FrontKulturRache ist stärker als Vernunft

Rache ist stärker als Vernunft

Für sein neues Theaterstück «Orest in Mossul» ist Regisseur und Autor Milo Rau in die zerbombte irakische Stadt Mossul gereist. Nun legt er eine Inszenierung vor, die sehr betroffen macht. Gegenwärtig gastiert er mit dem Stück am Zürcher Schauspielhaus.

Milo Raus Inszenierungen sprengen immer wieder den Rahmen klassischer Theateraufführungen, provozieren und werden stürmisch gefeiert. Der Schweizer Autor und Regisseur hat mit irakischen Künstlern «Orest in Mossul» inszeniert, ein Stück, das im Frühling 2019 am Nationaltheater Gent in den Niederlanden seine Erstaufführung hatte, in dem Haus, das er als Intendant seit 2018 leitet. Nunmehr erlebt das Stück auf der Zürcher Pfauenbühne seine Schweizer Premiere.

Agamemnon küsst seine Geliebte beim gemeinsamen Essen mit Klytaimestra.

«Theater muss dort stattfinden, wo das Drama ist, und in Mossul ist Drama pur», sagt Milo Rau. Einen Monat lang war er und sein Ensemble in der ehemaligen Hochburg des IS und inszenierte mit Einheimischen die «Orestie» des Aischylos, die einzig erhaltene tragische Trilogie der griechischen Antike. Der aus dem Trojanischen Krieg heimkehrende Agamemnon wird von seiner Frau Klytaimestra und ihrem Geliebten Aigisthos erschlagen. Agamemnons ebenfalls heimkehrender Sohn Orestes rächt den Tod seines Vaters, indem er seine Mutter und deren Geliebten umbringt. Daraufhin wird er von Rachegöttinnen verfolgt, bis ein Bürgergericht und die Göttin Athene ihn freisprechen.

Blutiger Teufelskreis der Rache

Milo Rau, der regelmässig seine Stücke in riskanten Weltgegenden inszeniert, hat die irakische Stadt Mossul gewählt, weil sie «für die Verwerfungen einer globalen Gesellschaft ein schockierendes Exempel abgibt». Und mit der Wahl von Aischylos` Orestie thematisiert er den blutigen Teufelskreis der Rache bzw. den Umgang der Bevölkerung von Mossul mit den IS-Killern. In Mossul leben 2000 bis 3000 Unterstützer und Schläfer des IS. Lässt man sie laufen oder bringt man sie um? Für Betroffene, die ihre Familie durch den IS verloren haben, ist diese Frage fast unmöglich zu beantworten. Für Milo Rau bleibt am Schluss nur ein Weder-noch: nicht töten, aber auch nicht vergeben.

Orest rächt den Tod seines Vaters und tötet seine Mutter Klytaimestra und deren Geliebten. (Fotos: Fred Debrock)

Milo Raus Inszenierung ist ein Gemisch aus Erzähltheater und Filmsequenzen auf grosser Leinwand, gedreht am realen Kriegsschauplatz Mossul. Auf der Bühne agieren sieben Schauspieler (zwei davon sind Exil-Iraker), die abwechselnd Zeugen der irakischen Gegenwart und Aischylos` tragische Figuren verkörpern, begleitet von dramatischen Videoszenen aus der zerbombten Stadt Mossul mit irakischen Schauspielern, denen die Ausreise nach den Dreharbeiten für Auftritte in Europa verwehrt bleibt. Eindrücklich werden hier hiesige Biografien an den Originalschauplätzen mit zerbombten Moscheen und Totenköpfen auf Schuttbergen über die «Orestie» gelegt und als Dokument einer geteilten Welt dargestellt. Detailliert werden Erschiessungen in IS-Manier nachgespielt und lange Fahrten durch die zerstörte Stadt gezeigt.

Als Provokation lässt Milo Rau auf dem Dach eines Luxuskaufhauses, wo der IS Homosexuelle und Frauen in den Tod stürzen liess, Orest und Pylades als schwules Paar mit einem Kuss auftreten. Eine gewagte Szene in einer Stadt, wo Schwule mit dem Tod bestraft werden. Just hier stellt sich die Frage, ob die von Milo Rau mit der Kuss-Szene gewünschte Wirkung einer offenen, liberalen Gesellschaft nach westlichem Vorbild erreicht werden kann. Zweifel sind angezeigt.

Opfer als Richter

Dass Rache stärker ist als Vernunft, illustriert Milo Rau eindrücklich mit der Kriegsverbrechertribunal-Szene. Junge Männer aus Mossul stimmen zwei Mal darüber ab, ob die IS-Mörder mit dem Tod bestraft werden sollen. Zu Beginn der Dreharbeiten stimmen alle für den Tod, am Ende enthalten sich alle der Stimme. Offensichtlich ist man in Mossul noch weit entfernt davon, Kriegsverbrecher, die man nicht verurteilt, auch freizusprechen. Zu gross ist das Leid noch, das die IS-Schergen zu verantworten haben.

«Theater soll die Welt nicht darstellen, sondern verändern», heisst es im Genter Theatermanifest. Mit «Orest in Mossul» thematisiert Milo Rau ein utopisches Denken, das in der Realität an Grenzen stösst. Aber es ist ein utopisches Denken, das herausfordert, auch wenn am Beispiel von Mossul zurzeit kein Anlass der Hoffnung besteht und weiterhin gemordet wird. Und solche Herausforderungen sind nötiger denn je. Das Verdienst von Milo Rau liegt just darin, antike Schicksalsfiguren für heutige Tragödien und Konflikte sicht- und erlebbar zu machen. Mit seiner jüngsten Arbeit ist ihm und dem Ensemble das meisterlich gelungen. Man verlässt das Theater tief betroffen.

Weitere Spieldaten: 6. Oktober, 20., 21., 22. November

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