FrontKolumnenAuch die Spatzen sind weg

Auch die Spatzen sind weg

Die Warnungen vor einem Klimakollaps mehren sich. Titel wie: «Wissenschaftler warnen vor `unsäglichem Leid` für die Menschheit», dazu eine ausführliche Begründung, was geschehen könnte. «11`000 Wissenschaftler aus 153 Ländern sprechen von einem weltweiten Klima-Notfall.» Eine andere Nachricht, die mich erschreckt: «Das Insektensterben ist schlimmer als vermutet.» Dazu wird ausgeführt, dass in einer Langzeitstudie (2008 bis 2017) der Technischen Universität München auf 300 Flächen festgestellt wurde, dass sich ein Drittel weniger Insekten tummeln. Dass verschiedene Arten von Tieren und Pflanzen bereits verschwunden sind, konnten wir schon sehr lange lesen. In den Artikeln wird auch stets die Frage gestellt, wer Schuld an diesem Malaise trage. Die Luft sei verseucht mit Abgasen und die Felder überdüngt, sodass die Insekten und damit auch die Vögel keine Nahrung mehr fänden.

Vor einigen Tagen sprach ich mit einem ehemaligen Nationalrat, der sich lustig machte über das Waldsterben, das einst sogar von bundesrätlicher Höhe angesagt worden sei. Ich gab zu, dass der Begriff «Waldsterben» schlecht gewählt wurde, obwohl die Medien grosse Flächen von toten Fichtenwäldern, vor allem im Schwarzwald und im Erzgebirge, abbildeten. Es war der Borkenkäfer und die Hitze, die der Fichte zusetzten. Der Wald sterbe nicht, erwiderte ich, denn der Mischwald mit Sträuchern und Bäumen würde an der Stelle von Fichten nachwachsen. Dafür könnten auch die Förster sorgen. Darauf antwortete er, die grüne Welle sei nichts als Hype, was soviel bedeutet, wie eine von den Massenmedien aufgebauschte Meldung oder eine spektakulär inszenierte Täuschung. Anders als mit einem englischen Begriff kann heute nicht mehr ausgedrückt werden, wenn etwas bagatellisiert werden soll. Der Herr alt Nationalrat versuchte mich zu überzeugen, dass alles vorübergehe im ewigen Auf und Ab der Geschichte. Es hatte natürlich keinen Sinn mehr, mit ihm weiter zu diskutieren. Einen Glauben bekämpft man nicht mit Argumenten und auch nicht mit Fakten. Vielleicht aber, dachte ich auf dem Heimweg, würden ihn eines Tages doch dokumentarische Nachrichten aus aller Welt überzeugen, dass er einem falschen Glauben anhänge.

Eine simple Beobachtung überzeugte mich, dass es ein Insektensterben gibt. Ich rede nicht vom Gletscherschwund und a.m., sondern ganz einfach von meinen Spatzen, die auf meiner Terrasse lange ein Herrenleben führten. Auf den Balken, die das Dach tragen, befinden sich immer noch zwei verlassene Nester, die einst von einem Finkenpaar das eine und von einem Kohlmeisenpaar das andere gebaut wurden. Ich hatte grosse Freude an den Jungvögeln, schaute zu, wie sie gefüttert wurden und eines Tages ausflogen. Das fröhliche Leben der Meisen hielt eine Zeit lang an, bis die Spatzen entdeckten, dass an den Oberlichtern im Dach Insekten aller Art strandeten und einen Ausweg suchten, der ihnen das Glas verwehrte. Die Spatzen vertrieben die Meisen, die sich eingenistet hatten und machten selber Beute auf die zappelnden Insekten im Fensterlicht. Jahre lang durfte ich dann dem Treiben der Spatzen zuschauen. Sie flogen auf das Geländer der Terrasse, nahmen unruhig die Insekten ins Visier, schossen schliesslich pfeilschnell zum Fenster, erwischten eine Fliege, eine Wespe oder einen Falter und setzten sich wieder gemütlich auf das Geländer oder auf den Tisch, bis sie neue Unruhe antrieb, wieder zum Flug anzusetzen. Ich konnte gegen Abend Tag für Tag diesem bunten Treiben, dem Jagen und Fressen zuschauen; und weil es die Natur so eingerichtet hat, dass auch Spatzen von Insekten leben, machte mir das Schauspiel Spass.

Dieses Jahr nun blieben die Spatzen weg. An den Fenstern sah ich wenige Insekten, und ich fragte mich, was vorgefallen sei. Im September flog dann endlich wieder ein Spatz auf das Geländer, schaute sich um, flog nach einer Weile fort und kam nicht wieder. Ich war traurig und las dann mit Neugierde Artikel, die vom Insektensterben handeln. Erschreckt hat mich die Nachricht, dass das Insektensterben schlimmer sei als vermutet. Wie sollen also die Vögel überleben, wenn sie zu wenig Futter finden? Mir bleibt nur die Hoffnung, dass der eine Spatz, der meine Terrasse kurz besucht hat, ein Zeichen dafür ist, dass ein Spatzenpaar wie die Tiere der Arche Noah nach der grossen Flut sich wieder paaren und vermehren werden. Was wahrscheinlich nur geschieht, wenn die Menschen wie Noah den Regenbogen über ihrer Arche beachten.

2 Kommentare

  1. Ja, nicht nur Kalifornien und Australien brennt, auch das Artensterben, der rätselhafte Tod vieler Bienenvölker, das Verschwinden unserer Feldhasen und jetzt auch noch der alarmierende Insektenschwund und damit die Sorge um unsere Vogelwelt sollten sich in unser Gedächtnis einbrennen und ein Umdenken fordern. Noch haben wir es in der Hand – oder schon nicht mehr?

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