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Geschlechterrollen – entstaubt

Der Diskurs über die Rolle von Frau und Mann in der Gesellschaft führt allenthalben zu heissen Diskussionen. Dem fügt das Neue Museum Biel in seiner aktuellen Ausstellung «Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?» einen bisher wenig beachteten Aspekt hinzu.

Wer in das runde Entrée des hübschen, architektonisch interessanten Museums Schwab tritt, des ältesten Gebäudes des Neuen Museums Biel, sieht sich vor Plakaten und Objekten, in denen sich die Klischees der Frauenrolle ebenso wie der des Mannes in unserer Gesellschaft spiegeln. So gegenübergestellt, zeigt sich die Oberflächlichkeit solcher Unterscheidungen, ein ironisches Schmunzeln kann als Kommentar genügen, dann geht’s weiter.

Das Museum Schwab wurde als Ausstellungsraum für die zahlreichen archäologischen Funde aus der Region um Biel erbaut. Im 19. Jahrhundert blühte die Archäologie auf; gerade im Seeland wurden durch das gewaltige Unternehmen der Gewässerkorrektion viele urgeschichtliche Zeugnisse entdeckt. Aber erst in den letzten Jahrzehnten erkannten Forscherinnen und Forscher, dass die Funde neu gedeutet werden müssen, was die Rollenverteilung von Mann und Frau angeht.

Rekonstruktion einer Grabstätte in Spreitenbach AG aus dem Neolithikum  © Patrick Weyeneth, NMB

Was archäologische Funde verraten

Bei Gräberfunden stellt sich stets die Frage, ob es sich bei der bestatteten Person um einen Mann oder eine Frau handelt. Die Archäologen des 19. Jahrhunderts – es waren damals fast nur Männer – orientierten sich an den Grabbeigaben: Schmuck wies auf eine Frau hin, Waffen auf einen Mann. Auch die Grösse der noch vorhandenen Knochen konnte als Hinweis dienen. Form und Grösse der Beckenknochen – sofern auffindbar – waren deutliche Indizien.

Für die Archäologen gab es vor 150 Jahren keine Zweifel, dass prunkvoll ausgestattete Grabstätten «Fürstengräber» waren. – Die «Welt der Keltenfürsten» sollte rekonstruiert werden, eine andere Gesellschaftsform passte nicht in die patriarchalische Vorstellung der damaligen Forscher. – So haben wir es auch noch in der Schule gelernt und in Museen anschauen können.

Grabbeigaben der «Frau von Ins BE» (Foto mp)

Schon im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts regten sich in der Szene der Urgeschichtsforschung Zweifel an diesen festgefügten Ansichten. Wesentlich dazu beitragen sollten neue Untersuchungsmethoden aus Anthropologie, Lebensmittelchemie und besonders aus der Genforschung. Seit es möglich geworden ist, Knochen nicht nur auf ihr Alter zu untersuchen, sondern, sofern sie geeignet sind, auch auf ihre genetische Beschaffenheit, müssen diese Funde neu interpretiert werden.

Die Darstellung mächtiger Frauen

«Ein längst überfälliger Tabubruch» sei die Darstellung einer Frau als Herrscherin, Priesterin und als Gastgeberin opulenter Gastmähler, lesen wir in der Ausstellungsbeilage. Bei Ins BE wurde ein prunkvoll ausgestattetes Grab gefunden, ein sogenanntes Wagengrab, daneben zahlreiche Goldringe und andere Beigaben, die auf die hohe gesellschaftliche Position der bestatteten Person hindeuteten. Diese Wagengräber wurden auch an anderen Orten in der Schweiz, in Süddeutschland und Frankreich ausgegraben und stammen aus dem 6. bis 4. Jahrhundert v. Chr. Die Forscher nannten sie «Fürstengräber», – falsch sagen die Archäologinnen aufgrund der Ergebnisse neuester Untersuchungen.

Das Frauengrab von Ins ist nicht einfach ein keltisches «Fürstengrab», sondern das Grab einer Fürstin, die eine eigenständige Macht- und Herrschaftsposition innehatte, daneben religiöse Funktionen ausübte und als Gastgeberin Feste veranstaltete. Die wertvollen goldenen Halsreifen waren ebenfalls Zeichen von Stand und Würde – bei Frauen und bei Männern.

