signer entschieden sich, ein Sonnenwind-Experiment vorzuschlagen und auszuarbeiten.

Astronaut Edwin E. Aldrin und das Sonnenwindsegel der Universität Bern auf dem Mond.  © NASA Image and Video Library

Das Forschungsvorhaben wurde folgendermassen geplant: Mithilfe einer speziellen Folie sollten Sonnenwindpartikel eingefangen werden, die kontinuierlich in den Weltraum ausgesandt werden und Informationen über die chemische Zusammensetzung der Sonne liefern. Vor dem Rückflug wurde das Segel wieder eingerollt, so dass die Forscher auf der Erde die Partikel untersuchen konnten. – Das Sonnenwindsegel wurde sogar noch vor der amerikanischen Flagge auf dem Mond entrollt!

Dieses „Solar Wind Composition Experiment“ – so der offizielle Titel – war das erste nicht US-amerikanische Experiment im Apollo-Programm der NASA. Nachdem es massgeblich am Physikalischen Institut der Universität Bern geplant worden war, geschah auch die Auswertung in Bern.

„Von der Sonne strömen fortwährend Ionen und Elektronen mit einer Geschwindigkeit von über 1 Million km/h ins Weltall. Dieser Sonnenwind kommt auf der Erde nicht an, da er von der Atmosphäre und der Magnetosphäre abgelenkt wird. Unverfälschte Ergebnisse über den Sonnenwind sind nur im freien Raum oder auf einem Himmelskörper zu erhalten, der wie der Mond praktisch keine Atmosphäre besitzt.“ So erklärte Johannes Geiss, einer der führenden Berner Physiker, 1998 den Stellenwert seines Experiments.

Unter der Glasglocke:
Ein Sonnenwindsegel.
Ausstellungsbild «Bern auf dem Mond»  © Bernisches Historisches Museum, Bern. Foto: Christine Moor

Ob aber das geplante Experiment wirklich den Anforderungen gerecht werden konnte, war vorher nicht eindeutig zu klären. Damals, Mitte der 1960er Jahre, wusste man nämlich noch sehr wenig über den Mond und seine Atmosphäre. Es war auch nicht ganz sicher, ob das Sonnensegel auf dem Mond dann wirklich fest aufgestellt werden konnte. Schliesslich wurde dieses Experiment nicht nur wissenschaftlich ein grosser Erfolg, sondern fand auch in der Öffentlichkeit weitherum Beachtung.

Die Berner Weltraumforschung beschränkte sich nicht auf dieses eine Experiment. – Ein Sonnenwindsegel wurde übrigens bei fast allen folgenden Apolloflügen ausgerollt und zur Auswertung auf die Erde zurückgebracht. Es sind zwölf Missionen, an denen die Berner Universität mit zahlreichen Instrumenten und Forschungsarbeiten beteiligt ist. Ziel der Berner Weltraumforschung ist es seit Beginn, die Entstehung und Entwicklung des Sonnensystems sowie den Ursprung des Lebens zu ergründen.

Grösste Aufmerksamkeit erhielt 2016 die Rosetta-Mission mit dem Massenspektrometer Rosina. Bei diesen Forschungen war die Physikerin Kathrin Altweg federführend. Das Instrument konnte viele Bestandteile der Atmosphäre des Kometen ‚Chury‘ nachweisen und über 2 Mio. Datensätze übermitteln, an deren Auswertung zur Zeit noch gearbeitet wird.

Das nächste spektakuläre Projekt ist noch für dieses Jahr vorgesehen: Ab Herbst 2019 soll das 200 kg leichte Weltraumteleskop CHEOPS Planeten in fremden Sonnensystemen erforschen. Dabei ist die Schweiz zum ersten Mal mit der ESA zusammen für die gesamte Mission verantwortlich, unter der Leitung der Universität Bern. – Ein weiterer Grund der Berner, auf die Arbeit der Wissenschaftler ihrer Universität stolz zu sein.

«Bern auf dem Mond»: Eine Ausstellung zum grossen Jubiläum der Mondlandung.
Bis 6. Oktober 2019 im Bernischen Historischen Museum.
Die Ausstellung entstand in Partnerschaft mit der Universität Bern.

Weitere Ausstellungen zum Thema:
Zürich, Kunstmuseum: Faszination Mond
Verkehrshaus Luzern: 50 Jahre Mondlandung

Titelbild:  „Bern auf dem Mond“ – Die kleine Ausstellung zum grossen Jubiläum der Mondlandung.  © Bernisches Historisches Museum, Bern. Foto: Christine Moor