Kolumnen

Klima-Zwingli

Die Statue des Klima-Zwingli sah ich erstmals an der vergangenen Erstaugustfeier in Zürich auf dem Bürkliplatzareal. Sie hatte einen prominenten Platz in den vorderen Zuschauerrängen. Ihr Blick war auf das imposante Gebäude der Schweizerischen Nationalbank gerichtet. Zu Füssen lag ihr ein Globus, mit Abfall übersät.

Daher der Name „Klima-Zwingli“, der in verschiedenen Reden genannt wurde. Auf meine Frage an einen Zuständigen, wie lange die Statue noch hier stehen bleibe, wurde eine Frist von ungefähr drei Wochen genannt. Da lohnte es sich doch, dieser merkwürdigen Sache nachzugehen.

Natürlich wurde ich im Internet fündig. Da war offenbar am letzten Zürifäscht, das vom 5. bis 7. Juli gedauert hatte, die Zwinglistatue bei der Wasserkirche vom Sockel gehoben und auf die Strasse gestellt worden. Wer immer wollte, konnte sich neben sie stellen, ein Selfie machen, knipsen und posten. Darauf hatte auch der Festredner der Erstaugustfeier, Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist, angespielt. Er hatte nämlich gesagt, wer nicht vom Sockel steige, verroste. Durchaus bedenkenswert!

Meine Recherchen ergaben, dass es nicht bei einer Statue bleibt. Weitere Zwinglistatuen werden an verschiedenen Standorten in der Stadt Zürich aufgestellt und sollen zum Gespräch anregen. Es werden „Zwingli-Gspröch“ stattfinden. Die Menschen sollen offen und kontrovers ausdiskutieren, „wo es ihnen den Hut lupft“. Das ist eine Anspielung auf das diesjährige Sechseläuten. Da hat es dem Böög den Zwinglihut gelupft.

Die Themen werden von den Statuen gesetzt. Da gibt es einen „Wohnungs-Zwingli“, einen „Sozial-Zwingli“ einen „Integrations-Zwingli“. In der Nähe des Hauptbahnhofes soll ein „Entschleunigungs-Zwingli“ postiert werden. Dem zu begegnen freue ich mich ganz besonders.

Der Klima-Zwingli ist also der erste einer ganzen Reihe. Weitere werden folgen. Und für den nächsten 6. Dezember ist die Versteigerung aller Figuren in Aussicht gestellt. Am Tag des heiligen Nikolaus! Keine schlechte Wahl des Datums. Der Erlös wird an eine soziale Organisation gehen.

Die ganze Aktion findet im Rahmen des Jubiläums „500 Jahre Reformation“ statt. Getragen wird sie in ökumenischem Sinn von den drei Landes- und Stadtkirchen.

Das spiegelt sich auch im ersten Zwingli-Gspröch, das am 23. August um 18.30 Uhr in der Wasserkirche in Zürich stattfindet. Es soll gleichsam den Auftakt zur „Zwinglistadt 2019“ bilden. Die illustren Gäste werden sein: Abt Urban von Einsiedeln, Franziska Driessen, Präsidentin des Synodalrates der römisch katholischen Kirche des Kantons Zürich, Bischof Harald Rein, Bischof der Christkatholischen Kirche der Schweiz und Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist. Die Moderation liegt in der Hand von Thomas Ribi von der NZZ. Das Thema: „Oekumenische Aufbrüche und Perspektiven in der Stadt und im Kanton“.

Anschliessend gibt es vor der Wasserkirche Zwingli-Wurst und Zwingli-Bier. Wenn ich an den Klima-Zwingli vom ersten August denke, dann mache ich hinter die „Zwingli-Wurst“ ein grosses Fragezeichen. Die Diskrepanz war auch am ersten August sichtbar. Am Rednerpult wurde die Rettung des Klimas beschworen. Dazu würde Verzicht auf Fleischkonsum gehören. Aber im Hintergrund brutzelten bereits die Würste. Vielleicht gibt es da noch Bewegung in diese Prozesse!

Interessanterweise ist diese ganze „Zwingli-Aktion“, die seit längerem in den Medien reichhaltig ausgebreitet wurde, an meiner Aufmerksamkeit vorbeigegangen. Jetzt bin ich froh, dass ich den Anfang erwischt habe und beobachten kann, wie sich das Ganze entwickelt. Bis 1960 lebte ich in Zürich als Diasporakatholikin. Mir sind noch die ersten zaghaften oekumenischen Begegnungen präsent. Über die heutigen dynamischen Bemühungen und Bestrebungen der Zusammenarbeit der Kirchen freue ich mich deshalb von Herzen.

Eines Gedankens kann ich mich nicht erwehren: Wie war das jetzt in der Reformation? Da wurden die Kirchen geleert von all den „überflüssigen“ Bildern und Statuen. Und Zwingli, der 2019 von seinem Denkmalsockel steigt, verwandelt sich in eine Mehrzahl von Statuen, die die Bibel in die Quartiere bringen. Denn das ist der Sinn der ganzen Geschichte. Das Wort Gottes soll aus den Kirchen raus und auf den Strassen und Plätzen ins Gespräch gebracht werden. Welch wundersame Wandlung!