FrontGesellschaftWenn Flüsse in die Luft gehen

Wenn Flüsse in die Luft gehen

Dem klimatischen Gleichgewicht in Südamerika dienen fliegende Flüsse. Sie bringen Wasser aus den Amazonas-Regenwäldern in weit entfernte Gegenden. «Fliegende Flüsse», eine Ausstellung der Stiftung Aquatis in Lausanne, zeigt die Dringlichkeit von Schutzmassnahmen für dieses einzigartige Ökosystem.

Mit einem Leichtflugzeug über den Regenwald gleiten, dicht über den ausladenden Kronen der Baumriesen, dazwischen unzählige Wasserläufe – Gérard Moss und seine Frau Margi taten das nicht zum blossen Vergnügen, sondern sie flogen mit ihrem speziell eingerichteten Wasserflugzeug immer wieder, um auf die vielfältigen Umweltprobleme aufmerksam zu machen. Sie unterstützten damit ein Projekt des brasilianischen Umweltforschers Antonio Nobre.

Klimaregulation durch Feuchtigkeit

Bei Flügen über den Amazonas war Moss aufgefallen, dass sich mancherorts in gewissen Luftschichten Wasserkorridore bildeten. Im Jahre 2007 traf er einen der führenden Klima- und Umweltforscher Brasiliens Antonio Nobre. Daraufhin riefen die beiden gemeinsam das Projekt rios voadores «Fliegende Flüsse» ins Leben. Während ungefähr zehn Jahren untersuchte eine Gruppe Wissenschaftler dieses damals noch wenig bekannte Phänomen und die Rolle der Fliegenden Flüsse für die Klimaregulierung. Die Sonderausstellung im AQUATIS Aquarium und Vivarium Lausanne zeigt nun die Ergebnisse dieser Forschungen anschaulich und mit faszinierenden Aufnahmen.

Wie breite Nebelwände steigt die Feuchtigkeit nach oben, wo Passatwinde sie weitertragen.

Dass die Fliegenden Flüsse gerade über dem Amazonasgebiet entstehen, ist kein Zufall. Hier verstärken sich verschiedene Phänomene gegenseitig: In den tropischen und subtropischen Breiten über dem Atlantik ist die Verdunstung besonders intensiv. Die Passatwinde laden sich mit Feuchtigkeit auf und tragen sie weiter. Andererseits verdunstet auch in den Amazonas-Regenwäldern eine riesige Menge Wasser, kondensiert in der Höhe und fällt als Niederschlag wieder auf die Erde. Gleichzeitig sinkt der Luftdruck. Durch die Passatwinde wird dieses flache Tiefdruckgebiet wieder aufgefüllt. Damit gelangt der Wasserdampf vom Atlantik ins Amazonastiefland.

Ein gigantischer Wasserkreislauf

Dort entstehen die Fliegenden Flüsse. Sie werden von den Winden in Richtung Anden gelenkt, wo ein Teil des Wassers als Regen fällt, weitere Anteile dieses Wasser direkt im Amazonas landen. Ein grosser, wichtiger Teil dieser Feuchtigkeit, als Nebel oder Wolken sichtbar, wird nach Süden abgelenkt und verursacht auch ausserhalb des Amazonasgebietes Niederschläge – unabdingbar für diese Gegenden, die ohne diese Fliegenden Flüsse viel trockener und weniger fruchtbar wären. Wohin diese Wolken und Nebel weiterziehen und welche Auswirkungen sie ausserhalb Südamerikas haben, muss noch erforscht werden.

Wenn die Feuchtigkeit aufsteigt, entstehen phantastische Formen.

Ohne die Baumriesen in den Regenwäldern könnten sich die Fliegenden Flüsse nicht bilden. Alle Pflanzen bauen Zuckermoleküle aus CO2 und Wasser – die Photosynthese. Dabei werden für ein Molekül Kohlendioxid 400 Moleküle Wasser abgegeben. Dadurch wird der Regenwald zum grössten Vernichter des klimaschädlichen CO2 und zugleich zum gewichtigsten Produzenten des für Pflanzen und alle Lebewesen dringend benötigten Wassers. – Wenn es die Amazonas-Regenwälder nicht gäbe, legte Antonio Nobre voller Überzeugung dar, würden alle Anstrengungen, CO2 zu reduzieren: Abgasreduktion, Verzicht auf Ölheizungen, Apparate zur Umwandlung von CO2 usw., nicht ausreichen, die Erderwärmung zu stoppen.

