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Mit dem Herzen sammeln

Das Impressionisten Museum Langmatt in Baden feiert seinen 30. Geburtstag mit der Ausstellung «Herzkammer» und hat dazu die Gastkünstlerin Sandra Senn eingeladen. Sie fängt die Atmosphäre des Hauses in Worten und subtilen Bildern ein und lässt die Sammlung luftig und frisch erscheinen.

Das Museum Langmatt gilt heute als eine der bedeutendsten Privatsammlungen des französischen Impressionismus in Europa. Als sich am 21. April 1990 die Türen für das Publikum öffneten, strömten die Menschen in grosser Zahl in die ehemalige Villa der Brown-Boveri Begründer Sidney und Jenny Brown-Sulzer, um erstmals die Inneneinrichtung sowie die Gemäldesammlung zu sehen. Die Browns hatten die impressionistischen Bilder zwischen 1908 und 1919 erworben, als diese in der Fachwelt noch kontrovers diskutiert und vom Publikum abgelehnt wurden. Sie sammelten leidenschaftlich und mit dem Herzen, ohne Prestige- oder Renditeüberlegungen.

Ausstellungsansicht der «Herzkammer – 30 Jahre Museum Langmatt» in Petersburger Hängung in der Gemäldegalerie. Museum Langmatt 2020.

Unter dem Titel Herzkammer – 30 Jahre Museum Langmatt feiert das Museum das Jubiläum mit einer umfassenden Sammlungsausstellung. In üppiger Vielfalt sind die wichtigsten und prägnantesten Bilder und Objekte in der Gemäldegalerie, der «Herzkammer», vereinigt. Gezeigt werden Werkgruppen von Mary Cassatt, Paul Cézanne, Camille Corot, Edgar Degas, Paul Gauguin, Claude Monet, Alfred Sisley, Camille Pissarro oder Pierre-Auguste Renoir.

Claude Monet, Eisschollen im Dämmerlicht, 1893, 60 x 99,7 cm. Öl auf Leinwand. Museum Langmatt.

Um die Jahrhundertwende hatte Jenny Brown Malunterricht in München genommen, weshalb ihr Blick auch als Sammlerin ungewöhnlich weit gefasst war. Galt die erste Sammlung noch ganz den Werken der Münchner Schule, wurde diese nach 1908 schnellstmöglich verkauft. Denn um diese Zeit lernten die Browns die Impressionisten in Paris kennen, und sie erwarben als erste Schweizer Sammler Gemälde von Cézanne und Gauguin. In ihrem Geschmack und Kunstsinn waren sie der Gesellschaft weit voraus. Diesen Mut zur Innovation macht sich heute auch der Direktor Markus Stegmann zu eigen und bietet jungen Kunstschaffenden eine Plattform; und auch sie werden von unserem Publikum nicht immer verstanden.

Im Sinne der Sammlungsgründer lädt die Langmatt zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler ein, Werke auf dem Hintergrund des Hauses zu gestalten. Diese werden dann in Verbindung mit den alten Meistern oder in Einzelausstellungen präsentiert. Das hat zur Folge, dass das Haus mitunter auch beschenkt wird, wie unlängst von Margot Bergman, Katrin Freisager, Ursula Palla oder Léopold Rabus. Bilder, die an den Wänden der Herzkammer entdeckt werden können, wie auch das Riesengemälde im Park von Renée Levi. Joëlle Flumets Videoinstallation vermittelt zudem ein lebendiges Bild der Langmatt einst und heute.

Gemäldegalerie mit impressionistischen Bildern, September 1934.

Wie zu Zeiten der Browns wird die ganze Sammlung dicht präsentiert. Die Gemälde, die kunstvollen Möbel des 18. Jahrhunderts, die Teppiche, das Porzellan aus Europa und Asien, das Kunsthandwerk gehörten zum gelebten Alltag der Sammler. Die fragilen, zauberhaft klingenden Uhren durften nur vom Hausherrn persönlich aufgezogen werden, bei seiner Abwesenheit blieben sie alle stehen.

Venezianischer Meister, Bucintoro und Blick auf den Molo am Himmelfahrtsfest, Vedute X, 1743/44, Öl auf Leinwand, 47,5 x 73 cm. Museum Langmatt.

Eine Serie von dreizehn venezianischen Veduten eines unbekannten Künstlers erwarben Browns in der ersten Hälfte der 1920er Jahre vermutlich in Turin. Sie werden in der Ausstellung Magisches Venedig – Venezianische Veduten des 18. Jahrhunderts im Obergeschoss auf farbigen Wänden präsentiert, ergänzt mit Archivalien in Vitrinen. Diese Stadtansichten entstanden um 1743/1744. Sie laden zu gedanklichen Streifzügen durch die Serenissima mit unzähligen Brücken, verschlungene Gassen und eleganten Gondeln auf Kanälen ein. Browns hatten sie als Serie im grossen Empfangsraum, dem Venezianerzimmer, im Erdgeschoss eingerichtet. In der Ausstellung folgt die Hängung einem Spaziergang durch die Stadt, dabei findet man die Standorte auf kleinen Karten.

Sandra Senn, «Gestern sass ich neben dem alten Hunger und verliebte mich in den jungen Himmel»

«Ich stell die Wiese in die Vase» nennt die Gastkünstlerin Sandra Senn ihren poetischen Beitrag innerhalb der Jubiläumsausstellung. Mit achtunddreissig kurzen lyrischen Sprachbildern an den Wänden, manchmal auch versteckt und nicht sofort sichtbar, fängt sie die Atmosphäre des Orts ein. Filigrane Sätze, die an ein Objekt der Sammlung anknüpfen oder einem Gedanken freien Lauf lassen, wie beispielsweise in der Bibliothek «Manchmal verschlucke ich mich am Wissen der Welt» oder «In den Augen deiner Bilder gehe ich dorthin, wo ich nie gewesen bin» zu einem Renoir-Bild.

Sandra Senn (*1973), die in Baden und Berlin lebt, zeigt im Grünen Salon neue malerische Fotografien, die bei ihren Recherchen in der Langmatt im Herbst 2019 «nebenbei» entstanden sind. Mit ihrer farbigen Sinnlichkeit, mit Unschärfe und energetischer Bewegung verzaubern sie Details der Langmatt und des Parks.

Sandra Senn, ohne Titel, 2020. Pigmentprint, 50 x 66,5 cm.  

Beitragsbild: Sandra Senn, ohne Titel, 2020, Pigmentprint, 82,5 x 110 cm.

Bis 16. August, mehr Informationen hier

Publikation zu «Herzkammer – 30 Jahre Museum Langmatt», Hrsg. Markus Stegmann, dt./engl., Hardcover, 232 Seiten, 78 Abb., Museum Langmatt Baden, CHF 38.00.

Publikation zu «Sandra Senn – Ich stell die Wiese in die Vase», Texte und Fotografien, Broschur, 48 Seiten, 12 Abb., Museum Langmatt Baden, CHF 19.80.   

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