FrontGesellschaftJagd – ein vielseitiges Phänomen

Jagd – ein vielseitiges Phänomen

Zum 100-jährigen Bestehen zeigt das Bündner Kunstmuseum weitaus mehr als eine Verherrlichung der Jagd.

…obschon man gerade so etwas vielleicht erwartet! Ist doch das Jagen im Kanton Graubünden eine weit verbreitete und auch vielfach dokumentierte Leidenschaft! Die Ausstellung trägt denn auch den Titel Passion. Bilder von der Jagd. Sie wurzelt zwar hauptsächlich in der Jagd in Graubünden, greift jedoch weit über diese Region hinaus. Es geht den Kuratoren Stephan Kunz und Peter Egloff darum, anhand von Kunstwerken sowohl Konstanz als auch Wandel in der Darstellung und der Interpretation der Jagd über die Jahrhunderte bis zur Gegenwart aufzuzeigen. In den Räumen des Museums finden sich, in sieben thematische Teile gegliedert, Kunstwerke als Zeugnisse von der Bedeutung des Themas seit der Antike bis zur gegenwärtigen Sicht des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier, symbolisiert hier durch den Begriff der Jagd.

Robert Mapplethorpe, Statue Series, 1983 Silbergelatineprint, 51 x 40.5 cm Robert Mapplethorpe Foundation, New York.

Von der antiken Mythologie – von Artemis über Diana bis zum heiligen Hubertus und anderen – zeugen Werke vom 16. Jahrhunderts – z. B der beispielshaft für eine ganze Schule wirkende Kupferstich Der heilige Eustachius, 1501, von Albrecht Dürer – bis zur Gegenwart. Darunter sind auch einige Parabeln und Varianten des Themas, vor allem aus der Moderne, so Paul Klees Diana von 1931 oder die Statue Series, 1983, von Robert Mapplethorpe. Unter den zahlreichen Gegenständen aus dieser mythologischen Zeit beeindruckt auch ein reich verzierter Trinkautomat mit Diana auf dem Hirsch von Joachim Fries, 1610/12, aus Silber gegossen, ziseliert, graviert, vergoldet, ein schönes Bijou – und immer noch funktionsfähig! Oder – wieder als eines unter manchen – das zeittypische Gemälde von Marcantonio Franceschini, nach 1692, Der Tod des Adonis.

Katalog, hrsg. Peter Egloff, Stephan Kunz. © 2019, Bündner Kunstmuseum, Chur und Scheidegger & Spiess, Zürich

Es lohnt sich sehr, wenn man sich vor oder nach dem Besuch der Ausstellung den umfangreichen Informationen des Katalogs zuwendet. Namhafte Autorinnen und Autoren kommentieren das Thema und erweitern es vor allem mit literarischen Texten aus dem Zusammenhang. Das hilft entscheidend beim Aufnehmen und Verstehen dieser eindrücklichen Art einer geistesgeschichtlichen Synthese. Bildende Kunst, künstlerische und kunstgewerbliche Gegenstände in den Ausstellungsräumen verbinden sich mit der Literatur aus den Bereichen Mythologie, Religion, Geschichte und Geisteswissenschaften zu einer eindrücklichen Symbiose. Man erkennt dabei, etwas verkürzt ausgedrückt: Jagen bedeutet nicht einfach, Tiere hetzen und totschiessen.

Das wäre in der heutigen Zeit auch eine etwas fragwürdige Botschaft ausgerechnet zur Feier des 100-jährigen Jubiläums eines Museums. Dass neben Mythen und Metaphern als weitere Kapitel der Ausstellung auch die Wohlgelittene Malerei, Das Glück im Freien, das Eros und Thanatos-Thema, die Lust an der Trophäe und die Jagd als Bühne der Macht ins Spiel gebracht werden, zeugt von der gewandelten Sicht im Verlauf der Epochen. Der Titel des letzten Kapitels, Nature morte, ist bezeichnend. Besser als der deutsche Begriff Stillleben offenbart er, worum es hier geht.

Heute ist im Rahmen der Animal-Human Studies der Begriff Animal Turn (erstmals 2015 formuliert) ein Zeichen der gewandelten Sicht auch der Sozialwissenschaften auf das Verhältnis des Menschen zu den Tieren, «den armen Stiefgeschwistern der Menschen» (Hans Schumacher, 1977). Vor allem die erwähnten Kommentare und literarischen Texte tragen etliches dazu bei, dass die Jagd als Teil der Entwicklung der Kulturgeschichte verstanden werden kann, ohne auf das Grausame allein reduziert zu werden. Irgendwie erhält so auch der Dreiklang Leben – Jagen – Sterben die ihm zustehende nachdenklich stimmende Bedeutung.

Félix Vallotton, Le chasseur à Honfleur, 1918. Öl auf Leinwand, 95 x 120 x 5 cm.

Dietrich Adolf, Kleine Waldlandschaft (Trophäenschild für ein Rehgeweih), 1928. Öl auf Holz, Rehtrophäe, 12.5 x 21.5 cm. Sammlung Andrea und Catherine Caratsch, St. Moritz. © Pro Litteris Zürich (auch Beitragsbild).

Die Ausstellung dauert noch bis 27. Oktober 2019.

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