Brennender Regenwald

Durch einen grossen Baum, dessen Krone einen Durchmesser von 20 Metern besitzt, können täglich an die 1’000 Liter Wasser fliessen. Aufgrund der Verdunstung über die Blätter der Bäume entsteht eine grössere Menge Wasser als der grösste Strom der Erde fasst, erklärte Nobre bei der Eröffnung der Ausstellung. Der Amazonaswald ist das reichste und vielfältigste Reservoir der Welt. Seine Tier- und Pflanzenwelt ist noch nicht vollständig erforscht. Ebenso wenig Konkretes weiss man über die Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem – und nicht nur das Südamerikas, wie der Umweltbiologe betont, sondern weltweit.

Wiederaufforstung ist Schutz vor Erderwärmung

Die Regenwälder wirken sowohl als Klimaanlage wie auch als Stabilisator des Klimas. Die Bäume dienen als Luftfilter, – nirgends ist die Luft so rein wie im Wald, hören wir von Antonio Nobre. Das gleiche gilt für das Wasser, die Wurzeln der Bäume machen den Boden porös, so dass das Regenwasser die Erde von Schadstoffen befreien kann. Das von den Bäumen aufgesaugte Wasser fällt als Regen zurück und kann andernorts dazu beitragen, Stauseen, die der Energiegewinnung dienen, wieder aufzufüllen. Wälder, wo immer sie wachsen und besonders die tropischen wie der Amazonaswald, regulieren klimatische Extreme durch ihre Fähigkeit, grosse Mengen Wasser aufzunehmen und konstant und regelmässig abzugeben.


Gerodeter Regenwald wirkt wie eine Wunde – der Boden ohne die Bäume ist wenig fruchtbar.

Im Juli dieses Jahres veröffentlichten Wissenschaftler der ETH eine Studie, wie Bäume das Klima retten könnten. Nobre kennt diese Studie und befürwortet sie. Er ist überzeugt, dass Bäume dem Klimaschutz viel effizienter dienen können. Allerdings müssten verschiedene Aspekte beachtet werden: Es müssten die richtigen Baumarten ausgewählt werden, der junge Wald müsste gepflegt werden, damit die gepflanzten Bäume gedeihen könnten. Nobre erzählt, dass in China eine grosse Anzahl Bäume gepflanzt worden war, jedoch eine beträchtliche Menge schnell verdorrt sei. Wichtig ist auch die Wahl des Ortes: Steppen und Dürrezonen seien am geeignetsten. Wo der Boden schon grün ist, wo Landwirtschaft betrieben wird, sollte man diese Flächen den Bauern überlassen.

Wer das Leben liebt, den Reichtum und die Komplexität unserer Umwelt bewundert, muss bereit sein, sich für ihren Schutz einzusetzen – so ist Antonio Nobres Engagement und das von Gérard und Margi Moss zu verstehen.

Fliegende Flüsse bis 28. Juni 2020

Das gesamte Aquarium / Vivarium der AQUATIS Stiftung, die grösste europäische Präsentation der Tier- und Pflanzenwelt im Süsswasser, lohnt einen Besuch.

Gérard Moss (nur Englisch)
Prof. Antonio Donato Nobre: «The Future Climate of Amazonia». Wissenschaftlicher Bericht über das zukünftige Klima in der Amazonasregion (Englisch)

Studie der ETH: Bäume pflanzen

Alle Bilder: © Margi Moss – Moss persönliches Archiv

1 Kommentar

  1. Eindrücklicher Beleg für die weltweit enorme Bedeutung der Regenwälder im Amazonsgebiet, die weder Rechtspopulisten noch Klimaschutz-Gegner wohlfeil instrumentalisieren dürfen. Eine bemerkenswerte Auslegeordnung.

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