FrontLebensartDie 68er singen und erinnern sich

Die 68er singen und erinnern sich

Der «Ü60 – Chor Tigersprung» singt nicht nur Lieder, sondern setzt sich aktiv mit der Gesellschaft und der eigenen Geschichte auseinander. Mit «68 wird 68 – ein Liederabend zwischen heute und gestern» verbindet der Chor eigene Geschichten mit der «kollektiven Geschichte», ganz im Sinne von Walter Benjamins Begriff «Tigersprung».

Um den Namen des Chors zu verstehen, sind auch die Chorleute gefordert, sich mit der Philosophie Walter Benjamins auseinanderzusetzen. Er prägte 1940, während des Faschismus, den Begriff «Tigersprung unter dem freien Himmel der Geschichte» und forderte dazu auf, sich der Geschichte kritisch zu erinnern. Sich nicht nur in die Sieger, sondern sich in alles und jeden in der Vergangenheit hineinzuversetzen, mitzudenken und zu verstehen, da jeder Mensch durch seine Vorfahren, seine Verwandten sowie seine kulturelle Prägung mit der Geschichte verbunden ist.

Die Chorleiterin Ines Bauer bei der Probenarbeit.

Ines Bauer, 64, gründete den Chor Tigersprung vor acht Jahren in Zürich. Zusammen mit der Projektgruppe und dem Chor, 28 Sängerinnen und Sänger, alle über 60 Jahre alt, stellt sie ein Programm mit sechzehn Liedern und Texten zusammen. Dieses beruht auf Geschichten der Chorleute, die im Sinne des Tigersprungs Bezug auf die soziale Geschichte nehmen. Es ist das erste Mal, dass der Chor mit einem selbst erarbeiteten Programm an die Öffentlichkeit tritt.

Seniorweb führte mit den drei Frauen der Projektgruppe im Café der Bäckeranlage in Zürich ein Gespräch.

Seniorweb: Wie seid ihr zum Tigersprung gekommen?

Vreni Dutzi, 62 Sopran, ich singe seit zwei Jahren im Chor und wünschte mir schon immer einen Chor, der Arbeiter- und Partisanenlieder und Lieder aus der Frauenbewegung singt. Den Hinweis auf den Chor erhielt ich von einem Arbeitskollegen. Ich recherchierte in der Projektgruppe viel für dieses Projekt und fand viel heraus, was sehr anregend ist. Im Unterschied zu anderen Chören, singen wir nicht einfach nur Lieder, sondern erarbeiten gemeinsam ein Gesamtprojekt.

Margrit Frey, 67 Altistin, ich bin vor acht Jahren kurz nach der Chorgründung durch ein Inserat zum Chor gekommen und habe die ganze Entwicklung miterlebt. Ich finde den Chor auch als Altersprojekt sehr spannend. Mich berührt das historische Konzept in Verbindung mit den persönlichen Erinnerungen.

Ursula Blaser, 68 Altistin, ich bin seit drei Jahren im Chor und lernte ihn durch das Rahmenprogramm von Veranstaltungen der SP 60+, des VPOD und der Casa d’Italia kennen. Auch wenn ich nicht mehr im Berufsalltag stehe, setze ich mich doch politisch mit der heutigen Zeit auseinander. Ich bin engagiert in der Arbeit von SP 60+. Mir gefällt besonders, dass wir nicht einfach nur Lieder singen, sondern dass die Lieder in einem Kontext stehen und wir fragen, woher sie kommen und wie sie politisch und gesellschaftlich zusammenhängen. Das weckt eigene Erinnerungen, ganz besonders in diesem Programm.Die Projektgruppe: Vreni Dutzi, Margrit Frey, Ursula Blaser (v.l.n.r)

Wie habt ihr als Projektgruppe dieses anspruchsvolle Programm erarbeitet?

Ursula: Der Chor wählte sechzehn Lieder aus, für die verschiedene Chorleute eigene Erinnerungstexte schrieben. Zusätzlich setzten wir uns intensiv mit Texten von Walter Benjamin auseinander, was nicht so einfach war, und suchten passende Zitate, die von einer Sprecherin vorgetragen werden. Zudem unterstützt uns eine Choreografin für den Auftritt.

Vreni: Wir arbeiten etwa seit einem Jahr an diesem Projekt, das verschiedene Wandlungen durchgemacht hat. Es brauchte Zeit, bis alle Chorleute sich für die Idee begeistern konnten, aber mit der Zeit funktionierte das gut. Margrit und ich bearbeiteten alle eingegangenen Erinnerungstexte, damit es einen roten Faden gab.

