FrontKulturDie ausgestorbene Spezies Mann

Die ausgestorbene Spezies Mann

Mit Witz und Biss krempelt die Autorin Sibylle Berg in Basel ein antikes Schauspiel um: «Lysistrata Teil 2» nach Aristophanes befragt die Gechlechterrollen.

Furchtlos ist sie, und gescheit. Die schon länger in Zürich lebende, aus Weimar gebürtige Autorin Sibylle Berg redet niemandem nach dem Munde. Weder in ihren bisher 25 Theaterstücken noch in ihren mehrfach preisgekrönten Romanen – Sibylle Berg erhielt unter anderem soeben den Schweizer Buchpreis 2019 für ihren Roman «GRM-Brainfuck» – weicht sie auch nur einen Schritt von ihrer Sicht auf unsere Gesellschaft ab. Und dieser Blick ist knallhart und mehr oder weniger hoffnungslos. Wegen dieser Schonungslosigkeit wurde und wird sie von den Kulturmedien zwar bejubelt, aber in den sozialen Medien massiv angegriffen und beleidigt. In einem kürzlichen Interview antwortete sie auf die Frage, wie sie mit diesen Angriffen umgehe: «Wenn sie anfängt, Angst zu haben wegen eines Bullshit, also nur wegen Texten und Meinungen, dann ist die Gesellschaft am Arsch.»

Umkehrung und Abstieg

Wie geht eine solche Autorin mit dem antiken Stoff von Lysistrata um, also von einer Frau, welche andere Frauen zum Sexboykott gegen ihre Männer aufforderte, um einen Krieg endlich zu beenden – in diesem Falle die Frauen von Athen und Sparta im Peloponneischen Krieg? So erfreulich der Ansatz für eine derart gestrickte Autorin auch sein müsste: Sibylle Berg gibt sich mit der Vorlage des antiken Dichters Aristophanes von 411 v.Chr. nicht nur nicht zufrieden – nein, sie kehrt sie um.

Vincent zur Linden, Eva Bay, Linda Blümchen, Julia Nachtmann, Carina Braunschmidt, Anica Happich, Moritz von Treuenfels, Urs Peter Halter Photo: © Sandra Then

Die Frauen verbrüdern, pardon, verschwestern sich zwar, tun dies aber im Hinblick auf Gleichberechtigung. Das Arrangement ist anfänglich durchaus herkömmlich von (hetero-)sexuellem Verlangen im Sinne einer Belohnung erfüllt, verführt aber Männer und Frauen nur zu unsäglichen körperlichen Verrenkungen, welche die wildesten Kamasutra-Stellungen in den Schatten stellt. Kurz: die für beide Geschlechter unbefriedigend sind. Die Frauen wenden sich darauf immer mehr ihren Jobs zu, die Männer ihren Männergruppen. Und der unaufhaltsame Abstieg des Mannes nimmt seinen Lauf.

Der Streik der Männer

Schlussendlich landen drei männliche «Exemplare» in einem geschützten, käfigartigen Showraum und geben die verhängnisvolle Schlussposition preis: Wir sind die letzten unserer Spezies. Wir sind ausgestorben. Und zwar nicht etwa durch die Unterdrückung der Frauen – das wäre denn doch zu einfach für diese Autorin. Nein. Das männliche Geschlecht regrediert aus – Ichbezogenheit, Lieblosigkeit und Lustlosigkeit. Die Männer schliessen sich zusammen und beschliessen, sich dem sexuellen Erwartensdruck, sowohl des eigenen als auch jenem der Frauen, nicht mehr zu beugen. Dadurch befreien sie – ungewollt – ihre Frauen. Ihre Unterlegenheit wird immer deutlicher und sie beschliessen, zu streiken.

Cristina Arcos Cano, Linda Blümchen, Julia Nachtmann, Anica Happich, Vincent zur Linden, Carina Braunschmidt, Moritz von Treuenfels, Urs Peter Halter Foto: © Sandra Then

Kinder, sprich Embryos, werden ab jetzt von den Frauen «aus dem Kühlschrank» geholt, und die Frauen sind derart damit beschäftigt, Job, Aufzucht und persönliche Organisation unter einen Hut zu bringen (pardon, schon wieder ein männlich besetzter Ausdruck!), dass sie – und das ist der Clou des ganzen Abends, gar nicht bemerken, dass die Männer dabei sind, auszusterben.

Blick in die Glaskuben

Frau durfte gespannt sein, wie und von wem dieses Auftragswerk für das Schauspielhaus Basel umgesetzt würde. Die Vergabe ging an einen Mann, und zwar an den erfolgreichen Nachwuchsregisseur Milos Lolic aus Belgrad. Er und sein Bühnenbildner Wolfgang Menardi setzten die Grundidee des Stücks, alle Entwicklungsstufen rückwärts blickend in einem Museumsbau nachzubilden, auf eine sehr männliche Art um. Dazu muss man wissen, dass der Stücktitel «In den Gärten oder Lysistrata Teil 2» von der Autorin dadurch eingelöst wird, dass sie den einzelnen musealen Stationen entwicklungsgeschichtliche Namen verpasst: Vorspielgarten, Präsexgarten, Missionarsgarten, Erwachsenengarten, Kindergarten, Friedgarten.

Anica Happich, Moritz von Treuenfels, Linda Blümchen, Urs Peter Halter, Carina Braunschmidt, Eva Bay, Vincent zur Linden, Julia Nachtmann  Foto: © Sandra Then

Diese Stationen werden in durchsichtigen Glaskuben abgewickelt. Dadurch wird unser Blick, das heisst, der Blick des Publikums, voyeuristisch geführt gleich jenem Blick in die Lust-Schaufenster Amsterdams, in denen sich Prostituierte allen Vorbeigehenden anbieten. Oder wie hiess es so resigniert bei Aristophanes: «Die Dinge werden sich nie ändern. Weil ihr nicht anders könnt!»

Professionelles Ensemble

Das Schauspielensemble, bestehend aus fünf Frauen und drei Männern, mäanderte um den teils witzigen, teils kaskadenartig sich ergiessenden Text, professionell in Sprache und körperlicher Performance. Die immer wieder eingestreuten Songs in der Bühnenmusik von Nevena Glusica, welche an die alten Songs à la Käthe Kühl und Gisela May erinnerten, lockerten die sich etwas pragmatisch entwickelnde Handlung auf. Alles in allem: Ein ernst gemeintes Stück hinter einem Schild von ironischen Anspielungen, dessen Relevanz nicht ganz durchdringt: «Na ja, sonst geht es uns grossartig. Wir dürfen herumlaufen, ohne erschossen zu werden. Wir müssen zufrieden sein.» Frauenstreik hin oder her.

Schauspielhaus Basel. Nächste Vorstellungen 22. und 28. November, 6. und 15. Dezember

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