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Der Glanz der Unsichtbaren

Der Spielfilm «Les invisibles» von Louis-Julien Petit öffnet Augen und Ohren für eine Gruppe randständiger Frauen und randständiger Sozialarbeiterinnen: eine unterhaltsame und ernsthafte Tragikomödie.

Lady Di, Edith Piaf, Salma Hayek, Brigitte Macron: Die meisten der Besucherinnen des Tageszentrums für wohnungslose Frauen «L’Envol» nennen sich nach prominenten Vorbildern. Das Haus, der einzige Ankerpunkt ihres prekären Alltags, steht vor der Schliessung. Es sei nicht effektiv genug, meint die Stadtverwaltung. Drei Monate bleiben den Sozialarbeiterinnen Manu, Audrey, Hélène und Angélique, um ihren Schützlingen wieder auf die Beine zu helfen. Diese ziehen kräftig mit. Nachdem die Stadt auch noch ein von den Frauen bewohntes Zeltcamp am Sportplatz räumen lässt, bleibt nur noch «L’Envol» als heimliche Unterkunft, in der Betreuerinnen und Betreute jetzt mit ungeahntem Schwung eigene Wege und Methoden zur Reintegration entwickeln. Von jetzt an sind alle Mittel erlaubt.

Der Spielfilm «Les invisibles» des französischen Regisseurs Louis-Julien Petit ist Komödie und Tragödie in einem – und genau diese Mischung ist für das, was er zeigen will, adäquat. Die meisten Rollen spielen Frauen, die genau solche Erfahrungen gemacht haben, ergänzt durch professionelle Schauspielerinnen in den Rollen der Sozialarbeiterinnen. Solche Authentizität ist angebracht in einer Zeit, in der die «gilets jaunes» für die Rechte der Arbeiter auf die Barrikaden steigen. Schmunzeln und Lachen helfen, dass die harten Tatsachen und verborgenen Wirklichkeiten beim Publikum ankommen.

Anpacken ist gefragt

Anmerkungen von Louis-Julien Petit

Im August 2014 gab mir Claire Lajeunie ihr Buch «Sur la route des invisible» zum Lesen, das sie während der Arbeit an ihrem Film über obdachlose Frauen geschrieben hatte. Das Buch überraschte mich, weil es nichts von dem spröden soziologischen Ton hatte, den man bei diesem Thema erwartet hätte. Im Gegenteil: Ich durfte in eine sehr menschliche Geschichte mit vielen tragikomischen Elementen eintauchen. Die Frauen in diesem Buch waren unglaublich komplex, berührend und oft auch sehr lustig, trotz ihrer dramatischen Lebenswege. Ich habe das Buch in zwei Stunden gelesen, und am Ende wusste ich, dass ich daraus einen Film machen wollte.  

Ein Jahr lang verbrachte ich damit, mich mit Menschen zu treffen, die in der Sozialarbeit tätig sind, überwiegend Frauen, und mit obdachlosen Frauen in verschiedenen Unterkünften in Frankreich zu sprechen. Mir wurde bald klar, dass ich mich in meinem Film auf das tägliche Miteinander dieser zwei Frauengruppen konzentrieren wollte, die in der Gesellschaft «unsichtbar» sind: Man sieht sie nicht, weder die einen noch die anderen. Je mehr ich in dieses Milieu eintauchte, desto grösser wurde mein Bedürfnis, es in seiner ganzen Härte abzubilden.

