FrontKolumnenWas hält die Schweiz zusammen?

Was hält die Schweiz zusammen?

In den Rucksack hast du zwei Sonntagszeitungen gestopft. Du denkst, du solltest dich informieren. Du sitzest im Garten des Restaurants «Frohe Aussicht», siehst den Wanderern zu, wie sie den steilen Aufstieg über die Flanke des Berges in Angriff nehmen und vorerst durch einen Trampelpfad im nahen Wald verschwinden. Du bist schon müde nach den paar hundert Schritten. Der Rucksack drückt schwer. Die Zeitungen sind zwar leicht, was das Papier betrifft, schwer sind sie aber bezüglich des Inhalts. Du hast sie schnell durchgeblättert. «Muss ich das lesen?», denkst du. Irgendwie stinkt es immer um das Geld herum. Eine seltsame Trübsal beschleicht dich. Liebevoll begleitet ein jüngerer Mann seine alte Mutter an den Tisch nebenan, wo schon drei Personen warten. Sie wird freundlich begrüsst, setzt sich mühsam auf den Stuhl und fühlt sich dann sichtlich wohl. Sie schaut herum. Ihr Blick fällt auf dich. Sie denkt, dort sitzt einer allein. Du versuchst mit einem SMS ein Echo auszulösen. Die Antwort bleibt aus. Wehmut und Sehnsucht leiten deine Gedanken. Zurück bleibt die Frage, ob heute noch ein gutes Wort im Natel eintrudelt. Vielleicht hättest du dann sogar Lust, die Zeitungen nochmals aufzuschlagen. Eine leise Melancholie schleicht in dein Gemüt und der Tag, der herrlich begann, verliert seine Farben. Es wird kein schöner Tag werden. Aber du täuschest dich. Das Natel surrt. Und du bekommst zu lesen: «Schön, dass ich von dir hörte. Ich freue mich, dich am Abend zu treffen. Gute Wanderung!»

Du blätterst die eine Zeitung nochmals durch und liest mit gesteigerter Aufmerksamkeit eine Kolumne in der «NZZ am Sonntag». Der Soziologe Markus Freitag schreibt über die Netten, sie würden die Schweiz zusammenhalten. Sie sind diejenigen, die nicht gross auffallen, selten abstimmen, dem Getöse der Welt ausweichen und glauben, der Bundesrat, die Kantonsregierungen und die Gemeinderäte würden ihre Pflicht erfüllen und ihnen könne man vertrauen. Sie erfüllen die Tugenden des Landes, auf die alle wert legen. Sie sind «bescheiden, altruistisch, mitfühlend, warmherzig und – nett.» Diese Ausführungen lesend würdest du den Soziologen gerne fragen, warum dennoch viele das Gefühl plagt, dass etwas in unserer Gesellschaft schief läuft. Hörst du nämlich das Gejammer und die Unzufriedenheit, wie sie sich in den Medien und in Leserbriefen ausbreiten, bedrückt es dich sehr.

Der Soziologe Freitag ist überzeugt, dass die bescheidenen und netten Menschen die Schweiz zusammenhalten. Er würde eine diesbezügliche Frage mit einer gewissen Zuversicht und wissenschaftlich abgestützt wie folgt beantworten: «Wissen Sie», würde er dir sagen, «wenn nur ein oder zwei Prozent der Bevölkerung wirklich schlecht wären, würde die Stimmung derart umschlagen, dass ein gefährlicher Defaitismus aufkäme. Das hiesse dann, dass die Menschen von einer guten Zukunft nicht viel erwarten würden und wenig Zuversicht hätten. Aber die Schweiz ist und bleibt in der Summe ein anständiges Land».

Dieser Gedanke stärkt dich in deinem Glauben an das Gute im Menschen. Der Soziologe schreibt von den vielen «verträglichen Menschen». Sie würden das Land stabilisieren. Sind die Wahlen vorbei, denkst du, geht die Welt wieder ihren Lauf. Die echten Probleme stehen im Vordergrund und werden angepackt, die Netten finden ihre Ruhe. Sie arbeiten wie immer fleissig, sie möchten etwas für sich erreichen, sie werden dankbar äussern, dass sie im schönsten und sichersten Land leben. Sie tragen wie immer dazu bei, dass die Dienstleistungen funktionieren und die Unternehmungen den Sockel schaffen, auf dem auch die weniger Netten gut leben können.

So findet dein Sonntag der kleinen Wanderung doch noch einen guten Abend. Der innere Friede kehrt zurück. Als du dann am Abend mit der Absenderin des SMS zusammensassest, blicktest du auf den Kreis deiner Bekannten und Nachbarn. Du könntest wenige finden, denen du nicht ganz trauen würdest, sagtest du. In deinem Kreis wohnten zwar nicht nur Nette, einem von Hundert würdest du vielleicht die Note 3-4 geben und die anderen als Gute bewerten. Da würde es dich nicht mehr aufregen, dass es Korrupte gibt. Sie müssen mit sich selber fertig werden.

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