Die «Frau von Ins» als Herrscherin, Gastgeberin und Priesterin. Digital erstellte Darstellung nach den Grabfunden  © bunterhund Illustration

Die Ausstellung zeigt auch die Rekonstruktion einer Grabstätte bei Spreitenbach, in raffinierter Darstellung: Die gefundenen Knochen wurden auf drei Ebenen aus Plexiglas so angeordnet, wie sie gefunden wurden. Dadurch wird deutlich, dass einige Personen früher, andere später begraben wurden, und die Genanalyse ergab, dass sie mehr oder weniger eng verwandt waren. Die Forscher konnten sogar herausfinden, dass einige Frauen zugewandert sein mussten, da sie nicht mit den anderen verwandt waren. Durch solche und andere Indizien entsteht ein viel differenziertes Bild von den Familien- und Gesellschaftsstrukturen vor ca. 4500 Jahren.

Jäger und Sammlerinnen – nichts als ein Mythos

Die modernen Wissenschaften bieten den Altertumsforscherinnen und -forschern ungeahnte Möglichkeiten, das frühgeschichtliche Leben zu untersuchen. Es ist nun beispielsweise möglich, aus Speiseresten, die man in einer Kochstelle gefunden hat, zu bestimmen, wovon sich die Menschen in der Frühzeit ernährten. Aus diesen Untersuchungen ergibt sich, dass damals viel weniger Fleisch verzehrt wurde, als man früher angenommen hatte. Daraus ist zu schliessen, dass Ackerbau bzw. das Sammeln von Früchten, Nüssen und anderem viel mehr Zeit beanspruchte als die Jagd – und dass die Männer wahrscheinlich nicht nur jagen gingen, sondern sich auch an den anderen Arbeiten beteiligten.

Andere Funde beweisen, dass Frauen auch in Handwerksberufen tätig waren, ja, dass sie sogar im Bergbau mitarbeiteten. Und so kann es nicht verwundern, dass Frauen wohl auch als Höhlenmalerinnen gewirkt haben. Schon lange hatten Forschende bemerkt, dass sich neben den Zeichnungen von Tieren oft auch der Abdruck einer Hand befindet. Diese wurden in verschiedenen Höhlen untersucht – und es stellte sich heraus, dass die Mehrzahl der Hände von Frauen stammen musste, daneben sieht man Kinderhände und nur wenige Männerhände. In der Ausstellung wird diese Erkenntnis graphisch dargestellt.

Wer schreibt Geschichte?

Ludivine Marquis, der Kuratorin des Neuen Museums Biel, geht es darum, sichtbar zu machen, wer Geschichte schreibt und damit das Bild der eigenen Vergangenheit zeichnet. Die Basis für historische und prähistorische Abhandlungen sind stets materielle und schriftliche Quellen. Diese bleiben jedoch abhängig von den geistigen Strömungen ihrer Epoche und werden von der Subjektivität der Autorinnen und Autoren geprägt. Das Bild der Vergangenheit wurde lange Zeit durch die archäologischen und historischen Forschungen von Männern bestimmt. Dieser männerzentrische Blick hat dazu geführt, dass ein Teil der Akteurinnen und Akteure in der Geschichtsschreibung, nämlich die Jägerin und der Sammler, nicht in Betracht gezogen wurden. Die Frage im Titel dieser Ausstellung «Feste Rollen seit Urzeiten?» kritisiert einen Diskurs, der von der Subjektivität einer vergangenen Epoche geprägt ist und den Geschlechtern dementsprechend feste Rollen zuweist.

Kostbare Halsreifen für hochgestellte Frauen und Männer  © Patrick Weyeneth, NMB

Daneben präsentieren vier Gastkünstlerinnen Magali Dougoud, Anna Marcus, Alizé Rose-May Monod und Anne-Valérie Zuber mit ihren eigenen Video- und plastischen Installationen persönliche Ansichten über die Konstruktion der historischen Erzählung und über die Definition von Geschlecht.

Die Ausstellung «Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?» ist bis 29. März 2020 zu sehen.

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