FrontKolumnen„Gesund altern - was sind die Rezepte?“

„Gesund altern – was sind die Rezepte?“

Bundesrat Alain Berset lud ein. Es kamen rund 250 eingeladene Personen, wohl allesamt Experten aus der Politik, der Wirtschaft, des Gesundheitswesens zur Nationalen Konferenz „Gesundheit 2030“ nach Bern. Den Auftakt zum neuen Jahrzehnt der Gesundheit setzte er unter den Titel „Gesund altern- was sind die Rezepte?“

Alain Berset wurde deutlich: Die Gesundheitspolitik ist mehr als Gesundheitspolitik. Die bisherige ist weit umfassender zu analysieren, die neue weit umfassender zu gestalten. Die künftige Gesundheitspolitik ist ganz eng mit der Sozialpolitik, auch mit der Bildungspolitik, der Raumplanung, der Wohnbaupolitik, zu verknüpfen. Schlicht: Sie ist ganzheitlich ins Auge zu fassen. Und sie hat auf ein gesellschaftliches Phänomen tatkräftig zu reagieren. Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz leben im Durchschnitt vier Jahre weniger lang als Schweizerinnen und Schweizer. Reiche sechs Jahre länger als Arme. Gut Ausgebildete können mit einem vier Jahre längeren Leben rechnen als schlecht ausgebildete Menschen. Und ins Zentrum will er eines rücken: die Prävention, die – wie er betonte – von den vielen der anwesenden Politikerinnen und Politiker nicht so ernst genommen würde. Was blieb von den Referenten und den Gesprächen? Wie so oft wurde lediglich aufgelistet, was ist.

Von den 65jährigen leben nur 1,5 Prozent in Alters- und Pflegeheimen, von den über 85jährigen sind es auch erst 15 Prozent. Das Prinzip „Möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben“ ist nach wie vor ganz tief im Bewusstsein der Politikerinnen und Politiker, aber auch in der Gesellschaft verankert, auch an der Konferenz. Einzig Astrid Wüthrich, Amtschefin für Altersfragen im Kanton Bern, hielt dagegen: „Die Alters-und Pflegeheime haben zu Unrecht einen schlechten Ruf.“ Viele ältere Menschen blühten auf, wenn sie in ein Heim eingetreten seien. Und in der Tat: Es braucht einen Paradigma-Wechsel. Gesund altern kann ganz vielfältig gestaltet werden. Ich habe als Mediator im Projekt CareNet+ im Kanton Zürich in sogenannten Fallkonferenzen, bei denen alle Beteiligten anwesend waren, die Erfahrung gemacht, dass selbst ein Aufenthalt in einem Pflegeheim billiger sein kann, als wenn zu Hause eine Rundumbetreuung notwendig ist, dass es dem älteren Menschen auch psychisch weit besser gehen kann.

Es braucht also weit innovativere Ansätze als die bisherigen. Es braucht tatsächlich neue Rezepte. Und es sind auch andere Ansätze in der Wissenschaft zu verfolgen. Nicht die gängigen Studien, von denen es nur so wimmelt, sind zielführend. Wohltuend war das Referat von Hugo Harper, einem britischen Psychologen und Physiologen, der im Auftrag der britischen Regierung verhaltensorientierte Ansätze der Politik im Gesundheitswesen implementiert und umgesetzt hat. Ein Beispiel: In einem Projekt hatten die Ärzte aufgrund der Diagnose, wie gewohnt sehr schnell, Antibiotika-Medikamente verschrieben. Diese durften aber von den Patienten erst drei Tag später abgeholt werden. Vielen ging es nach den drei Tagen weit besser, sie holten die Medikamente gar nicht mehr ab. Der Verbrauch ging um 40 Prozent zurück. Das Beispiel mag auf Anhieb nicht so bedeutsam erscheinen, weist aber den Weg, wie künftig Studien und Projekte lanciert werden sollten: praxisorientiert.

Berset hat das neue Jahrzehnt der Gesundheitspolitik eröffnet. Bezeichnend war, was nicht zur Diskussion gestellt worden war: das Geld, eben die Kosten und die Angst, die viele umtreibt, wenn sie ein Pflegefall werden sollten. Was noch nicht auf der Agenda steht, kann ja bald darauf platziert werden. Noch sind wir erst im ersten Jahr des neuen Jahrzehnts der neuen Gesundheitspolitik.

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