FrontKolumnenRemo Largo und das Familienleben

Remo Largo und das Familienleben

Remo Largo, einst renommierter Kinderarzt, emeritierter Professor für Kinderheilkunde und unablässiger Mahner, was Versäumnisse rund um die Erziehungsarbeit betrifft, nimmt im Film „Wir Eltern“ dezidiert Stellung zu aktuellen Fragen rund um das „aus dem Ruder laufende Familienleben.“

Filmregisseur Eric Bergkraut und Schriftstellerin Ruth Schweikert stechen mit einer satirischen Selbstentlarvung familiärer Unzulänglichkeiten in ein Wespennest. Denn dass das Familienmodell Karriere-Mutterschaft-Kinderbetreuung-Haushalt-Gleichberechtigung einem Seiltanz ohne doppelten Boden gleichkommt und das traditionelle Familienbild in den Grundfesten erschüttert, lesen und hören wir täglich. 

Das Ehepaar Bergkraut-Schweikert hinterfragt seine Erziehungsarbeit, indem es mit den eigenen Söhnen Orell, Elia und Ruben Teenager-Probleme und Pubertäts-Konflikte erörtert und überspitzt zur Diskussion stellt. Die halbwüchsigen Kinder blockieren das Familiensystem – bis die Eltern ausziehen. Ein Film mitten aus dem Alltag, bei dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Herausgekommen ist eine kurzweilige, mit bissigen Einstreuungen gespickte Groteske, welche der modernen Familie auf den Zahn fühlt.

Remo Largo, Kinderarzt und Sachbuchautor, nimmt zu Erziehungsfragen Stellung

Remo Largo hat seine Mitwirkung als Experiment verstanden und meint dazu: „ Es steckt ein grosses gesellschaftliches Problem dahinter, das man diskutieren sollte. In unserer Zeit haben wir die unnatürliche Situation, dass junge Erwachsene viel zu lange daheim wohnen. Dabei wäre doch ein Schnitt nötig. In der Pubertät wird die Bindung aufgelöst. Der Jugendliche ist emotional nicht mehr von den Eltern abhängig und lässt sich von ihnen nichts mehr sagen. Die Ablösung ist ein normaler Vorgang, und er ist bei den Eltern mit einem Kontroll- und Liebesverlust verbunden.“

Auf die Frage, wie sich denn Eltern in der Pubertätsphase verhalten sollten, ergänzt Largo: «Sie behandeln ihre Söhne und Töchter wie Erwachsene, im Bewusstsein, dass sie es nicht sind. Begegnet man ihnen nicht auf Augenhöhe, behandelt sie immer noch wie Kinder, werden sie renitent.“ Und zur „quality time“, der Präsenz der Eltern, meint der Erziehungswissenschaftler: „ Zeit ist etwas vom Wichtigsten, was Eltern Kindern geben können. Ein Kind kann nicht allein sein. Punkt. Es muss jederzeit Zugang zu einer vertrauten Person haben, einer Bezugsperson, die seine Bedürfnisse kennt und befriedigt. Der Zeitfaktor hat auch einen direkten Einfluss auf den Erziehungserfolg.»

Der zuvor am Locarno Filmfestival präsentierte Film ist bereits in zahlreichen Kinos angelaufen und wird am Dienstag, 22. Oktober, 20.40, im Zürcher Kino Riffraff 1 gezeigt und mit einer Podiumsdiskussion abgeschlossen. Teilnehmende sind das Ehepaar Ruth Schweikert und Eric Bergkraut und der Kinderarzt und Sachbuchautor Remo Largo. Die Moderation hat Michèle Binswanger, Redaktorin Tages-Anzeiger.

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