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Die neue Welt

Als tiefgründig möchte ich das Buch von Samuel Koch: «Die Welt, die Ihr nicht mehr versteht» nicht bezeichnen. Aber als sehr lesenswert. Und nachdem auf dem Cover noch die Sätze stehen: «Samuel Koch hat den eindringlichsten Wegweiser ins digitale Zeitalter geschrieben. Ein Werk, das auf den Tisch jedes Erwachsenen gehört», muss ich ja meine eigene Empfehlung nicht noch besonders begründen!

Über den Autor vernehme ich im Kurztext auf dem Einband, dass er 1994 geboren ist, nach einem Informatik-Studium ein Software-Unternehmen gründete, das Firmen und deren Mitarbeitern digitale Kompetenzen vermittelt. In der Folge rief er noch zusammen mit einem Partner die Startup Challenge Austria ins Leben, die jungen Menschen das Unternehmertum näherbringt. Auch arbeitet er an der Entwicklung einer eigenen Universität.

Frech und wahr

Als Vertreterin meiner Generation – ich glaube, ich durchlaufe das «vierte Alter» – könnte ich viele Ausführungen von Samuel Koch als frech und respektlos empfinden. Das sind sie aber nicht. Er spricht einfach Wahrheiten recht undiplomatisch aus.

Wer soll da noch drauskommen? Nach Samuel Koch sind Ältere schon längst «abgehängt». (Pixabay)

So heisst es im ersten Kapitel unter der Überschrift «Verantwortung» etwa: »Ich fordere euch auf, euch zurückziehen, oder euren Rückzug jetzt vorzubereiten. Überlasst eure Positionen, welche auch immer das sind, jemandem von uns, also jemandem aus der jungen Generation, und nehmt selbst beratende Funktionen im Hintergrund ein. So wäre es angesichts dessen, was die digitale Revolution schon gebracht hat und was sie in Zukunft noch bringen wird, für euch selbst, für uns, für die Gesellschaft und für den ganzen Planeten am besten. Denn ihr habt den Anschluss an den technologischen Wandel, der alle Lebensbereiche durchdringt, verloren.»

Das Buch ist weiter in die Kapitel Beschleunigung, Fortschritt, Daten, Arbeit, Politik, Utopie, Bildung gegliedert.

An all die unangenehmen Wahrheiten, die das erste Kapitel «Verantwortung» enthält, gewöhnte ich mich im Verlauf der Lektüre. Der Autor führt aus, dass die ältere Generation über «starre Glaubenssätze und Denkmuster» verfüge. Diese Erkenntnis ist mir nicht fremd. Manchmal beschwöre ich die Angehörigen meiner eigenen Generation, wir müssten einfach alle Brillen ausziehen, die wir uns im Verlaufe des Lebens aufgesetzt hätten, und die Gegenwart ohne vorgefasste Meinungen betrachten. Oder, wir müssten die heutige Welt so betrachten, wie wir das jeweils taten, wenn wir zum ersten Mal in ein fremdes Land reisten. Vorurteilslos, neugierig, aufmerksam. 

Antworten, nach denen ich schon lange gesucht habe

Besonders das Kapitel «Beschleunigung» hat mir drastisch vor Augen geführt, dass es nicht nur ein «unangenehmes Gefühl» ist, das ich angesichts der Vorgänge in der heutigen Wirtschaftswelt verspüre. Nein, in digital geführten Wirtschaftszweigen steht Schnelligkeit an erster Stelle. Koch versteht es, diese Grundtatsache in Wiederholungen, in immer neuen originellen Formulierungen darzustellen. Er ist der Meinung, dass hinsichtlich Schnelligkeit der Unternehmen in Mitteleuropa, im Vergleich zu Nordeuropa, den USA oder Asien noch eine Kultur der Langsamkeit herrsche. Und meint, in den nächsten Jahren werde es hier ein «Elefantensterben», ein «Verpuffen der Kolosse» geben.

