Gesellschaft

Punkt, Punkt, Komma, Strich

Fertig ist das Angesicht. Das Zeichenrezept für die ganz Kleinen ist im digitalen Zeitalter wieder relevant für Scanner beim Abtasten von Gesichtern. In der Ausstellung Faszination Gesicht gibt es Informationen zu Algorithmen für die Gesichtserkennung, vor allem aber zur Mimik – historisch, sozial und kulturell beleuchtet.

Was unsere Mimik alles zeigt, lautet der Untertitel von Faszination Gesicht im Vögelekulturzentrum in Pfäffikon SZ. Sie entstand nach einer Ausstellungsidee des Deutschen Hygiene-Museum Dresden und fasziniert in ihrer Vielfalt von Aspekten zum Antlitz der Menschen. Dabei stellt sie Fragen nach den Besitzverhältnissen am eigenen Gesicht in digitaler Zeit und erinnert an die Entwicklung und die zum Teil schrecklichen Folgen der Physiognomik seit dem 17. Jahrhundert, Stichwort Völkermord. Klug zusammengetragen und aufgebaut bietet die Schau mehr als man erwarten könnte, überrascht mit witzigen Apparaten und frappiert mit spannenden Projekten und unerwarteten Installationen.

Ausstellungsansicht – links eine Politikergalerie mit Wahlurne, im Hintergrund die Skulptur „Rain“ von Samuel Salcedo. Foto: Katharina Wernli

Aber treten wir näher: Gleich beim Eingang sehe ich mich auf einem Bildschirm wieder, das Gesicht erfasst in einem weissen Viereck. Daneben heisst es in Englisch: männlich, 22 Jahre alt, sowie weitere Daten. He! Ich trete näher, aber bleibe männlich, nun wenigstens im Seniorenalter angelangt. Mein Fazit: Da ist noch viel Informatikarbeit zu leisten, bis ich und andere präzis erfasst werden können. Ein leichter Schauer geht dennoch über meinen Rücken, die grosse Überwachung jedes Menschen ist längst kein utopischer Roman mehr. Bekannt ist ja, dass Polizei, Passkontrolle, oder Casinos mit der Gesichtskontrolle arbeiten. Phantombilder erstellen geht heute dank elektronischer Werkzeuge auch schneller und genauer als früher. Im Kulturzentrum ist der Datenschutz aber zugesagt: Die erfassten Bilder werden nach acht Stunden gelöscht, ohne Ausnahme.

Shinseungback Kimyonghun: Cloud Face. Ein Algorithmus zur Gesichtserkennung findet Gesichter in Wolken. Digitaldruck, variable Abmessung und Komposition

183 Gesichtsmuskeln ermöglichen eine vielfältige Mimik, ein fröhliches, trauriges, wütendes, nachdenkliches Antlitz. Eine Apparatur, der Mimik-Explorer fordert die Besucher auf, durch Schieberegler ein neutrales Gesicht entsprechend zu verändern. Videos zeigen Personen, die auf die Frage wie oft sie Verlust, Freude, Zorn erlebt hatten, nur mit einer Zahl antworten – bei manchen erscheint die Antwort auch in der Mimik, andere zeigen ein Pokerface. Ein Experiment aus den 70er Jahren weist nach, wie bedeutungsvoll aktive Zuwendung beim Anschauen des Gegenübers ist: Mütter wurden aufgefordert, ihre Säuglinge kurz mit total indifferentem Gesicht anzusehen. Nach wenigen Sekunden schrien und weinten die Kinder in Panik. Anschauen ist Kommunikation und offensichtlich lebenswichtig.

Du sollst dir kein Bildnis machen

Auch wenn es Gott verboten hat – wir machen uns in Bruchteilen einer Sekunde ein Bildnis jeder Person, der wir ins Gesicht blicken. Dass Gesichtszüge den Charakter anzeigen, gilt als überholt, aber ausgerottet ist das Vorurteil keineswegs. Doch die IT-Entwickler arbeiten heftig daran, wollen Algorithmen entwickeln, die aus Gesichtern auf Eigenschaften – Ziel: Verbrecher – schliessen.

