FrontKolumnenEine kunterbunte NR-Liste

Eine kunterbunte NR-Liste

Das Werk ist vollbracht. Die Nationalratsliste steht. 35 Namenslinien sind aufgefüllt mit 17 Namen, doppelt aufgeführt plus einen. Ich habe zuerst mal 17 Namen auf der vorgedruckten Liste gestrichen. Und zwar Namen von Kandidatinnen und Kandidaten, die mir nicht bekannt sind, die mir weder mit besonderen Leistungen aufgefallen sind noch sonst wie nicht wählbar erscheinen. Und dann habe ich kumuliert und panaschiert, was das Zeug hält. Frauen und Männer von anderen Listen eingetragen, die mir eben bekannt sind, mir vertrauenswürdig erscheinen, die mir mit besonderen Leistungen aufgefallen sind. Und wieder habe ich Namen gestrichen, um für andere Platz zu schaffen.

Ich betrachte noch einmal den Namen der Liste. Ist es die Partei, die ich wählen will, soll ich sie wieder wählen, wie schon immer? Wie selbstverständlich habe ich die Liste dieser mir nicht allzu fernen Partei ausgewählt, seitdem ich den LdU mit zu Grabe getragen habe, damals wahrscheinlich zu früh. Jetzt plötzlich die Zweifel. Am liebsten würde ich sie umbenennen, den Vorschlag des Schriftstellers Martin Suter aufgreifen, der sich in einem Interview in der Sonntags-Presse eine Partei mit dem Namen „Anti-Rechtspartei“ ARP wünschte.

Auch er hat nach seinen Worten eine kunterbunte Liste erstellt, wie ich: rosa bis rot, grasgrün bis hellgrün, etwas leicht Blaues mit etwas Christlichem gemischt. Den Namen der Partei verriet er nicht, genauso wie ich. Warum wohl? Wir Schweizer möchten immer auch noch ein kleines Geheimnis für uns behalten, sei es auch nur die Partei, die wir jeweils wählen.

Immerhin: Wir im Kanton Zürich sind bei den Nationalratswahlen privilegiert. Wir können 35 Frauen und Männer nach Bern schicken. Im Kanton Glarus ist es nur ein Mandat, das dem Stand und so den Wählerinnen und Wählern zusteht. Korrigiert wird das durch die Wahl des Ständerates. Sowohl wir Zürcher als auch die Glarner können zwei Frauen oder zwei Männer oder ein „gemischtes Doppel“ ins Bundeshaus entsenden.

Seit Wochen wird in den Medien darüber spekuliert: Gibt es einen Linksrutsch, überrollt auch in der Schweiz eine grüne Welle die bürgerlichen Parteien? Kommt es zur Wende von der bisher bürgerlichen Mehrheit, getragen von der SVP und der FDP, zur Allianz von rot und grün gefärbten Parteien? Wahrscheinlich.

Nur die Wende wird bescheidener ausfallen als erwartet und letztlich im Ständerat wieder korrigiert werden. Das liegt auch am Wahlsystem. Die Kantone sind die Wahlkreise. So finden eigentlich kantonale und nicht eidgenössische Wahlen statt. Die Kantone sind so unterschiedlich in ihrer Grösse, die jeweiligen Parteien sind nur ganz schwer unter eine streng nationale Ausrichtung zu stellen, Vielfalt steht vor Einheit. Und das ist auch gut so.

Das hat uns in den letzten Jahrzehnten Stabilität verschafft. Rotgrün wird stärker, die SVP wohl schwächer, sie wird nicht mehr so dominant auftreten können. Die Schweiz wird am nächsten Sonntag wieder eidgenössischer. Auch wenn die Grünen/Grünliberalen die CVP an Wählerstimmen bei den Nationalratswahlen überholen werden, die Christlichen werden ihren Sitz deswegen im Bundesrat nicht verlieren. Auch hier wird der Ständerat korrigierend wirken. Und auch das ist gut so für unser politisches System, und vor allem auch deshalb, weil die Instabilität im Ausland zunimmt.

Rechtsradikale Tendenzen im Ausland, insbesondere auch und gerade in Deutschland sind nicht zu übersehen. Mit Donald Trump und dem zu erwartenden Impeachment in den USA, dem vielleicht etwas leichteren Handelskrieg zwischen den USA und China beziehungsweise Europa, der Attacke der Türkei gegen die Kurden, dem bevorstehenden Brexit in irgendeiner Form sind die Unsicherheiten auf der politischen Weltbühne derart gross, so dass ein ruhiger, ein normaler Wahlgang zur eidgenössischen Normalität trotz einer leichten Veränderung Richtung linksgrün eine Wohltat für die Eidgenossenschaft sein wird. Noch brauchen wir keine „Antirechts-Partei ARP“. Und auch das ist gut so, zumindest vorerst. Mann weiss ja nie.

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