FrontGesellschaftWelches ist Ihr Platz, Frau Doktor

Welches ist Ihr Platz, Frau Doktor

Wie Ärztinnen und Ärzten sich selbst sehen und welche Erwartungen an sie gestellt werden, verändert sich stark durch den gesellschaftlichen Wandel im neuen Jahrtausend und mit der unaufhaltbaren Digitalisierung in allen Bereichen der Medizin.

Unter dem Titel «Medizinisches Rollenverständnis im 21. Jahrhundert – Zeit für eine neue Selbstfindung» befasste sich das 21. forumsanté mit dem Selbstbild der Ärztin bzw. des Arztes. Am Anfang standen eine Menge Fragen: Welche Rolle sollen Medizinerinnen und Mediziner in Zukunft einnehmen? Was sind die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten und wie kann diesen am besten entsprochen werden? Welche Erwartungen hat die Gesellschaft? Wie muss sich das Schweizer Gesundheitssystem anpassen? Und wo ist die Politik gefordert? – Es kann angesichts der immensen Problematik nicht erstaunen, dass nur einzelne Schlaglichter gesetzt wurden.

Keine «Halbgötter in Weiss» im 21. Jahrhundert

Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, betonte, dass Ärzte nicht pessimistisch in die Zukunft blicken müssten, trotz der radikalen Veränderungen des Arztberufs, verglichen mit der Situation zu Beginn seines Berufslebens als Radiologe. Wichtig sei es zu verhindern, dass alte Irrtümer in die Zukunft weitergetragen würden. Früher waren Ärzte «Halbgötter in Weiss». Nur eine Minderheit arbeitete in Krankenhäusern, die Mehrheit selbständig in der eigenen Praxis. Der Nimbus, den ein Klinikdirektor früher umgab, ist verblichen. Ärzte in Krankenhäusern sind heutzutage «Arbeitnehmer», besonders seit die Ärzte und Ärztinnen in den 1990er Jahren und zu Beginn des 21. Jh. für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne gestreikt haben.

Frank Ulrich Montgomery  Fotograf: Sascha Hähni

Die Komplexität der Facharzttätigkeit ist in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Statt «Chirurgie» als Fachgebiet gibt es 5 – 7 verschiedene Fächer. In anderen Fachgebieten verhält es sich ähnlich. Ein junger Assistenzarzt lässt sich heute die Abteilung zeigen und meldet sich bei Interesse, während sich Montgomery daran erinnert, wie er früher eine lange Liste von Bewerbungen abarbeiten musste.

Auch heute noch ist die Arbeit in der eigenen Praxis erstrebenswert. Sie gewährt professionelle Autonomie, den direkten Kontakt mit dem Patienten und gewährt ökonomische Selbständigkeit. Allerdings unterliegt auch der freiberufliche Arzt ökonomischen Zwängen. Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, wirtschaftlich zu handeln, denn sie geben das Geld aus, das der Staat durch Krankenkassenversicherung und Steuern einzieht. In Krankenhäusern allerdings dürfen die medizinisch Tätigen nicht in die ökonomische Rechnung eingebunden werden. Ein Bonus- / Malus-System widerspricht dem hippokratischen Eid.

Das Bild des Arztes wird geprägt durch Empathie und Menschlichkeit. Digitale Technologie, Künstliche Intelligenz und Robotik können dafür als Hilfsmittel dienen.

Datenflut und Umgang mit elektronischen Hilfsmitteln

Mehrere Referenten betonten, dass Big Data, die Ansammlung von Rechnerinformationen, helfen kann, im riesigen Dschungel des stets wachsenden medizinischen Faktenwissens das Gesuchte und Wichtige zu finden. Frederico Guanais, Deputy Head oft he Health Division der OECD, stellte fest, dass digitale Werkzeuge für Medizinalpersonen oft genug noch eine Blackbox sind. – «Zur Zeit benötigt ein Arzt für die Erfordernisse der Technik doppelt so viel Zeit wie für seine genuin ärztliche Tätigkeit.»

Daten müssen überall verfügbar sein, zudem steht jedem Menschen das Recht zu, seine eigenen Daten einzusehen. Die grössten Hürden sieht Guanais allerdings nicht bei der Technik schlechthin, sondern bei den Institutionen, die mit diesen Daten zu tun haben. Patienten müssen in die Diskussion einbezogen werden. Im Ganzen betrachtet, wird die Digitalisierung die Kommunikation über die Grenzen hinaus erleichtern. Frank Ulrich Montgomery forderte in diesem Zusammenhang, dass eine Ethik der Algorithmik definiert werde.

Welchen Platz haben Roboter und Künstliche Intelligenz

Christian Lovis, Direktor Medical Information Sciences der Universität Genf, wies darauf hin, dass in jedem Fall die Interpretation wichtiger ist als der medizinische Test selbst. An Beispielen zeigte er auf, was für irreführende Ergebnisse Tests zur Folge haben können. Künstliche Intelligenz ist ein Hilfsmittel, intelligenter macht die Menge der Daten nicht.

