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Edward Hoppers Landschaften

Ein paar der ikonischen Bilder von Edward Hopper sind mit vielen hierzulande noch nie gezeigten Malereien, Aquarellen und Zeichnungen in der Fondation Beyeler in Riehen zu sehen. Die Ausstellung – erst die zweite Einzelausstellung in der Schweiz – legt den Schwerpunkt auf das Thema Landschaft.

Edward Hoppers Malerei bedeutet Generationen von Amerikanern ihr Amerika. Freilich war er in den USA schon zu Lebzeiten berühmt, während er in Europa bis in die 60er Jahre kaum bekannt war, aber nachdem die viktorianische Villa in Alfred Hitchcocks Film Psycho ihr direktes Vorbild im House by the Railroad von Hopper hatte, wurde Hopper auch bei uns Kult.

Lichtdurchflutete Hauswände und unheimlich düstere Schatten zwischen den Bäumen: Sedond Story Sunlight, 1960. Whitney Museum of American Art © Heirs of Josephine Hopper/2019, Pro Litteris, Zürich

Zugänglich seien sie, die Bilder von Edward Hopper, sagt Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler, daher auch unterschätzt. Recht hat er, fast nichts eignete sich besser als Wanddekoration für die Zimmer sich einsam fühlender Teenager als ein Hopper-Poster, die Bilder waren und bleiben beliebt als Postkarten und werden als übernutzte Vorlagen für alle Art Druck- und Internetgrafik weltweit millionenfach vervielfältigt. Jahrzehntelang waren die Tankstellen, die sehnsüchtig wartenden Frauen, die isolierten Häuser, leeren Landstrassen und Bahnlinien oder Leuchttürme die Projektionsfläche von einem grenzenlosen Amerika. Und zugleich – das fasziniert heute speziell – könnten diese Bilder vom Land der Lebensraum von Donald Trumps Wählerbasis sein.

Barack Obama vor den Bildern Cobb’s Barns und Burly Cobb’s House im Oval Office. Offizielles Foto des Weissen Hauses 2014, Foto: Chuck Kennedy

Nicht Trump, aber Barack Obama lieh sich seinerzeit zwei Gemälde Hoppers aus dem Whitney-Museum fürs Oval Office. Die beiden Bilder von Scheunen in Feldern sind beispielhaft für Hoppers Werk, was ihre ruhige Atmosphäre von Licht und Leere angeht. In der Ausstellung sind beide zu sehen.

Edward Hopper (1882 – 1967) lange als Illustrator tätig, malte sehr langsam, seine Bilder realisierte er im Atelier und mitunter in langen Perioden. Die Zeichnung oder das Aquarell dagegen entstand in spontaner Geste vor Ort, oft von der Hinterbank des Autos aus, während seine Frau, ebenfalls Künstlerin, ihre Eindrücke auf dem Vordersitz zu Papier brachte.

Nach Jahren als Werbegrafik-Zeichner suchte Hopper einen kreativen Ausweg, fuhr nach Paris, blieb als scheuer Mensch den Künstlerkreisen um Picasso, Gertrude Stein und der ganzen Szene fern. Von der Stadt inspiriert kehrte er zurück und siedelte sich in New York an, wo er sesshaft blieb, ausser dass er mit seiner Frau vor allem die Sommer regelmässig reisend oder in Sommerhäusern auf dem Land oft in Maine oder Massachusetts verbrachte. Da suchte er die Motive, aquarellierte, zeichnete und kam mit reicher Beute in sein Atelier zurück.

Cars and Rocks, 1927. Aquarell und Graphitstift. Foto: E. Caflisch

In der Ausstellung sind die Gedanken an Überdruss aus Überfluss wie weggewischt: Vor den Originalen ist die flachgeplättete Oberfläche der Drucksachen tiefgründiger Malerei gewichen: diese Bilder sind Spiegel des Unbewussten. Hopper war sehr belesen, kannte Goethe in der Originalsprache und interessierte sich für Tiefenpsychologie. Er wollte nicht die Natur abmalen, sondern in der Naturdarstellung innere Räume öffnen. 1939 schrieb er: «Kunst ist in so hohem Mass ein Ausdruck des Unbewussten, dass mir scheint, dass sie dem Unbewussten das Wichtigste verdankt und das Bewusstsein nur eine untergeordnete Rolle spielt.»

