Gesellschaft

Die lustigste und klügste Sex-Beraterin

Ruth Westheimer dürfte weltweit die erste prominente Sex-Beraterin sein. Zu ihrem 90. Geburtstag hat Ryan White den unterhaltsamen und informativen Dokumentarfilm «ask dr. Ruth» geschaffen, der bei den Älteren wohl einige Erinnerungen wecken wird.

Dr. Ruth Westheimers ab 1980 ausgestrahlten Radiosendungen «Sexually Speaking» wurden in ganz Amerika ein Erfolg, ihm folgten mehr als 450 Fernsehsendungen, ungezählte Interviews und zahlreiche Bücher. Wenn zu jener Zeit öffentlich über Sexualität gesprochen wurde, dann niemals so wie Dr. Ruth es tat: unbefangen, spontan, ehrlich, anteilnehmend, kompetent, witzig, mutig, frech und mit Humor. Und was gab es damals bei uns? Für die Erwachsenen liefen zwischen 1968 und 2008 im Kino von Oswald Kolle neun Aufklärungsfilme à la «Das Wunder der Liebe» und «Deine Frau, das unbekannte Wesen», die da und dort die Zensoren zum Schwitzen brachten. Für die Jungen startete am 20. Oktober 1962 «Bravo» mit seiner Beratungsrubrik. Martin Goldstein begann mit der Aufklärungsserie «Knigge für Verliebte», bevor er ab Ausgabe 43/1969 am 20. Oktober im «Bravo» seine Beratertätigkeit aufnahm. Woche für Woche arbeitete bis Anfang der 80er Jahre unter dem Label «Dr. Sommer» der Kölner Jugendtherapeut mit einem sechsköpfigen Team aus Diplompädagogen, Sozialpädagogen und Psychologen und versorgte die pubertierenden Jugendlichen mit dem für ihre Sexualität notwendigen Wissen.

In Amerika war es eine einzige Frau, die im Radio, Fernsehen und in der Presse die ganze Nation in einer One-Woman-Show versorgte und sensationelle Erfolge buchte: Dr. Ruth Westheimer. Zuvor hatte sie, unter anderem in Paris und New York, Psychologie und Soziologie studiert. Mit ihren Radio- und TV-Sendungen galt sie bald international als Star, wurde zur Kultfigur. Ihre Auftritte zeichneten sich damit aus, dass sie stets klare Position einnahm und deutliche Worte brauchte, so bei den Themen Aids, Homophobie und Abtreibung. Sie vertrat feministische Anliegen, obwohl sie sich nie als Feministin bezeichnete. Sie wurde zu einer Vorkämpferin der heutigen Gender-Debatte. Der höchst unterhaltsame, in amerikanischer TV-Manier gedrehte, lustige und informative, mit vielen schönen Details gespickte Dokumentarfilm «ask dr. Ruth» erzählt die unglaubliche Lebens- und Wirkungsgeschichte der heute 91-jährigen quicklebendigen Frau.

Ruth und Manfred Westheimer mit Kindern

Ein intensiv gelebtes Leben

Am 4. Juni 1928 in Wiesenfeld/Karlstadt geboren, wurde Karola Siegelim Alter von zehn Jahren als Kind jüdisch-orthodoxer Eltern mit einem Kindertransport von Frankfurt in die Schweiz geschickt. Die Ausreise wurde ihr, zusammen mit etwa hundert andern jüdischen Kindern, durch eine Schweizer Aktivistin ermöglicht. Während ihre Eltern im KZ Auschwitz ermordet wurden, verbrachte sie die Zeit des Zweiten Weltkriegs in dem vom Israelitischen Frauenverein Zürich geführten Kinderheim Wartheim in Heiden. In Herisau besuchte sie eine Haushälterinnenschule. Nach dem Krieg wanderte sie nach Palästina aus und trat der zionistischen Untergrundorganisation Hagana bei, wo sie als Scharfschützin ausgebildet wurde. Im Palästinakrieg wurde sie 1948 durch eine Bombe verwundet.

