StartseiteMagazinKulturEwig leben wollen? Ach…

Ewig leben wollen? Ach…

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Ein Glanzlicht zur Saisoneröffnung am Opernhaus Zürich: Leoš Janáčeks späte Oper „Die Sache Makropulos“, die den Männern an Herz und Nieren geht, hatte eine stürmisch bejubelte Premiere.

Eigentlich war die anbrechende Spielzeit bereits vor der Premiere gerettet, denn das samstägliche Eröffnungsfest „offen 8“ lockte zum 8. Mal Tausende von Neugierige, Non-Habitués, Eltern und Grosseltern mit Kind und Kegel in die Werkstätten und in eine Vielzahl von Workshops, Proben und Musikdarbietungen, die unter dem Motto „Alles tanzt“ hauptsächlich das Zürcher Ballett in den Fokus rückte. Es gibt wohl keine erfolgreicheren PR-Veranstaltungen als diese Tage der offenen Tür, welche Schwellenängste abbauen und mit einer beispielhaften Organisation alle Wünsche zufrieden stellen bis zur abendlichen Gratis-Hauptprobe des „Nabucco“. Hochkultur und Volkskultur sind keine Gegensätze, sie bedingen sich als Brückenschlag wechselseitig sehr bereichernd. 

Dass gleichentags in Berlin Zürich als bestes Opernhaus 2019 mit einem „Opern Award“ ausgezeichnet wurde, war dann nur noch das Tüpfelchen auf dem „i“. Das Repertoire-Angebot Zürichs ist in der Tat beispielhaft in seiner Vielfalt und künstlerischen Umsetzung. Das bestätigt nun auch wieder diese Janáček-Produktion, die mit ersten Kräften am Pult und bei den Solisten aufwartet und im tschechischen Original gesungen wird.

Es ist zum Verzweifeln mit dieser Frau: Tómas Tómasson (Advokat) und Sam Furness (Albert Gregor) beschwören Emilia Marty (Evelyn Herlitzius) / Fotos © Monika Rittershaus

„Die Sache Makropulos“, 1926 in Brünn uraufgeführt, gehört nicht zu Janáčeks bekanntesten Opern. Das hat weniger mit seiner ungemein effektvollen, schillernd bildhaften Musiksprache zu tun, die den Tschechen im Zenit seiner Meisterschaft zeigt, sondern mit einem ziemlich abstrusen Libretto, das Janáček nach der gleichnamigen Komödie von Karel Čapek eigenhändig verfasste. 

Es geht um einen erbrechtlichen Fall, der auf Messers Schneide steht, weil ein erhellendes Testament partout nicht gefunden wird, bis die geheimnisvolle E. M., alias Emilia Marty, früher Elina Makropulos, aber zwischenzeitlich auch Elian MacGregor, Licht ins Dunkle zu bringen gewillt ist, allerdings unter der Bedingung, dass die Männer spuren und ihr helfen, das Schriftstück zu finden, das für ihr „ewiges Leben“ von zentraler Bedeutung ist. Sie ist nämlich nun dank eines lebensverlängernden Elixiers inzwischen 337 Jahre alt, aber so jung und hübsch und männerverzehrend wie eh und je. Die nachlassende Wirkung ist nun aber verhängnisvoll und führt zum Alles-oder-nichts-Geschlechterkampf, bei dem ihr die Männer reihenweise auf den Leim kriechen. Das Ende sei für einmal verschwiegen, aber die Fragen nach einer wie auch immer herbei-ersehnten Lebensverlängerung oder gar einem ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit selbst.

Die One-woman-show der Evelyn Herlitzius

Der profilierte russische Regisseur Dmitiri Tcherniakov zeichnet für Inszenierung und Bühnenbild verantwortlich. Ein unterkühltes, mauve-farbig barockes Interieur dient der Stunde der Wahrheit als Kulisse, deren Wände dann gegen Schluss allerdings wegbrechen und den Blick auf hintere  Zuschauerrampen und eine Art TV-Studio frei geben. Die Illusion ist perfekt, der Täuschung sind wir erlegen. Die Personenführung ist aus einem Guss und verbindet sich nahtlos mit dem Musikteppich, den der erst 38-jährige tschechische Dirigent Jakub Hruša, inzwischen bereits Chef der Bamberger Symphoniker, mit der brillant aufspielendenen Philharmonia Zürich mit einer überzeugenden, aufreizenden und glasklaren Konturensprache verknüpft.

 Auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen: Ruben Drole, Guy de Mey, Kevin Conners, Sam Furness, Katja Ledoux, Tómas Tómasson, Scott Hendricks und Deniz Uzun

Die Männer, denen, je länger der Abend, Hören und Sehen vergeht, können einem Leid tun, denn E.M. bringt sie mit ihrer Eiseskälte und Resolutheit fast um den Verstand. Und Janáček rüstet sie mit nicht eben besonders reizvollen Charakterporträts aus. Sie bleiben zu grossen Teilen Stichwortlieferanten, um dann die Überlebenskünstlerin Emilia Marty mit einem absolut eindringlichen und hochkarätigen Profil auszustatten. Diese Figur muss erste Wahl sein. Wer Evelyn Herlitzius in Zürich als Elektra hörte oder weiss, wie sie schon in jungen Jahren Bayreuth verzauberte, der wusste im Vornherein: das wird ein Leckerbissen. Und so war es. Sie ist in ihren gleissenden Roben und einer Mireille Mathieu-Perücke bestückt von verführerischer Exaltiertheit, ein Temperamentsbündel, das die Männerriege wirklich um ihren Verstand singt. Sie ist das Ereignis eines fesselnden Abends. Nicht verpassen!

Die Zudienenden müssen sich mit einem Gesamtlob mit gebührender Eindringlichkeit begnügen: Sam Furness und Scott Hendricks als Gegenspieler (mit Sohn: Spencer Lang), Tómas Tómasson als Advokat, Kevin Conners mit Tochter (Deniz Uzun: umwerfend rebellisch), Guy de Mey (als verblichener Verehrer in Totenmaske) und die Putzequipe mit Irène Friedli und Ruben Drole. 

Weitere Vorstellungen: September 25, 28, Oktober 6, 9, 13, 17, 22                

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