Schönheit ist variabel

Anderseits versuchen wir, unser Gesicht möglichst ideal zu präsentieren, vor dem Spiegel mit Hilfsmitteln wie Schminke, wenn nötig mit Botox und invasiveren chirurgischen Eingriffen, fürs Selfie mit der eingeübten Pose, notfalls mit Bildbearbeitung. Die Künstlerin Esther Honig sandte ein Porträt an Bildagenturen in aller Welt mit der Bitte, sie schön zu machen, schön nach dem dort gültigen Ideal. Entstanden ist die faszinierende Arbeit Before & After: Beauty Standards Around the World: Esther als Araberin, als Philippinin, als Deutsche undsoweiter.

Ausstellungsansicht: 193 Schweizerinnen und Schweizer, fotografiert von Reiner Roduner. Foto Katharina Wernli

Vielfalt in der Einheit zeigt auch die Porträtwand, gestaltet im Rahmen des globalen Inside Out Projects mit Fotos von Reiner Roduner: Aus 193 unterschiedlichen Heimaten kommen die Männer und Frauen – gemeinsam ist ihnen nur der Besitz des Schweizer Passes: Die Schweiz besteht aus einer Vielfalt von Kulturen, alle versammelt in Roduners Switzers-Buch. Die Ausstellung fragt auch nach der Prägung von Gesichtern durch das Leben, durch Krankheit, Unfälle und angeborene Defekte. Und wir erfahren, welche Bedeutung die Mimik für Gehörlose hat oder wie Autisten oder Blinde Gesichter „sehen“.

Ein Wand voll verblüffender Fundstücke, fotografiert von François und Jean Robert für das konzeptuelle Werk „Face to Face“. Foto: Katharina Wernli

Die Skulptur von Thorsten Brinkmann Upper Ich zeigt seine Gestalt, aber der Oberkörper und der Kopf sind unter einer Kartonschachtel verborgen. Weil der Drang nachzusehen, wie denn das Gesicht ausschaut, also das Individuum, musste die Skulptur mit einer Kordel vor flinken Besucherhänden geschützt werden. Ebenso verstörend das Video Touch von Asta Gröting. Die Künstlerin modelliert am Gesicht von lebenden Modellen, wie wenn sie am Lehmkopf arbeiten würde. Witzig dagegen Face to Face von François und Jean Robert, da treffen wir auf Bekannte, Alltagsgegenstände wie Besen oder Schalter, die doch auch ein Gesicht haben. Mal die Rückseite eines alten Weckers angeschaut? Wer sich angeregt fühlt, darf mitmachen, sein Foto wird gedruckt und auf eine Wand mit Gleichartigem gepinnt.

Tom Stayte, #SELFIE, 2014, Installation.

Die Selfie-Sammel-Maschine mit angeschlossenem Drucker spuckt laufend kleine Quadrate mit Porträts oder anderen Fotos aus, die auf #SELFIE weltweit gerade jetzt hochgeladen werden. Kürzer als im Minutentakt werden von einer schmalen Papierrolle Bildchen geprintet, die abgetrennt in einen riesigen Haufen ähnlicher auf den Boden flattern: Doch, man darf darin herumgehen, eine Handvoll greifen und wieder fallen lassen – fast wie ein Riesenkonfettihaufen nach einem Fasnachtstag, nicht nur für Kleinkinder ein Spass.

Fasziniert kreativ werden

Die Ausstellung eignet sich nicht nur wegen der erwähnten Installationen für den Besuch mit Kindern. Ganz hinten im Raum gibt es eine Werkstatt, wo Gesichter gezeichnet oder als Schattenriss verfertigt werden können und weitere Anregungen samt Material auf kreatives Schaffen warten. Wer eine Nachlese der Ausstellung vorzieht, dem sei das Vögelekulturbulletin empfohlen. Es vertieft die in der Ausstellung visualisierten Themen und regt vor allem an, über die Vielfalt und Wandelbarkeit des Gesichts sowie die Zukunft der Gesichtskontrolle und des Datenschutzes nachzudenken.

Übrigens: Beim Gehen näherte ich mich nochmals hoffnungsvoll dem Screen: der Algorithmus bleibt dabei: MALE, also männlich.

Beitragsbild: Ausschnitt aus Samuel Salcedo: Rain, 2011, Polyester-Harz und Aluminiumpulver, Privatsammlung, Schweiz. Foto: Courtesy Galerie Robert Drees, Hannover
Bis 22. September
Hier geht es zur Ausstellung mit Daten der Veranstaltungen und Führungen: Faszination Gesicht. Was unsere Mimik alles zeigt