FrontKolumnenZauberwort "Nachhaltigkeit"

Zauberwort «Nachhaltigkeit»

Kaum ein Wort erlebt zurzeit eine derart inflationäre Verbreitung wie der Begriff der Nachhaltigkeit. Das gekürte Wort des Jahres 2019 ist in der Deutschschweiz zwar „Klimajugend“, aber „Nachhaltigkeit“ dürfte es wohl auf das oberste Treppchen des Jahrzehnts schaffen. Da gilt es etwas genauer hinzuschauen, wer nur dem Trend hinterher rennt und wohlfeil den Werbeeffekt gewinnbringend nutzen will oder den Herausforderungen verantwortungsvoll die Stirn bietet.

Der Ursprung des Nachhaltigkeitsgedankens geht auf einen Forstwart namens Hans Carlowitz (1645–1714) zurück, den er auf die Waldwirtschaft übertrug. Es sollte nur so viel abgeholzt werden, wie der Wald in absehbarer Zeit regenerieren konnte. Das Prinzip der Nachhaltigkeit musste also sicherstellen, dass ein natürliches System in seinen wesentlichen Eigenschaften langfristig erhalten bleibt. Neu gefasst definiert sich der Begriff als Voraussetzung, „nicht Gewinne zu erwirtschaften, die dann in Umwelt- und Sozialprojekte fließen, sondern Gewinne bereits umwelt- und sozialverträglich zu erwirtschaften.“

Die Ogi-Methode des energiesparenden Eierkochens als Initialzündung

Dölf Ogi / Foto © SI Kurt Reichenbach

Bei uns schaffte es der umtriebige Bundesrat Dölf Ogi im Oktober 1988, im Fernsehen den erheiterten Zuschauern mit der sog. Ogi-Methode zu demonstrieren, wie er als Magistrat Ratgeber im Eierkochen wurde: „Füllen Sie die Pfanne nur fingerhoch mit Wasser, legen Sie einen Deckel darauf, schalten Sie beim Siedepunkt den Herd aus und nutzen die Restwärme.“ Das war praktisch der Startschuss zu einer Sensibilisierung der breiten Öffentlichkeit, was die Schweizer Illustrierte 2019 dazu bewog, seine von ihm nach wie vor praktizierte Methode in Erinnerung zu rufen.

Heute schmunzeln wir nicht mehr darüber, sondern verfolgen Leitartikel, Debatten und Diskurse über Energieeffizienz und nehmen täglich zur Kenntnis, wie sich die Grossverteiler Coop und Migros in Sachen Nachhaltigkeit zu überbieten trachten. Immerhin attestiert  der WWF den beiden Giganten die «nachhaltigsten Detailhändler der Schweiz» zu sein und eine Vorreiterrolle in Sachen Umweltschutz einzunehmen. Be­wertet wurden Kriterien wie Flugtransporte, Anbau­bedingungen und der Einsatz für umweltpolitische Anliegen.

Wie die Devise «Nachhaltigkeit» die Wirtschaft erfasst

Nun hat der Tagesanzeiger dem Thema eine ganze Fokus-Beilage gewidmet und angesehenen Firmen die Gelegenheit verschafft, ihren Pioniergeist in nachhaltigem Wirtschaften zu belegen. Einige lehnen sich etwas gar euphorisch und zweckoptimistisch aus dem Fenster, aber insgesamt scheinen sie den Ernst der Stunde und auch die damit verbundenen Chancen beim Schopf zu packen. Ein paar wenige Zitate sollen uns davon überzeugen:

Die ABB sieht sein Unternehmen „als Treuhänder der Welt für künftige Generationen“. Dazu Peter Voser, CEO und Präsident des Verwaltungsrates: „Wenn ein Unternehmen wie die ABB, von der Unterzeichnung des Pariser Abkommens bis 2030 gerechnet, rund 23 Milliarden US-Dollar in die Entwicklung neuer Technologien investiert, trägt es damit prägend zur Gestaltung der Welt von morgen bei.“

André Bernheim über die Schweizer Uhrenmarke Mondaine, die kultige Bahnhofsuhr: „Für Mondaine ist Nachhaltigkeit kein Zeitgeist-Thema, sondern seit über 25 Jahren Teil der Firmen-Philosophie. 1992 haben wir z.B. aus einem Schrotthaufen in Zürich Altmetall gesammelt. Dieses liessen wir in der Schweiz einschmelzen und fertigten daraus Metallgehäuse für unsere Uhren an. – Wir wollten schon damals aufzeigen, dass auch ein KMU wie wir seinen Teil zu mehr Nachhaltigkeit beitragen kann.“

Die 3 Säulen der Nachhaltigkeit / Illustration © Naturpark Gantrisch

Theo Schnider, Direktor der Unesco Biosphäre Entlebuch: „Die Entlebucher stehen für eine neue Dimension des Tourismus. Keine andere Region der Schweiz setzt sich so unermüdlich, mit inspirierender Kreativität und Durchhaltewillen für einen verantwortungsvollen, nachhaltigen und umweltfreundlichen Tourismus ein.

Susanne Hochuli, Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz: „Es geht um nichts Geringeres als unsere Existenzgrundlage. Noch nie hatten wir so viel Wissen zur Verfügung wie heute. Das sollte auch die Chance sein zu realisieren, dass wir die Ressourcen zur Veränderung haben. Die Klimaerwärmung muss gestoppt werden, um das langfristige Überleben der Menschheit sowie der Fauna und Flora zu sichern.“

Firma Helion: „Elektroautos, die von Solarstrom angetrieben werden, sind mehr als nur praktisch: Solarstrom aus der eigenen Photovoltaikanlage ist klimafreundlich und deutlich günstiger als der Strom von anderen Energieversorgern. Folglich speichern immer mehr Personen in der Schweiz ihren selbst erzeugten Solarstrom, um ihn rund um die Uhr nutzen zu können.“

there100.org/compagnies listet weltweit einflussreiche Unternehmen auf, die mit der Initiative RE100 nachhaltige Energien im Geschäftsbereich fördern, um bis spätestens 2050 100% auf erneuerbare Energien umzustellen.

Es ist also noch nicht aller Tage Abend. Die Herausforderungen sind erkannt, die Wirtschaft grossteils bereit, mit kreativen Innovationen Verantwortung zu übernehmen.

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