Gemeinsames Feiern

Aus einem Interview mit dem Regisseur

Frauen ohne Obdach: Die Unsichtbaren: Ich wollte die Rollen der wohnungslosen Frauen mit nicht-professionellen Darstellerinnen besetzen. Wir organisierten deshalb einige Monate vor Drehbeginn ein grosses Casting mit dem Ziel, Frauen zu finden, die auf der Strasse gelebt hatten, ehemals obdachlose Frauen, die mittlerweile ihre Situation verändert hatten oder in Wohnheimen lebten. Der Frauenanteil unter den Obdachlosen in Frankreich liegt, was kaum jemand weiss, bei 40 %. Wir bekommen das oft nicht mit – auch weil die Frauen sich verstecken, um vor der Gewalt der Strasse geschützt zu sein. Sie tarnen sich, sie werden sozusagen unsichtbar. Ich bat alle Teilnehmerinnen, sich den Namen einer Frau auszusuchen, die sie bewunderten. Das führte dazu, dass wir später beim Dreh ihre wirklichen Namen eigentlich gar nicht kannten: Für uns hatten sie die Namen, die sie sich ausgesucht hatten, Edith (Piaf), Brigitte (Macron), Lady Di, Simone (Veil), Marie-Josée (Nat), Mimie (Mathy). Dank der Möglichkeit, sich nach einer anderen Persönlichkeit zu benennen, rückte die Anwesenheit der Kamera für sie in den Hintergrund, und sie fanden den Mut, absolut authentisch zu sein. Am Ende entschieden wir uns in der Besetzung der obdachlosen Frauen nur für zwei Profi-Schauspielerinnen: Sarah Suco als Julie und Marie-Christine Orry als Catherine, die beiden Figuren, die an die realen Vorbilder aus Lajeunies Dokumentation und Buch angelehnt sind.

Die Sozialarbeiterinnen: die anderen Unsichtbaren. Wir kennen noch andere «unsichtbare Frauen»: Diejenigen, denen nicht dabei geholfen wird, anderen zu helfen. Wir sprechen selten über sie, wir sehen und hören sie fast nie, und dennoch gehen sie Tag für Tag der Sisyphus-Aufgabe nach, anderen zu helfen. Viele von ihnen haben sich, trotz allem, den Glauben daran bewahrt, dass eine soziale Wiedereingliederung, ein Neuanfang möglich ist. Egal, ob sie ehrenamtlich oder professionell arbeiten, meistern diese Sozialarbeiterinnen eine enorm schwierige Aufgabe. Als das «L’Envol» vor der Schliessung steht und einer ungewissen Zukunft entgegenblickt, erfinden sie ihren Beruf ausserhalb des Systems neu und widmen sich einem Kampf, der ihnen nicht nur richtig erscheint, sondern ihre Schützlinge plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt – auf Augenhöhe.

Die Sichtbaren: Ich wollte mit dem Film von jenen Frauen erzählen, die von der Gesellschaft ausgeblendet werden, und jenen, die tagtäglich bei ihnen sind. Ich wollte zeigen, dass sie trotz der Rückschläge, die sie auf ihrem Weg erlitten haben, auch ein Leben vor der Strasse hatten: Eine Arbeit, Talente, Träume – und dass sie nichts von ihrer Persönlichkeit, ihrer Würde, ihren Wünschen und ihren Träumen eingebüsst haben. Diese Frauen sind eine Ode ans Leben. Sie haben mir unglaublich viel Kraft gegeben, und in der Arbeit mit ihnen habe ich gelernt, unglaublich viele Dinge zu relativieren.

Gespräch auf Augenhöhe

Eine heutige Comédie humaine

Nur selten wechseln sich in einem Film die Ereignisse und Befindlichkeiten – Erfolge und Misserfolge, Heiterkeit und Trauer – dermassen häufig und immer schneller wie in «Les invisibles». Der Film will möglichst viel davon einfangen, was bei den gezeigten Frauen schlummert und gelegentlich ausbricht, bei den Sozialhilfe-Empfängerinnen wie den Sozialarbeiterinnen: welche Freuden sie erleben, welche Hoffnungen sie beflügeln, welche Enttäuschungen sie niederdrücken, welche Resignation sie lähmt. Wie Balzac im 19. Jahrhundert mit seiner «Comédie humaine» mit realistischen, romantischen und philosophischen Romanen und Erzählungen meisterhaft ein Bild seiner Zeit gemalt hat, so versucht Louis-Julien Petit mit seinem filmischen Mosaik mit lustigen, traurigen, ernsten, verspielten, widersprüchlichen, komplexen, anregenden und sinnierenden Episoden das Bild einer heutigen Wirklichkeit zu malen. Speziell an diesem Film scheint mir zudem, dass seine Geschichten an Orten spielen, die normalerweise «unsichtbar» sind. Diese Welt zeigt er uns mit Feingefühl und Humor – in ihrem Glanz und ihrer Menschlichkeit.

Titelbild: Im Vordergrund die professionellen Schauspielerinnen/Sozialarbeiterinnen Manu, Audrey, Angélique und Hélène, dahinter die Laiendarstellerinnen/Sozialhilfe-Empfängerinnen 

Regie: Louis-Julien Petit, Produktion: 2019, Länge: 102 min, Verleih: Frenetic

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