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Pfarrerinnen auf dem Vormarsch

Mehr Frauen als Männer entscheiden sich, auf dem zweiten Bildungsweg Pfarrerin bzw. Pfarrer zu werden. Das zeigt sich in den Studienprogrammen zum Quereinstieg in den Pfarrberuf. Der Quereinstieg richtet sich an Frauen und Männer zwischen 30 und 54 Jahren, die ihr (Berufs)Leben neu ausrichten wollen.

Pfarrerinnen sind auf dem Vormarsch. Zurzeit studieren etwas mehr Frauen als Männer Theologie. Deutlich sichtbar ist dies in den Studienprogrammen zum Quereinstieg in den Pfarrberuf (Quest). 2018 starteten 17 Personen ihr Studium zum Quereinstieg in den Pfarrberuf, 14 von ihnen Frauen. Auch 2019 sind sechs der sieben Quest-Studierenden Frauen. Aber nicht nur im Theologiestudium wächst der Frauenanteil: Im Kanton Zürich beispielsweise sind bereits 38 Prozent der Pfarrstellen mit Frauen besetzt. „Seit 2019 gibt es bei uns mehr unbefristete Teilzeit-Pfarrstellen. Das kommt vielen Frauen entgegen. Sie möchten Teilzeit arbeiten, damit sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen“, sagt die Zürcher Diversity-Beauftragte, Sabine Scheuter.

Marie-Ursula Kind (53) ist Rechtsanwältin, spezialisiert auf Völkerstrafrecht und transitional justice. Sie hat sich für den Quereinstieg in den Pfarrberuf entschieden. Zurzeit studiert sie an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.

Der Pfarrberuf ist vielseitig und intellektuell anspruchsvoll. Softskills wie Kommunikation, Kreativität und Empathie sind genauso wichtig wie Ziel- und Ergebnisorientierung oder Führungskompetenz. Das macht den Beruf für Frauen attraktiv. Das findet auch Claudia Daniel. Die Agronomin studiert seit 2018 an der Theologischen Fakultät in Basel. In der „Halbzeit“ ihres Arbeitslebens hat sie sich für diese berufliche Neuausrichtung entschieden, weil sie nochmals etwas ganz anderes machen wollte. Die Rechtsanwältin Marie-Ursula Kind erfüllt sich mit dem Studium zur Pfarrerin einen Jugendtraum und Nelly Spielmann, Mikrobiologin und (ehemalige) Forscherin am Zürcher Kinderspital, fühlt sich vom vielfältigen Arbeitsfeld einer Pfarrerin angesprochen. Sie hat ihren alten Beruf aufgegeben, ihr Studium abgeschlossen und absolviert zurzeit das Lernvikariat, die praktische Ausbildung zur Pfarrerin.

Das (Berufs)leben neu ausrichten

Nach zehn, zwanzig Berufsjahren stellen sich viele Menschen die Fragen: Tu ich noch das Richtige? Stimmen meine Überzeugungen und Werte noch mit dem, was ich tue, überein? „Monetäre und materielle Interessen rücken in den Hintergrund. Selbstbestimmtes, sinnerfülltes Arbeiten, bei dem der Mensch im Zentrum steht, gewinnt bei vielen an Bedeutung“, sagt Anne-Marie Helbling, Pfarrerin und Projektleiterin Quest. Sie ergänzt: „Frauen wie Männer, die ihr Leben auf dem zweiten Bildungsweg intellektuell und geistlich neu ausrichten wollen, finden im Pfarrberuf grossen Gestaltungsspielraum und vielfältige Perspektiven“.

Mit einem höheren Frauenanteil in den Pfarrämtern verändert sich das Berufsbild – wenn auch nur langsam. Von einer Feminisierung der Kirche könne aber keine Rede sein, sagt Sabine Scheuter. „Auch wenn Pfarrpersonen „weibliche“ Kompetenzen mitbringen müssen, wird es noch lange kein typischer Frauenberuf“, erklärt sie. Ob für Quereinsteigerinnen oder Quereinsteiger: Im Pfarrberuf sind die Jobaussichten gut. In 15 bis 20 Jahren werden in der Deutschschweiz rund zwei Drittel der amtierenden reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer pensioniert sein. Eine attraktive Perspektive für junge Pfarrpersonen und Quereinsteigende, auch deshalb, weil sich ihnen die Chance bietet, Kirche zu erneuern.

Die Studienprogramme „Quereinstieg in den Pfarrberuf“ starteten erstmals 2015. In diesem Jahr treten die ersten Quereinsteigenden ins Pfarramt ein. Seit 2018 ist der Einstieg in die  Studienprogramme „Quereinstieg in den reformierten Pfarrberuf“ jährlich möglich. Der Infoabend findet am 12. September 2019 in Zürich statt. Interessierte können sich bis 11. November 2019 bewerben.

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