Im neu gegründeten Staat Israel machte sie eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Später studierte sie Psychologie an der Pariser Sorbonne, wo sie Lehraufträge erhielt. 1956 emigrierte sie in die USA, wo Karola Siegel 1957 Manfred Westheimer heiratete, der 1997 verstarb. An der Columbia University studierte sie weiter Soziologie, machte ihren Master mit einer Arbeit über die Heimkinder in Heiden und promovierte zum Doktor. 1989 veröffentlichte sie ihre Autobiografie «All in a lifetime» (deutsch: …und alles in einem Leben, Benteli-Verlag). Insgesamt verfasste sie um über vierzig Bücher, produzierte Spiele und liess sich auch mal für Werbung einspannen. In einem zweiten autobiografischen Buch beschrieb sie 2005 ihren Lebensweg anhand deutscher Volkslieder «Musically Speaking» (deutsch: Die Sprache der Musik. Ein Leben mit Liedern, Gryphon-Verlag). Nach ihrer Einwanderung wurde sie US-amerikanische Staatsbürgerin, seit 2014 besitzt sie auch wieder die deutsche Staatsbürgerschaft.


In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem

Akademisch dekoriert, doch gleichwohl volksnah

Nach Ende ihrer Hochschulausbildung war sie bei Helen Singer Kaplan am Cornell University Medical Center in New York City tätig. 1980 moderierte sie erstmals die 15-minütige Radio-Kolumne «Sexually Speaking», in der sie unbefangen Ratschläge für «Good sex» gab. Hunderttausende suchten den Rat der Expertin. Bald war Westheimer auch weltweit bei Talk-Shows ein häufig eingeladener Gast. Einige der US-Universitäten, wie Harvard und Princeton, engagieren sie auch heute noch als Gastdozentin für «Sexual literacy». Von der Yale University bekam sie einen Vier-Jahres-Vertrag.

Neben vielen andern Aufträgen hatte sie auch am Israelischen Fernsehen eine wöchentliche Sendung. 1994 ehrte sie die Deutsche Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung mit der Magnus-Hirschfeld-Medaille für Sexualreform, denn sie hat über dreissig Sachbücher zum Thema Sexualität geschrieben. Eines ihrer bisher letzten, in den USA 2005 veröffentlichten Werke wendet sich an die Generation der über Fünfzigjährigen. In ihren Sendungen stellt sie sich gerne als «1 Meter 40 konzentrierter Sex» vor, bezogen auf ihr Körpergrösse. Das «Wall Street Journal» bezeichnete sie als Kreuzung zwischen Henry Kissinger, dessen ebenfalls unverkennbaren deutschen Akzentes wegen, und der Minni Maus.


Ruth mit Familie bei ihrem 90. Geburtstag

Texte über Ruth Westheimer – und mein Kinobesuch

Auch in unseren Medien nahm man die Sex-Aufklärerin Ruth Westheimer wahr. Gero von Boehm beispielsweise hat sie in einem Interview in «Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten» gewürdigt, 2012 bei Heyne erschienen. Ebenso hat Alfred A. Häsler in Zusammenarbeit mit ihr «Die Geschichte der Karola Siegel» verfasst, 1976 bei Benteli erschienen. Weiter hat Esther Girsberger unter dem Titel «Grundsätzlich lässt man das Sexualleben zu früh einschlafen» 2013 auf WebCite einen Text über sie geschrieben. Und Sebastian Molle hat 2019 in der Frankfurter Rundschau unter dem Titel «Wo deutsche Juden eine neue Heimat fanden» einen Beitrag mit aktuellen Fotos publiziert.

Nur selten gibt es im Kino eine ähnlich heitere Stimmung wie bei der von mir besuchten Aufführung des Films «ask dr. Ruth» anlässlich des ZFF. Oft wurde laut gelacht, öfter leise gelächelt. Warum wohl? Wahrscheinlich, weil es eben stimmt, was Dr. Ruth sagt, und dass wir uns da und dort in unserem Tun und Denken ertappt fühlten. Beim Verlassen des Kinos blieb die schöne Stimmung. Die Sex-Beraterin hat präzis und klug gesagt, was zu sagen ist, und dies im heutigen reaktionären Amerika. Es scheint, ihre Worte kommen an, weil sie authentisch und ehrlich sind, und weil sie die Welt exakt beobachten und treffend kommentieren. Vielleicht liegt ein tieferer Grund für ihre Authentizität und Glaubwürdigkeit auch darin, dass sie in ihrem Leben viel Wunderbares, aber auch viel Trauriges durchlebt hat – und uns daran Anteil nehmen lässt.

Regie: Ryan White, Produktion: 2018, Länge: 100 min, Verleih: Filmcoopi