Kultur

Orlando furioso trifft Santa Rosalia

Wer die Frage „Wer sind denn diese beiden und wo sind sie her?“ mit: „Natürlich aus Palermo – da sind sie stadtbekannt!“ beantwortet, liegt goldrichtig. Auch für uns stand am Anfang eine Frage, dank der wir die zwei so Ungleichen zusammen brachten

Auf der Reise durch Sizilien bestimmten wir unsere Tagesziele diesmal etwas anders. Wir fragten an Ort Menschen: Was gefällt Ihnen besonders gut in Ihrer Stadt? Was sollten wir keinesfalls verpassen?

Die erste Antwort gab uns der Concierge im Hotel. Allerdings kannten wir seine ersten Vorschläge schon aus dem Reiseführer. Dann kam wie ein Blitz sein Vorschlag: “ll museo dei Pupi! C’è veramente speciale!“ Unsere offensichtlich fragenden Gesichter – ein Puppenmuseum? gab ihm Anstoss begeistert auszuholen. „Das ist eine Zauberwelt. Sie werden staunen und die bekannteste Figur Orlando Furioso kennen lernen! – Gehen sie nur, das Marionettenmuseum befindet sich ganz in der Nähe!“

  Amazonengruppe – bereit zum Kampf

Für uns war klar – das Reisekonzept wird durchgehalten. Und in der Tat, es hat sich gelohnt. Schon gleich hinter dem Eingang fällt einem eine Meduse mit meterhohem Schwanzteil fast auf den Kopf. Weiter geht es durch Räume mit Kriegern ausgestattet mit Rüstungen und Schwertern, in einem Raum die christlichen und im nächsten die dunkelhäutigen, schnauzbewehrten und volllippigen Sarazenen.  Die Marionetten, oft fast mannshoch, erwecken Kampfszenen aus der kriegerischen Zeit Karls des Großen und seiner untreuen wie auch treuen Paladine zum Leben. Liebestragöden, eingefädelt durch die Verführungskünste der chinesischen Prinzessin Angelic, machen die Ritter liebestoll. Untaten grausamer Monster, Riesen und Zauberer mit viel phantastischem Beiwerk sind populäre Motive.

Der Riese Selvaggio kann Verwünschungen aussprechen und Zauber auflösen. Er ist ein Abbild des einäugigen Polyphem aus Homers Odysseus-Epos.

Das Sizilianische Marionettentheater entwickelte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ausgehend von Acireale gab es bald auch in Catania und in der Umgebung von Palermo berühmte Marionettentheater. Es gibt sie noch heute!

Sie entwickelten sich aus der Tradition der Cuntastorie, der Straßensänger, die große Ritterepen vortrugen. Das brachte Abwechslung in den Alltag der Bevölkerung und sorgte für täglichen Gesprächsstoff. Durch die Konkurrenz des Fernsehens vorübergehend in den Hintergrund geraten, gewann das Puppentheater mit dem zunehmenden Interesse an alten Traditionen und mit dem wachsenden Tourismus wieder an Bedeutung.

 Ritter in fantastischen Kostümen

Das Publikum bewunderte in den Ritterspielen Orlandos verwegene Kühnheit. Das Repertoire umfasste aber auch Seifenopern mit aufwendigen Bühnenaufbauten. Man kann sich vorstellen, wie die Zuschauer mitgingen. Die Menschen kannten ja die verschiedenen Charaktere der Puppen und wussten genau Bescheid über den aktuellen Stand der Handlung. Viele Stücke folgen der Handlung des Rolandslieds oder des Epos Der rasende Roland. Es gibt drei Traditionen, jene von Acireale, jene von Catania und jene von Palermo, die als UNESCO-Kulturgut ausgezeichnet wurden.

 Orlando gegen Rinaldo – der treue und der untreue Paladin des Karl des Grossen

Während unseres Aufenthalts kam es zu keiner Aufführung. Vom 4. bis zum 10. November 2019 findet das 44. Festival di Morgana statt. Es existieren mehrere Puppentheater mit saisonalen Programmen. Ausnahme ist das Puppentheater der Familie Argento vor dem Palazzo Asmundo, es spielt täglich (ausser sonntags) jeweils ab 17 Uhr.