Im Kapitel «Fortschritt» muss ich mir folgendes anhören beziehungsweise lesen: «Trotzdem verändert der Fortschritt eure Welt weiter. Am liebsten würdet ihr ihn abschaffen. Weil das nicht gelingt, seht ihr ihn immer negativer. Ihr habt euren technischen Analphabetismus und den Zukunftspessimismus zu den geheimen Ideologien eurer alten Tage gemacht».

Wenn ich an verschiedene Gespräche, auch mit Angehörigen jüngerer Generationen denke, muss ich Koch zugestehen, dass er ein guter Beobachter ist!

Hochinteressant sind die Gedanken im Kapitel «Arbeit», zum Beispiel über das, was wir früher «Arbeitsmoral» nannten. Jahrelang hätten frühere Generationen in den Hamsterrädern gestrampelt und dabei auf vieles, was die Menschen zu Menschen macht, verzichtet. Die neue Generation gehe ganz anders an berufliche Dinge, an Projekte heran. Aufbauen, Experimentieren, Kaputtgehenlassen sei Teil des beruflichen Lebenselixiers.

«Wir denken politisch global»

Die Ausführungen im Kapitel «Politik» scheinen mir besonders wichtig. Absage an nationale Politik, Parteipolitik, Einzelinteressen!

Mit der ganzen Welt vernetzt, das ist schon längst keine Illusion mehr.

Dieses Kapitel bringt auch uns, der älteren Generation, Hoffnungen für die Zukunft, für die, die nach uns kommen. Der Autor macht etwa aufmerksam auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Klimademos rund um Greta Thunberg, den Gelbwesten-Protesten in Frankreich und dem amerikanischen «Marsch für unser Leben», einem landesweiten Schülerprotest gegen die US-Waffenlobby. Und weist darauf hin, dass diese Bewegungen keiner politischen oder zivilgesellschaftlichen Gruppierung, keiner Nichtregierungsorganisation zuzuordnen sind. Alle drei sind im Internet entstanden.

Aufgrund der Ausführungen von Samuel Koch verstehe ich jetzt auch die Irritationen besser, die da und dort auch hierzulande gegenüber den Klimademonstrationen auftauchten. Sie passen nicht in die herkömmlichen Schubladen unseres Verständnisses. Sie sind uns zu spontan. Wir wissen ja gar nicht, «wer da dahintersteht».

Koch illustriert mit diesen Beispielen das, was er «unsere Demokratie» nennt. Und formuliert: «Unsere Demokratie entsteht im Internet».

Statt die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen, sollten wir alle, denen die Demokratie am Herzen liegt, uns ruhig hinsetzen und über die Aussagen in diesem Kapitel «Politik» nachdenken. Vielleicht benötigen wir dazu einen zweiten und einen dritten Anlauf……

Besuch von Enkeln

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, war es mir, als seien einen Nachmittag lang Enkel, die ich gar nicht habe, bei mir zu Besuch gewesen. Und hätten mich in einem «Crash-Kurs» mit ihren Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen in der heutigen Welt vertraut gemacht.

Da sitze ich nun, bin etwas klüger als zuvor und bedanke mich.

Im ersten Kapitel schreibt Samuel Koch am Ende: «Um meinen Beitrag für so ein Miteinander zu leisten, versuchte ich, euch die Welt, in der wir leben, ein bisschen näher zu bringen. Ihr werdet sie wahrscheinlich nicht mehr verstehen, aber ich will es zumindest versuchen».

Tja, wenn wir es auf unserer Seite auch ernsthaft versuchen, finden wir vielleicht doch eine Basis für ein in die Zukunft gerichtetes gemeinsames Gespräch!

Samuel Koch: «Die Welt, die ihr nicht mehr versteht. Inside digitale Revolution». 2019 edition a, Wien. www.edition-a.at ISBN 978-3-99001-332-8

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