Annäherung

«Zwischen Macht und Ohnmacht» nennt René Sollberger sein Buch über den Schweizer Diplomaten und nachmaligen Präsidenten des IKRK Jakob Kellenberger. Dieser feiert am 19. Oktober seinen 75. Geburtstag. Grund genug für Seniorweb, sich unter die Gratulierenden einzureihen und vor allem einen grossen Dank für das eindrückliche Wirken von Kellenberger auszusprechen.

Der Autor beginnt und beendigt sein Buch mit denselben Sätzen: «Jakob Kellenberger ist ein unmöglicher Mensch. Unmöglich fleissig, ehrgeizig, diszipliniert, pflichtbewusst, loyal, kompetent und erfolgreich. Aber auch unmöglich bescheiden, wenn es um seine Person geht, aber nicht, wenn es um die Sache geht. Dann ist er äusserst ehrgeizig».

Ein Mann des Vertrauens

Sollberger ist mit seinem Urteil nicht allein. Im dritten Kapitel: «Zerreissprobe in Washington» findet sich ein Bild, das Jakob Kellenberger mit Präsident Barak Obama zeigt. Die Unterschrift lautet: «Jakob, you are very difficult. But you know what? Just remain difficult.» Mit diesen Worten hat Präsident Obama im März 2012 Jakob Kellenberger im Weissen Haus verabschiedet.

Eine ähnliche Bemerkung findet sich gegen Ende des Buches, im achten Kapitel, in dem es um die «Arroganz der Macht» geht. Es geht um ein Gespräch in Damaskus, in welchem Kellenberger für das IKRK in einem Gefängnis Zugang zu allen Inhaftierten für Gespräche fordert. Diese Gespräche müssen wiederholt werden können und ohne Zeugen möglich sein.

Kellenberger fordert auch eine zweistündige Kampfpause, um Verwundete zu evakuieren und Hilfe zu bringen. Er setzt sich durch. Einer seiner Verhandlungspartner, ein «harter Typ», sagt zu ihm: «We have learned, you are not easy, but we trust in what you say». Die Syrer hatten festgestellt, dass er an Pressekonferenzen und im Dialog mit anderen Staaten nichts anderes sagte, als in Damaskus.

Dazu bemerkt Kellenberger knapp: «Heute gilt das schon als aussergewöhnlich, wenn man an verschiedenen Orten die gleiche Sprache spricht. Das ist offenbar bereits eine Auszeichnung». In meinen Augen als Leserin ist die Aussage: «We trust in what you say» aus dem Munde eines dieser gar nicht zimperlichen Männer genau so wertvoll wie alle die Auszeichnungen, die Kellenberger im Laufe der Jahre erhalten hat.

Gefährliche Einsätze

Dem Buch ist am Schluss ein Lebenslauf von Jakob Kellenberger beigegeben. Und eine Karte der wichtigsten Schauplätze, die im Buch vorkommen. Da kann man sich immer wieder orientieren.

Denn das Buch ist nicht chronologisch aufgebaut. In einer Ansammlung von neun Kapiteln werden Wirken und Denken des Diplomaten und IKRK-Präsidenten Jakob Kellenberger in verschiedenen Situationen und Zusammenhängen in realistischen Schilderungen dargestellt.

Ich halte den Atem an, wenn geschrieben steht: «Kellenberger befindet sich im kontrollierten Sturzflug auf Bagdad. Das Kleinflugzeug des IKRK vom Typ Beechcraft nähert sich der besetzten Hauptstadt auf einer steilen, spiralförmigen Bahn und sinkt schnell – fast senkrecht, um das Abschussrisiko zu vermindern. Ein typischer Anflug in Kriegsgebieten, wie ihn der IKRK-Präsident oft erlebt oder noch erleben wird, erstmals 2000 in Huambo während das Bürgerkriegs in Angola, dann 2001 über dem US-Stützpunkt Bagram unweit von Afghanistans Hauptstadt Kabul oder 2008 in Tiflis im russisch-georgischen Krieg.»

Ich halte aber auch den Atem an, wenn ich über ein Gespräch mit Stammesführern im Sudan lese, die sich beklagten, dass die Frauen immer von Rebellen vergewaltigt würden, wenn sie in der Umgebung nach Brennholz suchten. Nach kurzem Überlegen antwortet Kellenberger, die Männer könnten ja die Frauen zuhause lassen und selbst Holz sammeln gehen oder die Frauen begleiten. Damit kam er gar nicht gut an: «Niemand mehr sagt etwas, keine Reaktion. Die Stille werde ich nie vergessen, eine eisige Stille war das.»

Verhandlungen mit der EU

Nicht nur der IKRK-Präsident wird in diesem Buch gewürdigt, auch der Diplomat und Chefunterhändler mit der Europäischen Union kommt im sechsten Kapitel «Die innere Temperatur der Schweiz» zu Wort. Sollberger skizziert, wie Kellenberger im Wintersemester 2012 in einer Vorlesung an der ETH Zürich die komplexen Beziehungen der Schweiz zur Europäischen Union, die er selbst mitgestaltet hat, aufrollt.

Selbst habe ich die Volksabstimmung über einen Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum als Politikerin miterlebt und miterlitten. Es ist für mich besonders aufschlussreich, nun einen Blick hinter die Kulissen zu tun. Im Mai 92 wurde ja der EU vom Bundesrat formell ein Beitrittsgesuch übergeben. Auf mich wirkte das damals wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Jetzt lese ich, dass das gar kein «Blitz», sondern ein von längerer Hand vorbereitetes Ereignis gewesen ist. Interessant!

Der Mensch Jakob Kellenberger

Wir begegnen in diesem Buche auch dem Menschen Jakob Kellenberger. Wir lernen seine Lieblingslektüre kennen. Er trägt immer ein Büchlein mit seinen Lieblingsgedichten mit sich, in die er sich zurückziehen kann, wenn die Eindrücke in kriegsversehrten Ländern zu unerträglich werden. Und wir lesen, dass ihm der Austausch mit seiner Frau, Elisabeth Kellenberger-Jossi, den tragenden Grund schafft, von dem aus er den vielfältigen Anforderungen seines Lebens gewachsen bleiben kann.

Häufig wird darauf hingewiesen, dass es Jakob Kellenberger Mühe bereitet, wenn seine Person, und nicht die Sache, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt wird. Das Buch führt uns über die Person Jakob Kellenberger hinaus. Es zeigt uns auf, wie ein Mensch auch auf einem ungewöhnlichen Lebensweg sich selbst treu bleiben kann. Es wäre ein grosser Verlust, wenn dieses Buch nicht geschrieben worden wäre!

René Sollberger: Jakob Kellenberger. Zwischen Macht und Ohnmacht. Annäherung an einen Diplomaten. 2019, NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel.
ISBN 978—3-03810-440-7- ISBH E-Book 978 – 3 03810.452-0

Vorheriger ArtikelPriesterinnen des Chaos
Nächster ArtikelIn der Hölle von Aleppo

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel