FrontKolumnenWeihnachten, nichts als Fragen

Weihnachten, nichts als Fragen

Ich glaube, der traditionellen Auffassung von Weihnachten wurde auch dieses Jahr wieder Genüge getan! Weihnachtsbeleuchtungen, Weihnachtsmärkte, Weihnachtsthemen in allen Medien, an ein Entkommen war nicht zu denken.

So erlaube ich mir, einige Fragen zum Weihnachtsfest zu formulieren, die ich jedes Jahr mit mir herumtrage. Auf die ich keine Antworten finde. Für die ich auch keinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern begegne. Das kann ich gut verstehen. Wozu die Weihnachtsfreude mit unbequemen Fragen trüben? Und wenn dann die fröhliche, selige Zeit vorbei ist, greift der Alltag schnell wieder nach uns.

Die erste Fragenreihe betrifft die Weihnachtsgeschichte. Da wird die junge Frau Maria schwanger, wie ihr von einem Engel verkündet wird, obwohl sie nie mit einem Mann zusammen war. Ihr Verlobter, Josef, lässt ihr weiterhin seinen Schutz angedeihen. Auch er wurde im Traum von einem Engel aufgeklärt. Es folgt eine beschwerliche Reise der schwangeren jungen Frau von Nazareth nach Bethlehem. Die Niederkunft erfolgt in einem Stall, weil in keinem Gasthaus mehr Platz war.

Und dann geht es auf die Flucht mit dem kleinen Geschöpf nach Ägypten. Das Schlimmste kommt aber erst. Im Geburtsort Jesu und in der Umgebung werden alle Knaben unter zwei Jahren auf Befehl von König Herodes getötet. Er will sich einen möglichen Nebenbuhler rechtzeitig vom Hals schaffen. Die Kirche gedenkt dieses Ereignisses am «Fest der unschuldigen Kinder»!

Der Grausamkeiten ist kein Ende. Der Vorläufer von Jesus, Johannes der Täufer, von dem sich auch Jesus taufen liess, wird hingerichtet. Und auch Jesus, das Kindlein in der Krippe, erleidet in noch jungen Jahren den Tod durch Kreuzigung.

Ich frage nicht nach dem historischen Hintergrund dieser Erzählungen. Vieles gilt heute als fiktiv. Mag es auch sein. Aber wieso ist diese Geschichte, wenn man sie genau liest, eine Geschichte der Schmerzen und Grausamkeiten? Dabei wurde sie doch durch die Zeiten hindurch fast als Idylle überliefert.

Daran schliesst sich eine nächste Frage. Wie schaffte es das Christentum, sich in wenigen Jahrhunderten in der ganzen antiken Welt auszubreiten? Darauf gibt Christoph Markschies in seinem Werk «Das antike Christentum» fundierte Antworten. Wenn ich mir aber seine Zeittafel am Ende des Buches ansehe, kann ich mich trotzdem nur wundern. Da lese ich von der Christenverfolgung unter Kaiser Nero, von der Christenverfolgung unter Kaiser Decius, dann unter Kaiser Valerian, später unter Kaiser Diokletian. Und trotzdem war die Verbreitung des Christentums in der antiken Welt und darüber hinaus nicht aufzuhalten.

Und hier schliesst sich meine dritte Frage an, die weit über das Christentum hinausreicht. Warum sind Religionen so häufig verbunden mit Kriegen, Unterdrückung, Ausrottung? Wir kennen das auch in unserem eigenen Lande. Krieg zwischen den christlichen Konfessionen war seinerzeit offenbar unausweichlich. Aber wir hören auch heute täglich in den Nachrichten von blutigen Auseinandersetzungen überall in der Welt zwischen angestammten Religionen und religiösen Minderheiten.

Es ist mir unerklärlich, warum im Laufe der Geschichte der Glaube an ein übernatürliches Wesen, an einen Schöpfergott, immer wieder mit Waffengewalt verteidigt, mit Waffengewalt durchgesetzt werden musste. Wo doch die Botschaft der Engel bei der Geburt Jesu gemäss dem Evangelisten Lukas lautete: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf der Erde den Menschen seiner Huld!»

Die Friedensbotschaften der Weihnachtszeit umfassen heute den ganzen Planeten, die Menschen, die Tiere, die Umwelt. Nur hält die Realität mit den Botschaften nicht Schritt!

Und so wird es weiter gehen! Als nächste Kampfzone ist das Weltall von den grossen Mächten in die Zukunftsstrategien bereits einbezogen.

Christoph Markschies: «Das antike Christentum», C.H.Beck Verlag, Paperback 2016 (3. Auflage) ISBN 978 3 406 70229 7

1 Kommentar

  1. … oder die Botschaften konnten gar nie mit der Realität Schritt halten.
    Dieser Essay mit den drei Fragen gehört für mich in diesem Jahr zum klarsten und beeindruckendsten, was ich im Zusammenhang mit der viel zitierten Frohen Botschaft las.
    Und auf einmal kommt mir ein muslimischer Freund in den Sinn, der hier in der Schweiz als Museumsaufsicht arbeitete. Er hatte Mühe zu verstehen, dass wir bewundernd vor grausamen Menschenmassakern oder geschändeten, verstümmelten Leichen verharren, die im Zeichen des Christentums gemalt wurden, dass viele von uns in Kirchen andächtig oder gar verzückt vor solch schrecklichen Bildern beten. Für ihn war der Dienst in der Kunstsammlung mit den berühmten Kreuzigungen und Marter-Bildern nur belastend, wie er mir sagte.

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