Walter Benjamin, 1928 (1892-1940). Foto: wikipedia org.

Margrit: Ines beschäftigt sich schon länger mit Walter Benjamin und wir versuchten, uns in seine Schriften einzulesen, auch um die Bedeutung «Tigersprung» wirklich zu verstehen. Ich kannte Walter Benjamin vorher nicht, bin ihm jetzt aber nähergekommen. Auch wenn ich nicht das Gefühl habe, ihn wirklich zu verstehen, habe ich ihn doch gerne bekommen.

Ursula: Am Anfang war es nicht einfach, dem Chor das Konzept verständlich zu machen, damit das Programm für uns und das Publikum spannend wird. Es war eine sehr arbeitsintensive Zeit, es wurde viel diskutiert, um alles auf den Boden zu bringen und alle ins Boot zu holen.

Vreni: Die Erinnerungstexte sind sehr persönlich, was für die Betroffenen nicht so einfach ist, wenn sie öffentlich verlesen werden. Deshalb mussten wir beim Redigieren auf die Wortwahl achten und nachfragen, ob man so persönliche Geschichten aus der Familie im gesellschaftlichen Kontext wirklich öffentlich vortragen möchte. Wir sind mit dem Umformulieren und Kürzen sehr behutsam vorgegangen.

Welche Lieder singt ihr?

Ursula: Wir singen Lieder in verschiedenen Sprachen:  Amore mia non piangere ist ein Lied über eine Reisarbeiterin, die in der Poebene in vierzig Tagen mehr als ihre Angehörigen zuhause in einem Jahr verdient, aber dabei ihre Gesundheit ruiniert und nur noch als ‘Signorina’ auf der untersten sozialen Stufe leben kann. Der fröhlich wirkende und bekannte Banana Boat Song von Harry Belafonte ist eigentlich ein politisches Lied gegen die Sklaverei, denn nur so konnten die Sklaven ihren Protest ausdrücken. L’hymne des femmes, ein feministisches Lied, erinnert an die Pariser Commune von 1871, wo Frauen die Gleichberechtigung erkämpften. Der jüdische Schriftsteller Walter Mehring, der den Emigrantenchoral schrieb, kehrte nach seiner Flucht in die USA in die Schweiz zurück und starb verarmt in Zürich. Wir singen auch Lieder von Bert Brecht oder von Franz Degenhardt. Wir haben ein breites, vielseitiges Programm.Lieder von der Emigration, die zum Teil auch in der Familiengeschichte von Chorleuten verankert sind, werden geübt.

Wie ist das Chorleben?

Vreni: Wir sind ein ü60-Chor zwischen 62 bis 87 Jahren. Ich bin erst vor zwei Jahren dazugekommen und fühle mich hier sehr wohl. Ich finde viel Wärme, Lebenserfahrung, Herzlichkeit, Toleranz, Empathie und Weisheit. Musikalisch haben wir noch das Potenzial, uns weiterzuentwickeln. Am Anfang halfen mir die Singnachbarinnen, denn wir haben ein Gotte-Götti-System. Ich wollte früher einmal in einen Chor, aber da gab es verschiedene Grüppchen, sodass ich gar nicht richtig ankommen konnte. Hier sind alle offen und manchmal üben wir auch ausserhalb zu zweit oder als Stimmgruppe.

Barbara Tschalär singt das Lied der goldenen Boos, einer Liechtensteiner Diebin aus dem 18. Jahrhundert.

Gibt es auch Soloparts in Euren Liedern?

Margrit: Ja, wir haben Soloparts und mir gefällt, dass dafür nicht einfach die Besten ausgewählt werden. Man kann sich bei Interesse bei Ines melden, aber nicht alle wollen das. Es ist auch eine Herausforderung, öffentlich hinzustehen und zu singen.

Vreni: Mir gefällt, dass wir nicht einfach perfekte Stimmen haben. Wir sind vielfältig, verschieden, über sechzig und stehen dazu, wir sind nicht geliftet, auch die Stimmen sind nicht geliftet. Unsere unterschiedlichen Stimmen gehören zu uns und zeigen unsere Diversität.

Danke für das Gespräch.

Fotos: Ruth Vuilleumier

Kontakt: ines.bauer@bluewin.ch

Aufführung, Reservation:
«68 wird 68, ein Liederabend zwischen heute und gestern, mit dem Ü60 – Chor Tigersprung, im Saal des Zentrums Karl der Grosse, Kirchgasse 14, Zürich. 15. und 16.11.2019, um 20 Uhr, Saalkollekte, Reservation empfohlen.

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