Scheinbar einfache Bilder von Hügeln, Häusern oder Eisenbahnen werden zu Darstellungen der Beziehung zwischen Mensch und Natur, auch wenn Hopper lange und intensiv nach Motiven suchte und sie auf den ersten Blick durchaus realistisch ins Bild setzte. Dem Künstler geht es darum, innere Empfindungen und persönliche Erfahrungen sichtbar zu machen. Die Bilder sind auch keine in sich geschlossenen Szenen nach den Regeln der Landschaftsmalerei, die Gemälde wirken wie Einzelbilder aus einem Film, wo die Szene davor und danach weiterläuft. Wohin fahren die Züge, was spielt sich in den Häusern mit den dunklen Fensteröffnungen ab, welche unerhörten Dinge könnten in diesen undurchdringlichen Wäldern vor sich gehen, vor allem was sehen die einsamen Figuren, die von Hausschwellen oder durch Fenster blicken.

Dramatisches Licht- und Schattenspiel der riesigen Granitfelsen an der Küste, der Ausblick aufs Meer ist Nebensache: Cape Ann Granite, 1928. © Heirs of Josephine Hopper/2019, Pro Litteris, Zürich

Zunächst banal, einfach und fast plakativ wirkende Bildkompositionen, aber abgründig und mitunter unheimlich: Das Motiv des dunklen Walds ist eine Metapher fürs Ungewisse oder auch Unbewusste. So öffnet eine vertraute Szene den Weg in fremde, unbekannte Räume. Mit Realismus haben Hoppers Gemälde wenig gemein, ein Hinweis ist, dass die Telegrafenmasten keine Drähte haben oder die Fenster in den Häusern oftmals ohne Scheiben sind.

In diesen Landschaften fehlt auch der Überblick, das Auge des Betrachters wird nicht in einen Hotspot der Fernsicht gelenkt, wie in der Landschaftsmalerei gewollt. Die Weitsicht entsteht vielmehr durch das nicht Abgebildete, die Strassen oder Bahngeleise, die bis zum Rand des Gemäldes so geführt werden, als gingen sie noch weiter – grenzenloses Amerika. Oder auch Filmstills, wo das Geschehen kurz bevorsteht, wo vielleicht ein Auto durchfährt, das beobachtete Verbrechen im Gegenschnitt sichtbar wird. Der Bezug zum Film bei Hopper ist ein Doppelter: Er ging oft ins Kino, mitunter täglich, wenn er eine seiner Schaffenskrisen hatte, und er beeinflusste seinerseits die Filmemacher, nicht nur Albert Hitchcock.

Hat sich filmisch mit Hoppers Werk auseinandergesetzt: Wim Wenders 15-Minuten Film ist ein besonderes Highlight der Ausstellung.

Für Wim Wenders war Edward Hopper, dessen Bildern er Anfang der 70er Jahre im Whitney Museum in New York erstmals begegnete «der tollste Maler, den ich je gesehen hatte.» Nun steuert er zur Ausstellung einen Kurzfilm in 3D bei, in dem er Hoppers Bilder gleichsam als Filmstill nimmt und die Geschichte darum herum erzählt.

Beispielsweise das Tankstellenbild Gas von 1940 : Die Kameraposition ist nun hinter den drei Säulen – vermutlich vor dem Gebäude –, ein Auto fährt vor, der Tankstellenwart geht zu den Zapfsäulen, während eine Frau für eine Rauchpause aussteigt; nach der Betankung fährt das Auto weg, der Mann steht genauso an der Tanksäule wie im Bild.

Tankstelle mit drei Säulen in der Einsamkeit vor einem düsteren Wald: Gas, 1940. © Heirs of Josephine Hopper/2019, Pro Litteris, Zürich

Der Film Two or Three Things I know about Edward Hopper sage, was er, Wenders, nicht schreiben könnte; so ähnlich hat sich schon Hopper geäussert: «Wäre es in Worte zu fassen, gäbe es keinen Grund zu malen.»

bis 17. Mai 2020
Zur Ausstellung ist die Publikation Edward Hopper: Ein neuer Blick auf Landschaft, herausgegeben von Ulf Küster für die Fondation Beyeler. ISBN 978-3-7757-4647-2
Mehr Informationen auch zum Rahmenprogramm gibt es hier.

1 Kommentar

  1. ach, ich liebe diese einsamkeit, die melancholie, die aus den meisten seiner bilder spricht seit langem. bin immer wieder berührt davon.

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