Kultur

Wenn aus Spielen Krieg wird

Jugendliche spielen im Dschungel Kolumbiens Fussball, bis bitterer Ernst wird. Alejandro Landes schuf mit «Monos» ein spannendes, ästhetisch intensives und allgemeingültiges Gleichnis des Lebens im Krieg.

Am Anfang sieht alles harmlos aus. Ein paar Jugendliche spielen mit verbundenen Augen Fussball mit einer mit Schellen besetzten Kugel auf einer Anhöhe, fernab der Welt. Die acht Kids, Patagrande, Rambo, Leidi, Sueca, Pitufo, Lobo, Perro und Bum Bum, gehören zu einer paramilitärischen Einheit, die vom Boten einer Institution Anweisungen erhält. Ihr Auftrag: Sie sollen auf die Milchkuh Shakira aufpassen und die US-amerikanische Geisel Sara Watson, Doctora genannt, bewachen. Im Camp herrschen Hierarchie und strikte Disziplin, zumindest solange der Bote die Teenager-Krieger drillt. Sobald er weg ist, eskaliert die Situation, und die leichtfertig gebrauchten Waffen führen zu Entgleisungen, die das Geschehen fort- und weitertreiben, bis der Horror ausbricht und die Absurdität offenbar wird. Der Wechsel von disziplinierter Aggression und disziplinlosem Zerfall durchzieht den Spielfilm «Monos».

Der brasilianische Regisseur Alejandro Landes und sein Co-Autor Alexis Dos Santos haben mit «Monos» (Affen) einen Überlebens-Thriller geschaffen, bei dem mit Wilson Salazar in der Rolle des Boten auch gleich ein ehemaliger FARC-Guerillero von der Partie ist. Der Film spielt vor dem Hintergrund der jahrelangen, bürgerkriegsähnlichen Konflikte, deren Fronten so unübersichtlich verlaufen, wie die beteiligten Parteien zahlreich sind: Paramilitärs, Guerillas, Narcos, staatliche Institutionen, Interessenvertreter aus dem Ausland. Erst allmählich kommt mit dem Waffenstillstandsabkommen vom August 2016 zwischen der FARC, der einflussreichsten der Guerilla-Gruppe, und der Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos ein Friedensprozess in Gang, dessen endgültige Entwicklung noch nicht abzusehen ist.

Menschen, wie die Figuren eines Schattenspiels

Welttheater: radikal wie «Apocalypse Now»

Wenn eine Kollegin sich bei «Monos» an «Apocalypse Now» von Francis Ford Coppola erinnert, ist das einleuchtend und erhellend zugleich. Denn im berühmten US-Film aus dem Jahre 1979 geht es um die Sinnlosigkeit des Vietnam-Krieges, die Sinnlosigkeit jedes Krieges. Für mich weist der vierzig Jahre später entstandene «Monos» in die gleiche Richtung, geht jedoch noch weiter: In Coppolas Film waren es Soldaten, die gegen Soldaten kämpften; im Film von Landes sind es junge, pubertierende Mädchen und Jungen in einer Lebensphase, in der sie normalerweise lernen, sich dem andern Geschlecht zuzuwenden und dabei erproben, was Liebe bedeuten könnte. Für diese Jugendlichen bedeutet Leben im Krieg Leben. Ein grandioses, erschütterndes Kräftemessen zwischen Lieben und Hassen, zwischen Leben und Tod spielt sich hier ab!

Wenn ich in meiner Besprechung von «Los silencios» von Beatriz Seigner «die Flucht als Gleichnis des Lebens» bezeichnet habe, so umschreibe ich analog «Monos» als «Parabel des Lebens im Krieg». Wie im brasilianischen Film im Vordergrund eine aktuelle, politische Geschichte steht, die eingebunden ist in ein exakt beobachtetes, feinsinnig beschriebenes Melodrama, so verhält es sich im kolumbianischen Film: Die Handlungsstränge bewegen sich in beiden Filmen auf drei Ebenen: auf der aktuellen, politischen, auf der individuellen, psychologischen, auf der allegorischen, existenziellen. Der Film erhält seine Bedeutung einerseits im konkreten Hier und Jetzt und anderseits im Zeitlosen und Umfassenden.

US-amerikanische Geisel Sara Watson

Welt-Kino aus Kolumbien

Zu Beginn werden einige nützliche, wenn auch verschlüsselte Informationen zur Geschichte abgegeben: Mit dem Eintreffen eines kleinwüchsigen Mannes, den die Jugendlichen «Mensajero» (Bote) nennen, und der sofort die Zügel in die Hand nimmt, klärt sich für die Kindersoldaten und für uns einiges. Und so beginnt eine Entwicklung, die sich anfänglich im Spielen auslebt, allmählich sich aber kriegerische Rituale aneignet, bis sie einander bespitzeln, bekämpfen – und die jungen Menschen ihre Hoffnung, ihre Zukunft und einige auch ihr Leben verlieren.

Seine Grösse erhält der Film durch seine fundamentale Botschaft und die meisterhafte Gestaltung der audiovisuellen Oberfläche: den von Mica Levis faszinierend zwischen hart und zärtlich oszillierenden, sparsamen Klängen, den von Jasper Wolfs im Grossen das Intime spiegelnden Bildern, der provozierenden Montage von Yorgos Mavropsaridis, Ted Guard und Santiago Ottheguy. Das Spiel der Laien und der Profis, die Bilder, der Ton und die Montage transzendieren die Story in eine zweckfreie Schönheit und verschränken diese mit dem Chaos eines zunehmenden Moral- und Werteverlustes. Die am Ende zersprengten Monos, also der Affen, sind die Opfer einer übergeordneten grausamen Struktur, aus der es kein Entrinnen gibt. Für die Opfer dieses Krieges in Kolumbien, aber auch in der ganzen Welt setzt Alejandro Landes mit «Monos» ein Mahnmal.

Kämpfe im und unter Wasser

Alejandro Landes, der Filmemacher

Geboren 1980 in São Paulo, Brasilien, aufgewachsen in Ecuador und Kolumbien. Nach seinem Studium an der Brown University im amerikanischen Rhode, Island mit Abschluss in Volkswirtschaft, begann Landes seine Karriere als Journalist und Produzent einer wöchentlichen politischen Talkshow. Sein Debüt als Filmemacher war «Cocalero», ein Dokumentarfilm über bolivianisches Kokain und die Kampagne des Gärtners Evo Morales, der als erster Indigener Präsident des Landes wurde.

Sein Spielfilmdebüt «Porfirio» feierte 2011 in der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes Premiere und wurde anschliessend weltweit auf Festivals gezeigt und ausgezeichnet. Basierend auf der wahren Geschichte eines Mannes, der durch eine verirrte Polizeikugel gelähmt wurde und danach ein Flugzeug entführte, drehte er mit dem echten Entführer den Film. «Monos» ist der zweite Spielfilm von Alejandro Landes. Neben dem Filmemachen hat er eine Leidenschaft für Architektur und entwarf die Casa Bahia in Miami, die 2016 mit dem Architizer Award ausgezeichnet wurde.