FrontKulturFür stille Stunden in hektischer Zeit

Für stille Stunden in hektischer Zeit

Rauhnächte. Ein winterliches Lesebuch“ heisst ein speziell schön gestaltetes Bändchen mit wärmenden, aber auch beklemmenden Kurzgeschichten für die kalten Tage dazwischen, erschienen in der Edition sacré in Zürich.

Wer weiss, vielleicht gibt es diesmal weisse Weihnachten, vielleicht auch bricht die Wilde Jagd mit stürmischem Wetter los und möglicherweise stimmt es, dass die zwölf Rauhnächte – im Mondjahr ausserhalb des Zyklus, also irgendwie überzählig, und darum mit Mythen und Geschichten umweht – das Wetter der folgenden zwölf Monate voraussagen. Sicher ist indessen, dass die Wintersonnwende in den Zeitraum fällt und natürlich der Jahreswechsel und für unsere Kultur die Feiertage von Weihnachten bis zum Dreikönigstag.

Das Lesebuch Rauhnächte aus der Edition sacré, wie sich eine ästhetisch gestaltete und bibliophil aufbereitete Buchreihe nennt, beschert einem Gedichte und Geschichten von einem guten Dutzend Autorinnen und Autoren von A wie Anne-Catherine Eigner bis W wie Willi Wottreng. Als Verleger firmiert Ricco Bilger, als Hersteller das Künstlerkollektiv Blanc de Titane.

Ganz Unterschiedliches wird in diesen Rauhnächten erzählt, Besinnliches zu Winter und Weihnacht, auch mal Unheimliches, welches sich durchaus als literarisches Schreckmümpfeli eignen könnte, auch die bleibenden Erinnerungen an drei Weihnachtsfeste von Roger Monnerat oder kritisch-kurze Prosa zu Kommerz und anderen Auswüchsen, die mit der Weihnachtszeit verbunden sind, von Stephan Pörtner.

Die Vielfalt der Texte, die alle aus sehr unterschiedlichen Schreibstuben gesammelt und aufbereitet wurden, macht Freude, weil in diesem kunterbunten literarischen Geschenkkorb regelrechte Überraschungen versteckt sind. Anita Siegfried schreibt unter dem Titel On the Railroad eine Eisenbahnerzählung aus spezieller Optik. Oder die verrückte Fondue-Satire von Christoph Simon. Die lyrischen Beiträge, einmal von der Zürcherin Elisabeth Wandeler-Deck, einmal von dem Österreicher Hugo Ramnek, bringen poetische Töne in diese Rauhnächte-Lektüre.

Und das erwähnte unheimliche Unheil? Es dreht sich um eine Schlittenfahrt, geschrieben von Beate Rothmaier, mehr sei nicht verraten. Das Büchlein, gut 150 Seiten in einem eleganten und auch handlichen Format (eignet sich also auch für unterwegs) und typografisch eine richtige Freude, ist in einer Auflage von 500 numerierten Exemplaren erschienen. Nebst den Texten und der Ausstattung begeistert die Grafik des Buch-Machers Dieter Kubli. Allein wegen der Illustration zur Schlittenfahrt oder zu Kaspar Schnetzlers Zwischen Ochs und Eselein lohnt es sich, dieses bibliophile Kleinod zu erwerben oder – saisongerecht – zu verschenken.

Die unheimliche Schlittenfahrt-Kurzgeschichte, illustriert von Dieter Kubli

Holzschnittartig schwarz auf weiss mit einem grünen, gelben oder roten Einsprengsel, da eine grüne Schlange, dort ein roter Tolggen oder eben Käse im Caquelon kommt diese Grafik daher. Jedes der doppelseitigen Bilder ist einerseits eine Illustration zu den jeweiligen Geschichten, andererseits steckt es voller unerwarteter, witziger, melancholischer Momente, die wiederum neue Ausblicke in die Nächte um den Jahreswechsel oder auch Erinnerungen an eigene Weihnachtsbegebenheiten auslösen.

Geburtshelfer «Zwischen Ochs und Eselein» war Autor Kaspar Schnetzler einst.

Die Bücher der Edition sacré erscheinen ohne ISBN-Nummer. Trotzdem sind sie einfach zu finden, entweder online bei édition sacré oder in ausgewählten Zürcher und Berner Buchhandlungen und selbstverständlich im Bücherparadies sec52 von Ricco Bilger. Rauhnächte ist für 23 Franken oder 20 Euro zu haben.

Beitragsbild: Illustration zum Gedicht Himmel und Hölle (Ausschnitt)

Rauhnächte. Ein winterliches Lesebuch, illuminiert von Dieter Kubli. édition sacré 2019

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel