FrontKolumnen„Diese verdammten liberalen Eliten..."

„Diese verdammten liberalen Eliten…»

Sommerzeit ist auch Lesezeit. Und auch Zeit, um etwas Sperrigeres, etwas Schwierigeres zu lesen. Eben das Buch über „Diese verdammten liberalen Eliten“ des gebürtigen Schweizers Carlo Strenger, der 1958 in Basel geboren wurde. Sprenger ist heute Professor der Psychologie an der Universität Tel Aviv, Kolumnist der liberalen Zeitung Haaretz, ein durch und durch liberaler Geist, der in mehreren Büchern immer eines in den Mittelpunkt stellt: die Verteidigung der Freiheit, die Verteidigung der liberalen Werte.

Es sind diese zentralen Werte der demokratisch verfassten Staaten, die heute immer stärker in den Fokus illiberaler Geister in der Politik geraten. Politiker, die völlig unbekümmert, selbstherrlich Hand an die Grundfesten der Demokratie legen. Selbst in der solid verfassten Demokratie der USA agiert aktuell ein Mann, der fast tagtäglich die Grenzen auslotet, der an der Grenze zu Mexiko Flüchtlingskinder von den Eltern trennen lässt, Menschenrechte missachtet, jedes menschliche Mitgefühl vermissen lässt, der den freien Welthandel strapaziert, einschränkt, bewusst eine Eskalation des Handelskrieges mit der zweiten Weltmacht China betreibt und damit selbst seine treuen weissen Farmer und Wähler bedrängt. Donald Trump, der immer noch wie ein Immobilien-Mogul agiert, der alle Grenzen des Anstandes sprengt und lautstark verlauten lässt, dass er Grönland kaufen will. Unglaublich.

Trump reiht sich damit ein in die Gruppe des Türken Erdogan, des Ungarn Orban, des Polen Kaczyński, des Russen Putin, die alle selbstherrlich demokratische Werte missachten, wenn sie ihre Macht abzusichern trachten.

Und damit wird der Untertitel des Buches von Carlo Strenger bedeutsam: „Wer sie sind und warum wir sie brauchen“, eben „diese verdammten liberalen Eliten“. Strenger legt dar, dass die liberalen Eliten übersehen, dass ihre universalen, humanen und ökologischen Ansichten, die in ihren Köpfen objektiv im Interesse aller wären, von grossen Teilen der Bevölkerung nicht unisono geteilt, ja gar abgelehnt werden. Die „Anywheres“, wie er die liberalen Eliten, die Kosmopoliten bezeichnet, seien bestens ausgebildet, seien weltweit unterwegs, nirgendwo sesshaft. Sie seien die Gewinner der globalen Urbanisierung. Sie repräsentierten die kulturellen Eliten, die in den Grossstädten leben. Die „Somewheres“ dagegen seien die sesshaften, die aus vielfältigen Gründen an einem Ort geblieben, in ihrem Milieu verwurzelt seien. Somewheres wohnten, wenn in Städten, in Hochhaus-Ghettos, in Kleinstädten, auf dem Land. Sie profiterten nicht von der Globalisierung. Sie seien leichte Opfer der nationalistischen Populisten, der Menschenfänger. Die beiden Gruppen, die Anywheres und die Somewheres kämen deshalb einander nicht näher. Im Gegenteil.

Nach Strenger bleiben auch die Liberalen in der Tendenz unter sich, sie hätten auch ihre Ängste, sie plage die Angst von einem Absinken in die Bedeutungslosigkeit. Und ganz schlimm: „Wir haben zu lange auf die Somewheres heruntergeschaut“. Auch er habe sich zu oft dem Diskurs verweigert, sei in politischen Talk-Shows nur dann hingegangenen, wenn er den jeweiligen Moderator gekannt, ihm vertraute habe und so kein Risiko eingehen musste. Heute müsse er sich, müssen sich die liberalen Eliten „die Hände schmutzig machen“, sich den Populisten stellen. Müssten die Errungenschaften der universellen Menschenrechte, die liberalen Grundwerte einfordern, die Freiheit, die Demokratie verteidigen. Heute sei es „der politische Populismus, der die liberale Ordnung – und zwar von innen – bedroht“. Wenn das Pendel heute gegen den Liberalismus schwinge, müssten „diese verdammten Liberalen“ Mut und Stehvermögen aufbringen, um sich mit aller Kraft nicht nur dagegen zu stemmen, sondern letztlich die notwendige Gegenwende einleiten.

Am nächsten Wochenende wird in den deutschen Bundesländern Sachsen und Brandenburg gewählt. In Deutschland ist die Furcht gross, dass in den beiden Bundesländern die AfD, die rechtsgerichtete Populisten-Partei, zu glanzvoll abschneiden könnten, auch wenn die aktuellen Umfragen die AfD doch nicht als die ganz grosse Wahlsiegerin sehen. In den ehemaligen DDR-Ländern sind es eben dennoch die Sesshaften, die Somewheres, die sich als die Abgehängten betrachten, die sich von den bundesdeutschen liberalen Eliten, den Medien missverstanden, gar verachtet fühlen, die sich nicht ernst genug genommen sehen. Sie werden auf jeden Fall Zeichen setzen und die etablierten Parteien, die CDU und insbesondere die SPD abstrafen. Einzig die Grünen, die bis jetzt nie eine grosse Rolle in Ostdeutschland spielten, jetzt aber aus ihrer grünen Nische heraustraten und sich nun auch den anderen grossen Fragen, der Globalisierung, der Digitalisierung, aber auch der Migration annehmen, werden bei den Abgehängten zu punkten vermögen. Dies, weil sie sich, wie Strenger fordert, einmischen, sich den Ängsten der Somewheres annehmen.

Am 20. Oktober wählen auch wir in der Schweiz. In der letzten TV-Arena mit den Parteipräsidenten kam eines zum Ausdruck: Deutsche Verhältnisse gibt es bei uns nicht. Obwohl die SVP im Wahlkampf eine Sonderrolle zu spielen gedenkt, den Klimawandel zwar nicht ganz abstreitet, doch rigide Massnahmen dagegen völlig ablehnt, wird sie sich kaum als Vertreterin der Abgehängten aufschwingen können. Einmal, weil der Klimawandel als solcher breit akzeptiert wird, die Grünen davon profitieren werden und die Bereitschaft zusehends wächst, auch finanzielle Belastungen zum Schutz des Klimas auf sich zu nehmen. Und zum anderen ist der permanente Diskurs, der unsere direkte Demokratie erfordert, ein Garant dafür, dass das politische Gespräch über alle parteipolitischen Grenzen hinaus immer wieder aufgenommen werden muss. Anywheres und Somewheres reden immer noch miteinander, obwohl sich auch in der Schweiz der politische Graben zwischen den Städten, wo Linksgrüne regieren, und dem Land, wo die Rechten die Oberhand haben, sich weitet. Und auch der Machtanspruch ist gedämpft. Auch wenn die Grünen die CVP am 20. Oktober überholen werden, wird Regula Rytz, die Präsidentin der Grünen, wie sie in der Arena darlegte, nicht sofort den Bundesratssitz der CVP einfordern. So vernünftig wird in der Schweiz politisiert.

Carlo Strenger: „Die verdammten Eliten: Wer sie sind und warum wir sie brauchen“, erschienen im Suhrkamp-Verlag.  

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel