FrontKulturFulminanter Start in die neue Spielsaison

Fulminanter Start in die neue Spielsaison

Die neue Intendanz am Schauspielhaus Zürich startet mit zwei höchst gelungenen Inszenierungen in die neue Spielsaison: mit dem Jugendstück «Flex» (Regie: Suna Gürler) in der Schiffbau-Box und mit «Wunschkonzert» von Franz Xaver Kroetz (Regie: Yana Ross) in der Schiffbau-Halle.

Ein mehrtätiges Festival zur Eröffnung wurde von den beiden neuen Intendanten Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann versprochen. Programmiert sind gleich acht Inszenierungen der sieben Hausregisseurinnen und -regisseure, je vier im Pfauen und Schiffbau. Hinzu kommt eine Sonnenlichtinstallation von Alexander Giesche, die seit 24. August an verschiedenen Orten in Zürich gezeigt wird. Motto des Auftakts: «Hallo Zürich, it`s a pleasure to meet you!».

Zu sehen sind nicht neue, sondern bestehende Inszenierungen, mit denen sich die neue Regiecrew in Zürich vorstellt. Es sind Geschichten, die teils weit gereist sind und auf vielen Kontinenten zu sehen waren, Geschichten «von woanders, um Resonanzen mit dem Hier zu erzeugen». Gestartet wurde im Schiffbau mit den beiden Inszenierungen «Flex» und «Wunschkonzert», zwei Aufführungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: die eine laut und erfrischend, die andere stumm und beklemmend.

Heiteres Spiel um Mann-Frau-Stereotypie

«Flex» ist ein Jugendstück (2015 am Basler Jungen Theater uraufgeführt), basierend auf Interviews und nach Texten von Laurie Penny und anderen mehr. Sechs junge Mädchen arbeiten an einem Magazin, hinterfragen die gängigen Rollenbilder und Verhaltensmuster. Sie wollen herausfinden, wer sie eigentlich sind und wie sie wirklich sein könnten. Und das tun sie auf heitere, erfrischende Art und Weise. Auf Stühlen vor einer breiten Glaswand sitzend reflektieren sie über ihr Aussehen, über gängige Schönheitsideale, wie sie in der Werbung und über YouTube-Kanälen millionenfach verbreitet werden, über Sex, Angst und Furcht vor Männern. Sie wehren sich gegen die übermächtige Mann-Frau-Stereotypie, hadern mit Erwartungshaltungen, die sie nur schwer abstreifen können, plädieren für ein geschlechtsloses Menschenbild.

Energiegeladen hinterfragen die sechs Spielerinnen die gängigen Rollenbilder. (Foto: Gina Folly)

Regisseurin Suna Gürler zeigt eine energiegeladene Inszenierung voller aufmüpfiger Dialoge, gepaart mit synchron choreografierten Tanz- und Akrobatikeinlagen und untermalt mit harten Popklängen. Die sechs Spielerinnen (Lea Agnetti, Anna Lena Bucher, Alina Immoos, Elif Karci, Noemi Steuerwald, Antoinette Ulrich) schlüpfen in verschiedene Rollen, parodieren in gekonnter Manier vorhandene Verhaltensmuster, so jenen der Körperrasur, auf die selbstbestimmt verzichtet werden soll, hinterfragen in klugen Ping-Pong-Dialogen die von Geburt an erworbenen Verhaltensmuster, die es auszumisten gilt. Dabei sind sie ständig in Bewegung, vollführen laufend stimmige Kapriolen, die jugendlichen Übermut bezeugen. Rundum, geboten wird ein eindringliches Gegenwartstheater, das auf höchst amüsante Art mit gängigen Rollenbildern aufräumt. Dafür gabs am Zürcher Premierenabend tosenden Applaus.

Der Alltag einer einsamen Frau

Es ist Abend. Eine Frau betritt allein ihr winziges Appartement, bestehend aus Wohnstube mit Bettsofa, Küche und Bad. Sie packt verschiedene Einkäufe aus, versorgt sie im Kühlschrank und in Schubladen, füllt die Waschmaschine, schaltet den Fernseher ein, später das Radio, bereitet sich ein mickriges Abendbrot, blättert in Werbeprospekten, geht aufs WC, dann in die Wohnstube, hantiert mit dem Laptop, geht zu Bett, steht wieder auf, schluckt mehrere Schlaftabletten und verschwindet im Dunkeln. Das Publikum steht dicht gedrängt um das von allen Seiten einsehbare Appartement in der Hallenmitte, verfolgt jede Bewegung der Frau aus nächster Nähe.

Steif und verloren: Danuta Stenka als einsame Frau am Küchentisch. (Foto: Ketty Bertossi)

Zelebriert wird in «Wunschkonzert» von Franz Xaver Kroetz (2016 an den Wiener Festwochen uraufgeführt) der gewöhnliche Alltag einer einsamen Frau mittleren Alters, die unerwartet Suizid begeht. Gesprochen wird in der Inszenierung von Yana Ross kein einziges Wort, die Aufführung lebt von einfachen Handlungen und Handreichungen. Man könnte gelangweilt sein, nicht so beim intensiven Spiel der polnischen Schauspielerin Danuta Stenka. Mit versteinerter Mine mimt sie die einsame, ordnungsliebende Lady, höchst konzentriert besorgt sie die alltäglichen Geschäfte, nur einmal wippt sie beschwingt zu Wunschkonzert-Musik im Radio, ansonsten strahlt sie nur Steifheit und Verlorenheit aus. Einfach grossartig, wie Danuta Stenka ohne Worte die vereinsamte Dame spielt. Das ist hohe Schauspielkunst. Unter den Besuchern macht sich tiefe Betroffenheit breit. Entsprechend verhalten war der Schlussapplaus.

Weitere Spieldaten: Flex: 29., 30. September, 2., 4., 5., 6., 27., 28. Oktober; Wunschkonzert: 18., 20., 21., September, 7., 9., 10., 11. Oktober

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