FrontGesellschaftEin Pilz wie ein Sonnenschein

Ein Pilz wie ein Sonnenschein

Am uralten Kirschbaum bildet sich von einem Tag auf den andern ein wunderbarer gelber Pilz in Blättern eins über dem andern. Er sitzt dachziegelartig in der grossen Astgabel und als kleinere Replik weiter unten zwischen grünem Efeu am meterdicken Stamm. Wer bei trübem Himmel hinaufblickt, sieht eine leuchtende Sonne.

Gab es vor zwanzig Jahren noch ein paar Körbchen voll kleiner, wohlschmeckender Weichseln zu pflücken, hat sich der Kirschbaum längst ins Rentnerdasein alter Bäume verabschiedet. Aber jedes Frühjahr blüht er, wird trotz Insektenschwund für kurze Zeit ein summender Blütenstrauss, besucht sommers und winters von Vögeln und ab und zu einem Eichhorn aus dem nahen Wald. Der Specht fliegt an und trommelt sich ein Loch, vielleicht wohnen irgendwann die Meisen drin, die hüpfend die Rinde nach Insekten und Larven absuchen.

Was mal Krone war, ist heute eher Spechthöhle mit Deckel drauf.

Einst, vor vielen Jahren, als der Kirschbaum seinen schwächsten Teil losliess – es war der Wipfel, wurde ihm eine Bratpfanne als Schutz auf den Stumpf gebunden. Sie ist noch da, aber der einst massive Strunk wird immer dünner, die Rinde ist längst weg, das Holz sieht faserig und faul aus. Ein paar Jahre später warf der Baum den zweiten seiner vier Hauptäste ab, mitten auf den Zugangsweg zum Haus. Sollte man den Baum nun fällen?

Noch einmal darf er blühen, also wurde der Mord mit der Motorsäge verschoben, im Folgejahr nochmals und seither immer wieder. Der Baum dankt es mit reicher Blüte und mit kleinen roten Kirschen, die freilich ein Vogelschmaus bleiben, denn eine Leiter anstellen oder gar in den Baum steigen traut sich keiner mehr, und dort, wo man mit der Bockleiter hinkäme, hängen die Kirschen zu hoch. Wenn es stürmt, fallen Zweige, die längst dürr sind, auf die Wiese, ab und zu auch ein Stück Rinde. Dafür grünt von unten her ein Efeu, in der grössten Astgabel wächst ein kleiner Zwetschgenbaum.

Aber der Kirschbaum, dessen Blätter auch im August noch gut im Saft sind, könne es noch länger machen, stellte unlängst ein Baumspezialist fest, müsse jedoch unter Beobachtung gestellt werden. Also schaut man vor allem nach jedem Sturm und Starkregen drauf. Und nun lässt der Baum im tropfnassen trüben Tag die Sonne aufgehen, gleich zweimal. Ein Pilz, leuchtend gelb wächst im Eiltempo als Schmuckstück am vermoosten Baum.

Pilz mit Pflaumenspross auf Weichselkirschbaum

Schön, aber gefährlich für den Baum, aggressiv sei dieser Schwefelporling, steht in den einschlägigen Pilzbrevieren, nachdem wir mit Fotovergleich und genauer Beobachtung sicher sind, um wen es sich bei der myzelischen Schönheit handelt. Also ein Feind des Baums, dessen Kern er mit der Braunfäule durchsetzt, bis der Stamm hohl ist. Danach greift der Pilz die äusseren, saftführenden Teile des Holzes und die Rinde an. Jetzt zeigt er erstmals seinen Fruchtkörper, wie die leuchtend gelben Wülste heissen.

Die Oberseite ist etwas gedämpfter gelb

Essbar seien sie, so lange sie noch jung und weich sind. Sie sind es, eins der Blätter wird gepflückt und in Scheiben geschnitten, auch im Innern ist der Pilz hellgelb oder hellorange. Blanchieren im Salzwasser, danach braten in Butter – das zweite Pilzgericht mit selbst gesammelten Pilzen, wobei hier von Sammeln keine Rede sein kann, und ich auch in einem Wald voller Pilze stehen und keinen einzigen sehen kann, während die Leute rundum in kurzer Zeit Körbe voller Steinpilze, Schirmlinge, Maronenröhrlinge vorweisen. Meine Pilzkenntnis erstreckt sich nur noch auf die Bovisten, diese kleineren oder grösseren weissen Eier, die auf Bergwiesen zu entdecken sind und jene kleinen mit den spitzen Hüten von den Kuhweiden, nach denen ich vor vierzig Jahren auf Herbstwanderungen Ausschau hielt. Und natürlich kenne ich die Pilze aus dem Supermarkt-Gestell, aber die sind ja angeschrieben.

Internet sei dank, nicht nur gelingt es so, den Pilz zu bestimmen, sondern auch – nachdem «essbar« vermerkt ist – die Suche nach Rezepten. Obiges ist zwar in Englisch, wo der Schwefelporling Chicken of the Woods – Waldhühnchen heisst.

Nur dern Weg zum Pilzkontrolleur in der Gemeinde muss man in der realen Welt mit den realen Pilzen im Korb unter die richtigen Füsse nehmen. Er freut sich über den Fund, registriert ihn und zeigt mir seine Kiste mit Aussortiertem, wo hochgiftige Pilze, die ähnlich aussehen wie der Steinpilz oder der Champignon, liegen. Dass ich ihm die Hälfte meiner wohlriechenden Ernte für sein Abendbrot überlasse, freut ihn, jedoch schränkt er ein, dass manche Leute auf den Schwefelporling allergisch oder mit Verdauungstörung reagieren. Aber sogar Erbrechen nach dem Genuss eines solchen Pilz-Schnitzels sei harmlos, will er mich beruhigen. Unnötig, meine Testmahlzeit ist längst gut verdaut.

Fotos: E. Caflisch
Website zum Schwefelporling

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