 Szene einer venezianischen Oper. Teatro di Gaspare Canin, Palermo 19.Jh

Zum Schluss noch ein Video-Porträt des bekannten Puppenspielers Franco Cuticchio – in der Originalsprache italienisch:

Santa Rosalia – verehrte Stadtpatronin und Schutzheilige

Den zweiten Hinweis bekamen wir von einer Passantin, die auf den städtischen Autobus wartete. Sie erklärte uns, wir müssten unbedingt die Wallfahrtskirche der Stadtheiligen Rosalia besuchen, hoch über der Stadt auf dem Monte Pellegrino, mit dem Bus gut erreichbar. Zwar war das dann doch nicht so einfach, man muss sich durchfragen oder den Fahrplan auf dem Touristenbüro der Assoziation Pro Loco erklären lassen. Hinter einer prachtvollen Renaissancefassade geht es direkt in die Höhlenkirche.

 Santuario Monte S. Pellegrino – das Portal zur Wallfahrtskirche im Fels

Rosalia wurde 1130 in eine reiche normannische Familie am sizilianischen Hof hinein geboren. Schon als junges Mädchen weihte sie ihr Leben Gott. Ihr Vater wurde wegen einer vermeintlichen Verschwörung hingerichtet und die Familie enteignet. Rosalia zog sich in eine Höhle am Monte Pellegrino zurück, führte das Leben einer Einsiedlerin und starb dort sechs Jahre später.

Santa Rosalia mit offenem Haar, weissen Rosen (beides Attribute der Jungfräulichkeit), mit Kreuz und Totenschädel.

Doch Rosalias Karriere als Volksheilige und Stadtpatronin begann erst rund 450 Jahre später. Zwei Eremiten aus der Nähe ihrer Höhle gaben im Jahr 1625 dem Kult um Rosalia neues Leben. In einer Erscheinung hätte sie Rosalia zu dem Ort geführt, an dem sich ihr Leichnam befand, der Überlieferung zufolge unverwest. Sie trug einen Kranz aus Rosen auf dem Kopf. Die Ganzkörperreliquie wurde nach Palermo in den Dom überführt: Als die Gebeine Rosalias durch die Straßen getragen wurden, gesundeten die an Pest Erkrankten und die Stadt war gerettet. 1630 wurde sie heilig gesprochen.

Die Gläubigen drängen sich hier in der Felsenkirche um den Schrein mit Rosalias Nachbildung im goldverzierten Ornat. Eine Mischung aus Ehrfurcht und Stolz ist spürbar. Rosalia, liebevoll la Santuzza genannt und der Ruf „Lang lebe Palermo und Santa Rosalia“ zeugen von der Verehrung der Einheimischen. Die Wände sind geschmückt mit Votivgaben wie bestickten Herzen, Schleifen und aus Messing geformten Armen, Beinen, Ohren – je nach dem geheilten Körperteil. Auch ein grell beleuchteter Glaskasten für Geldspenden steht bereit..

 Betende im Innern der Felsenkapelle

Beim Fest der heiligen Rosalia am 15. Juli ist der Reliquienschrein, der in der Kathedrale aufbewahrt wird, für die Öffentlichkeit zugänglich. Auf den Straßen Palermos finden Prozessionen und Feuerwerke statt.

Und wie hält es die Mafia von Palermo mit der Schutzpatronin? Im Giornale di Sicilia lesen wir, die Cosa Nostra habe sich nach einem Generationenwechsel neu positioniert. Statt Morde und Attentate zu verfügen, verfahre sie heute unsichtbar. Ihr Geschäftsmodell sei es, schmutziges Geld aus dem Drogenhandel und aus dem illegalen Glücksspiel in die legale Wirtschaft einfliessen zu lassen. Die örtliche Mafia verehre sie als Schutzpatronin und vertraue auf ihre Unterstützung. Was kann die Santuzza dafür – sie gehört allen Palmeritanern.

Einen Begegnungsplatz fern vom Verkehrslärm haben sich die Quartierbewohner hier eingerichtet.

Der unkonventionelle Bürgermeister Leoluca Orlando hat die Mafia bekämpft und Palermo zur Kulturstadt gemacht. Als Tourist kann man an einzelnen Orten die Bemühungen der Stadtregierung erkennen, alte marode Quartiere zu sanieren. Bürger haben auch zur Selbsthilfe gegriffen und kleine Oasen der Ruhe und Begegnung mitten zwischen heruntergekommenen Strassenzügen gestaltet.

Alle Fotos: © Justin Koller
Die Tourismus-Website von Palermo gibt es in Italienisch oder Englisch
Marionetten-Museen:
– Palermo: Museo dei Pupi: 0133 Palermo Piazetta Antonio Pasqualino 5
Puppentheater in Palermo
– Acireale: Museo dei Pupi: 95024 Acireale, Via Alessi 5
Puppentheater in Acireale 
Leben und Wirken der Heiligen Rosalia
Anton van Dycks Gemälde gibt es hier