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Lichterfest in dunkler Zeit

Alle Jahre wieder denkt sich die Redaktion von seniorweb etwas Festtägliches aus, zu dem alle Redaktionsmitglieder schreiben. Diesmal nennt sich unsere Kolumne «Weihnachtszauber». Freuen Sie sich auf die Vielfalt, die hinter diesem Wort stecken kann.

Vor allem Erinnerungen verbinden sich mir mit dem Wort Weihnachtszauber:

  • Die Spannung, wenn wir am Adventskalender täglich ein Törchen öffnen durften, wohinter sich eine kleine farbige Zeichnung verbarg, ein Kerzchen auf Tannenzweig, ein Eichhörnchen, am 6. natürlich der Samichlaus. Die Zeiten der üppigen Kalender mit 24 sorgsam ausgesuchten Geschenkchen oder wenigstens 24 Süssigkeiten lagen noch in ferner Zukunft.
  • Die Freude, wenn wir Mutter beim Weihnachtsgutsibacken unterstützen durften und sie uns aus den Brotleckerli – einem einfachen Lebkuchengebäck – mit mehr oder minder viel Erfolg ein Hexenhaus zusammenklebte.
  • Die Abende im Bett, wenn Vater – sonst allabendlich der unnahbare Wissenschaftler am Schreibtisch – seine erfundene Fortsetzungsgeschichte vom Hexlein oder vom Äffchen weiterspann.

Ausschnitt der Altardecke in einer Tessiner Kirche: Vom Himmel hoch

Am Heiligabend machten wir gezwungenermassen einen nicht sonderlich beliebten Waldspaziergang meist in Kälte und Nässe mit Papa, damit Mama dem Christkind erlauben konnte, den geschmückten Tannenbaum in die Stube zu stellen.

Tempi passati. Zwar backe ich nun selber Mailänderli, Zimtsterne und Co, schmücke mit uralten Kugeln und einem Glitzerhühnchen aus einer Erbschaft auch mal ein kleines Tännchen, aber damit lässt sich der Zauber der Kindheit nicht herbeizaubern. Was an Weihnachtszauber sonst abgeht, ist nicht mein Ding.

Die Läden präsentieren schon Anfang November ihr weihnächtliches Sortiment, wenn ich noch ganz profan einkaufen möchte. Die Weihnachtsmärkte überbieten sich in der Werbung der Touristikbranche – jeder mit ganz besonderer Dekoration, speziell gewürztem Glühwein, den schönsten Geschenken, die bei näherer Analyse in denselben Fabriken in fernen Landen hergestellt wurden. Ich gebe zu, auf jeder dieser Kommerzveranstaltungen findet sich in der einen oder anderen Ecke ein Stand mit authentischen Arbeiten aus dem Atelier heimischer Kunsthandwerkerinnen und Schmuckhersteller.

Zürcher Weihnachtsdorf am Bellevue: Feuchtfröhliche After Work Party beim Glühwein

Den üppigen Gestellen im Supermarkt kann ich ausweichen, die Märkte, die je länger je mehr zu Fondue- und Apérotreffen der Businessmenschen verkommen, muss ich abends nicht aufsuchen, und ich muss auch keine Bewunderungsrufe äussern, wenn schon zehn Tage vor dem Advent Lucy über der Zürcher Bahnhofstrasse pünktlich angeknipst wird und im Wettstreit mit all den Lichtorgien an Hausfassaden fast untergeht.

Adventsstimmung in einem Bündner Bergdorf

Aber da ist ein Weihnachtszauber, den ich mir nicht nehmen lasse: meine Wegbeleuchtung in den düstersten Wochen des Jahrs. Pünktlich zum ersten Dezember nehme ich die Lichterkette aus der Kartonschachtel unter der Treppe und hänge sie über Astgabeln und Stecken und mit dem Ende an der seit Jahrzehnten kaputten Weglaterne im dunklen Eck beim alten Kirschbaum auf. Nun noch die Schaltuhr installieren, schliesslich brauchen Fuchs und Marder – anders als die Zweibeiner – zu später Stunde kein Licht.

Schon frühmorgens freue ich mich, wenn ich aus dem Fenster gucke und die Lichtlein zwischen Apfel- und Kirschbaum in der nebligen Dämmerung funkeln. Und ich weiss, wenn’s gegen Abend wieder einnachtet, leuchten sie erneut auf den Gartenweg, der sonst hinter einer Mauer und hohen Sträuchern im Dunkeln liegt. Dieser kleine Weihnachtszauber darf nicht nur bis zum Dreikönigstag bleiben, sondern bis die Nächte Ende Januar wieder spürbar kürzer werden.

Mit Licht und Feuerschein die düstere Stimmung in dunklen langen Nächten aufhellen ist älter als jeder Weihnachtsbrauch und noch viel älter als die elektrische Beleuchtung, welche die heutige Lichtverschmutzung der Atmosphäre erst möglich macht. Den Stern von Bethlehem – sei es ein Planet oder ein Komet – braucht hierzulande ja keiner mehr am Nachthimmel zu suchen, den hängt man als Replik aus Plastik ins Fenster – Weihnachtszauber ohne mich. Aber die Wintersonnwende mit der längsten Nacht hat – mit oder ohne Weihnachten – ihren Platz als Lichterfest in dunkler Zeit: bei mir bescheiden und zauberhaft.

Fotos: Eva Caflisch

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