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Gärten mit Charakter

Ein Garten ist nie Konfektionsware. Jeder Garten hat seine Eigenheiten. Sei es von der Lage und der Bodenbeschaffenheit her oder von der Verteilung von Licht und Schatten. Und jeder Garten verrät eine individuelle Handschrift – die seines Besitzers.

Man sagt, Hundehalter und ihre Vierbeiner würden sich im Laufe der Jahre immer ähnlicher. Irgendwie gilt das auch für Gärten und Gartenbesitzer. Natürlich mutiert man bei der Gartenarbeit nicht langsam zu einem Radieschen oder einer Sonnenblume. Aber Gärten, die jahrelang, jahrzehntelang von den immer gleichen Personen bewirtschaftet werden, sind geprägt von den Vorlieben und Charakteren ihrer Besitzer. Auch von deren Lebenssituation, weshalb sich Gärten nach und nach auch verändern können.

Lange Wunschliste

Wer das erste Mal einen eigenen Garten besitzt, der hat bestimmte Vorstellungen, wie das Stück Land rings um sein Haus aussehen soll. An erster Linie steht bei den meisten sicher der Wohlfühlfaktor. Man möchte sich im eigenen Garten entspannen können, vielleicht mal ein Grillfest feiern, gemütlich und – ganz wichtig – ungestört zusammensitzen. Dazu sollte es jede Menge Blumen geben, Beeren und Früchte, und hie und da einen frischen Salatkopf. Die Kinder sollen herumtoben und spielen können und der Liegestuhl im Schatten eines Baumes stehen. Eine Hecke oder ein Zaun sollte das Grundstück begrenzen, ungebetene Gäste, fremde Hunde und Katzen und vor allem auch Lärm und Staub der Strasse abhalten.

Gartenzäune sind eigentliche Visitenkarten und sagen viel über die Besitzer der Gartenanlage aus. (Hans Braxmeier/pixabay)

Ganz schön viel, alle diese Vorgaben unter einen Hut zu bringen. Das fängt schon beim Gartenzaun an. Er ist eine Art Visitenkarte der Gartenbesitzer. Wer wohnt wohl hinter diesem schmiedeisernen Zaun, dessen Spitzen wie Lanzen in die Luft stechen? Oder dort, hinter der massiven Holzbohlenbegrenzung, die nirgends Einblick gewährt und auch einer Horde Wildschweine standhalten könnte? Sind es Romantiker, die liebliche Kletterrosen einem weissen Staketenzaum entlangranken lassen? Ein aufwändig geflochtener Zaun aus dicken Weidenruten lässt auf kreative Bewohner schliessen und hinter dem einfachen Drahtzaun wohnen wohl Pragmatiker, denen Funktion wichtiger ist als Ästhetik.

Oft bleibt es beim Wunsch

Der Wunsch nach einer Blütenhecke, die sich im Herbst bunt färbt und so viele verschiedene Beeren trägt, dass sie zu einem Treffpunkt für die Vogelwelt wird, scheitert oft am Platzbedarf. Oder dann am Aufwand, denn so eine Hecke muss in Form gehalten werden. Wer sich also für Sträucher als Gartenabgrenzung entscheidet, hat entweder viel Platz, viel Zeit oder eine ausgeprägte ökologische Ader. Er ist gewillt, seinen Lebensraum zu teilen, gute Bedingungen zu schaffen für Vögel, Insekten und weiteres Kleingetier.

Auch der Garten selber sagt viel über seine Besitzer aus. Gepflegte Rasenflächen, höchstens begrenzt durch niedrige Buchsbaumhecken – seit der Buchsbaumzünsler sein Unwesen treibt, können es auch Eibensträucher sein – zeigen an, dass hier Menschen wohnen, denen Gartenarbeit nicht allzuviel sagt. Ihnen reicht das optische Grün, über das oft einsam ein Roboter-Rasenmäher holpert. In anderen Gärten blüht und wuchert es, dass die grünen Daumen förmlich spürbar sind und man am liebsten eintauchen möchte in die Farben und Düfte. Wohl wissend, dass nichts einfach so wächst, dass sehr viel Arbeit und Begeisterung hinter einer solchen Anlage steckt.

Rosen sind in pflegeleichten Gärten eher selten zu finden.

Wo Familien zuhause sind, das sieht man nicht nur am Plastiktraktor auf dem Rasen und dem Trampolin in Sichtweite des Sitzplatzes. Da sich fussballspielende Kinder und Blumenbeete schlecht vertragen, sehen in solchen Gärten Rosen oft ziemlich mitgenommen aus und filigrane Blütenschönheiten sind rar. Dafür blühen Ringelblumen, Lavendel, Primeln und Vergissmeinnicht, die alle so robust sind, dass sie kaum etwas übelnehmen. Rote Erdbeeren findet man in einem solchen Garten übrigens ganz selten – sie werden von der Jungmannschaft schon vor der volle Reife verspiesen.

Im Wandel der Zeit

Gärten können sich im Laufe der Jahre verändern. So kann aus einer gepflegten Rasenfläche nach einiger Zeit ein Fussballfeld werden oder es wachsen Sträucher und Blumen, weil jemanden die Gartenleidenschaft gepackt hat. Im penibel gepflegten Gemüsegarten «wachsen» nach und nach Hochbeete, was darauf schliessen lässt, dass die Besitzer in die Jahre kommen und ihnen das Bücken zunehmend schwer fällt. Wenn in gepflegten Gärten der Rasen plötzlich hüfthoch wächst, die Blumenrabatten verunkrauten und die Gemüsebeete brach liegen, dann hat sich die Lebenssituation der Gartenbesitzer dramatisch verändert. Sei es durch Krankheit, berufliche Umorientierung oder Partnerschaftsproblemen.

Manchmal ist ein Garten einfach grün. Sei es aus Zeitmangel oder weil einfach alles fröhlich wachsen und blühen darf – Kraut und Unkraut. (b.r.)

Gärten sind ein wenig auch die Spiegel ihrer Bewohner. Wer in unseren Breitengraden Palmen pflanzt, der hat entweder eine unbändige Sehnsucht nach dem Süden oder ist ein unverbesserlicher Optimist. Oder beides. Wer einen grossen Gemüsegarten pflegt, ist entweder älteren Jahrgangs oder dann jung. Denn Gemüsegärten sind das neue Statussymbol und Gartenstiefel plötzlich chic. Hipster haben entdeckt, dass ein frisch geschnittener Salatkopf, sonnenwarme Tomaten und kleine dicke Gurken direkt vom Gartenbeet unvergleichlich besser schmecken als alles in der Gemüseauslage des Grossverteilers. Und dass das Setzen und Säen, Hegen und Pflegen der Pflanzen auch noch Spass macht.

Gärten haben viele Gesichter und eines der grossen Vergnügen ist es doch, seinen Garten jeden Frühling wieder neu zu gestalten, ihm neue Glanzlichter aufzusetzen. Er wird trotzdem immer der genau passende, ganz eigene Garten sein.

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