Christian Lovis.  Fotograf: Sascha Hähni

Roboter in der Medizin und Krankenpflege können Hilfsdienste leisten. – Eigentlich sind sie in den Denkfabriken des Militärs entwickelt worden. Als Spritzensetzer sind Roboter präziser als eine erfahrene Medizinalperson. Entscheidend ist hier das Verhältnis zwischen Ärztin und Patientin – der menschliche Kontakt. Jede Health-Care-Ausführende ist auch Mitmensch, Dolmetscher, Ethikerin.

Heutzutage haben Spitäler oft die Aura einer Kirche oder von Silicon Valley-Konzernen, monierte Bertrand Kiefer, Chefredakteur der Revue Médicale Suisse, man fühle sich beim Eintritt in ein Spital wie unter dem Motto: «Wir werden die Welt retten.» – Dabei sei das Gegenteil der Fall, die Industrialisierung der Medizin vermindere die Autonomie des Individuums. Kiefer sieht die Herausforderung, dass das bestehende Gebäude der Medizin total umgebaut werden muss. – Wie kann das geschehen, wenn wir es gleichzeitig nutzen?

Nachhaltigkeit und sparsame Medizin

«Haben wir zu wenige Ärzte oder machen wir zu viel Medizin», fragte Daniel Scheidegger, Präsident der Akademie der Medizinischen Wissenschaften der Schweiz, und fuhr fort: «Wir arbeiten oft nicht zusammen, sondern nebeneinander.» Teamarbeit bedeute Gleichheit aller im Team: Viele Zahnräder greifen ineinander – nicht eines treibt die anderen an. Zudem muss die Sorge für Patienten zu einem vernünftigen Preis möglich sein.

Daniel Scheidegger  Fotograf: Sascha Hähni

«Wir können es uns nicht mehr leisten, einfach zum Arzt zu gehen, wenn uns nichts fehlt», rief Scheidegger in den Saal. Die Haltung des regelmässigen «Check-up» sei ein gesellschaftliches Problem, medizinisch bringe nämlich der traditionelle Check (EKG usw.) nichts.

Das Ziel muss eine nachhaltige Medizin sein. Das bedeutet in Scheideggers Augen, dass auch im Medizinbereich gegen die Wegwerfmentalität vorgegangen werden muss. Zu viel Plastik, Papier wird weggeworfen, besonders alarmierend ist der grosse Anteil von Edelstahl-Instrumenten – Raubbau an endlichen Ressourcen. Invasive Kardiologie wird laut Scheidegger unnötig häufig angewandt, er nennt sie die Milchkuh der Schweizer Krankenhäuser.

Die Tagung war von Bundesrat Alain Berset eingeleitet worden. Er sieht eine Revolution der menschlichen Kreativität, was für ihn bedeutet, dass der Mensch im Mittelpunkt stehen muss – eine Chance für die Medizin. Demografischer Wandel und Digitalisierung werden unsere Gesellschaft tiefgreifend verändern. In Bersets Augen können wir diesen Wandel beklagen, ändern können wir ihn nicht. «Nehmen wir dies als Herausforderung, denn mit zu viel Defensive verbauen wir unsere Zukunft.»

Bundesrat Alain Berset (links) und Jacques de Haller, Präsident forumsanté.  Fotograf: Sascha Hähni

Dieses forumsanté wurde bis auf weiteres zum letzten Mal durchgeführt, erklärte dessen Präsident Jacques de Haller. Einerseits sei es schwierig geworden, Sponsoren für eine solche Tagung zu finden, andererseits habe die Zahl der Teilnehmenden in den letzten Jahren abgenommen. Es scheint, dass die jüngere Generation andere Formen des Austausches vorziehe. Jacques de Haller schliesst nicht aus, dass das forumsanté in neuer Gestalt wieder zum Leben erweckt werden kann.

Weitere Informationen zum 21. forumsanté.ch

Titelbild: Blutdruckmessgerät  © Tim Reckmann  / pixelio.de

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3 Kommentare

  1. sehr interessanter Artikel und dringend nötig auch für das Selbstverständnis der PatientInnen.
    Danke, Maja.
    Dagmar Schifferli

  2. Ich bin sehr einverstanden mit Bertrand Kiefer, Chefredakteur der Revue Médicale Suisse, wenn er zum Schluss kommt, dass die Industrialisierung der Medizin die Autonomie des Individuums vermindere. Im Zentrum jeder ärzlichen Tätigkeit muss m.E. die Selbstbestimmung des Patienten oder der Patientin stehen. Diese Haltung ist leider noch nicht wirklich angekommen bei der FMH.
    Und noch etwas: Wo sind die Ärtzinnen geblieben auf diesem Panel?

  3. An dieser Tagung ging es wirklich eher um das Selbstverständnis der Ärzte und Ärztinnen – wobei wirklich die Ärztinnen oft nur «mitgemeint» wurden, wohl in der Meinung, das Selbstverständnis der Ärztinnen sei das gleich wie das der Ärzte. Immerhin waren sich die Referierenden (fünf Männer, eine Frau) ziemlich einig, dass Empathie und Menschlichkeit im Vordergrund aller ärztlichen Massnahmen steht. – Die Selbstbestimmung, die jeder Patientin, jedem Patienten zusteht, müssen wir wohl jedes Mal selbst einfordern.

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