FrontGesellschaftIrgendwie die Zeit anhalten

Irgendwie die Zeit anhalten

Von heute auf morgen in den eigenen vier Wänden isoliert – auf diese neuen Lebensumstände müssen sich in Europa und in der Schweiz Millionen Menschen einstellen. Um die Ausbreitung der Corona-Epidemie zu verlangsamen, ziehen sich viele zurück. Medien ermutigen ihre Leser, das Beste aus der Situation zu machen. Hier eine Auswahl:

Als Gelegenheit, innezuhalten, sieht Publizist Alexander Schmelew in einem von newsru.com übernommenen Facebook-Post die Corona-Pandemie, sei die moderne Welt doch vielen zu hektisch geworden:

„In der Folge hat sich der Wunsch weit verbreitet, irgendwie die Zeit anzuhalten, aus dem Hamsterrad auszubrechen, wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen. … Nun gibt uns das Coronavirus eine Chance. Denn auf dem ganzen Planeten ist vorübergehend Pause. Das ist eine Möglichkeit, die ewige Rennerei zu beenden und in meditative Selbstisolierung zurückzukehren. Ein Tag gleicht dem anderen, du gehst nirgendwohin, redest mit niemandem und kannst in aller Ruhe über fundamentale Fragen nachdenken (etwa über Leben und Tod, wozu eine Epidemie sehr animiert), dicke Bücher lesen und dergleichen. Wie das alles endet, ist vorerst unklar, aber als soziales Experiment ist es äusserst interessant.“

Viele Ziele aufgeschoben oder gar aufgehoben

Der moderne Mensch muss nun damit klarkommen, dass seine To-Do-Listen Makulatur geworden sind, erklärt Philosophin Barbara Bleisch im Tages-Anzeiger:

„Denn seine Existenz ist randvoll mit Dingen, die Kieran Setiya, Philosophieprofessor am MIT in Boston, als ‹telisch› bezeichnet: Tätigkeiten, die auf ein Ziel (griechisch ‹telos›) gerichtet sind und damit auf einen Endpunkt zustreben, an dem sie ausgeführt und abgeschlossen sind. … Corona wird uns diese Marotte zwangsläufig austreiben. Denn viele unserer Ziele sind aufgeschoben oder gar aufgehoben. Sich neue Ziele zu setzen, ist schwierig. Wer weiss schon, was die kommende Woche, was der nächste Monat bringt? Wir werden lernen müssen, den Wert weniger zielgerichteter Tätigkeiten neu zu schätzen.“

Sich von den Rund-um-die-Uhr-Nachrichten fernhalten

Wer nun pausenlos die neuesten Schlagzeilen verfolgt, läuft Gefahr, krank zu werden, warnt The Times:

„Wir gieren nach immer neuen Nachrichten – in der Hoffnung, dass diese Antworten liefern und diese Antworten ein Trost sein werden. Wir hoffen, durch ein Mehr an Information wieder ein Gefühl der Kontrolle erlangen zu können. ‹Wissen ist Macht›, wurde uns gesagt. Aber das Aufsaugen von Nachrichten lindert unsere Sorgen nicht. Es ist so, als würden wir Salzwasser trinken, um unseren Durst zu stillen: Zunächst wirkt es, doch letztendlich ist es kontraproduktiv. … Viele isolieren sich derzeit von anderen, um ihre körperliche Gesundheit zu erhalten. Unserer psychischen Gesundheit zuliebe sollten sich viele von uns auch von den Rund-um-die-Uhr-Nachrichten fernhalten.“

Unabhängige Buchhandlungen unterstützen

Die Isolation bietet vielen Menschen die Gelegenheit, endlich viel zu lesen, freut sich Blogger François Gèze in Mediapart und legt den Lesern bedachtes Kaufverhalten ans Herz:

„Ohne die Buchhandlungen, die verlegerisches Schaffen fördern und eine wesentliche Rolle dabei spielen, neue Gedanken und literarische Innovationen bekannt zu machen, erhielten Bücher weder Aufmerksamkeit noch Leserschaft. In der derzeitigen Krise müssen Sie die Bücher, die Sie interessieren, online kaufen. Ich fordere Sie auf, sie auf keinen Fall bei Amazon zu bestellen, sondern in den Online-Shops der unabhängigen Buchhandlungen. … Dies ist auch eine wichtige Geste der Unterstützung für diese Buchläden, deren Existenz durch die aktuelle Krise stark bedroht ist.“

Kunst im Netz hält uns zusammen

Dank Internet und sozialer Medien sitzen wir trotz Veranstaltungsverboten kulturell nicht auf dem Trockenen – und das sollten wir würdigen, fordert Milliyet:

„Bücher, Fernsehfilme, Serien sind derzeit unsere engsten Freunde. Die sozialen Medien sind so effizient und nützlich wie nie zuvor. Über sie kann die Kunst uns erreichen und uns sagen: ‹Wir sind nicht allein, wir sind alle immer noch verbunden›. … Es wäre gar nicht schlecht, wenn daraus kostenpflichtige Events mit bezahlbaren Tickets würden. … Erst dann könnte man auch von einer beidseitigen Solidarität sprechen. Denn es liegt auf der Hand, dass diese Menschen, die ihre Konzerte und Theateraufführungen nun abgesagt haben, genau wie wir von etwas leben müssen.“

5 Kommentare

  1. Bleiben Sie zuhause! – Dieser Appell wird derzeit stundenweise in TV und Radio wiederholt.
    Kann es so gefährlich sein, wenn ich (alter Senior) mit meinem Auto in eine abgelegene Gegend fahre und dort 1-2 Stunden wandere und die Sonne geniesse? – Und allfällig Entgegenkommenden weiträumig ausweiche?
    Viele meiner älteren Bekannten sind bereits derart eingeschüchtert, dass sie diesen Appell praktisch als Ausgehverbot hinnehmen.

  2. Ja, da gehe ich ganz mit Ihnen einig! Bin ebenfalls eine Seniorin, die sich nicht von diesem täglich Appell abhalten lässt! Auch ich fahre in die Höhe oberhalb des Zürichsees und erfreue mich an einem täglichen Spaziergang, der meiner Psyche und meinem Körper gut tut.

  3. …da bin ich mit Ihnen / Euch einig ( 75 J.)… ein DE Immunologe meinte gestern am TV: es ist alleweil besser sich an der frischen Luft zu bewegen, als mehrere Leute auf kleinem Raum – Indoor-Pollution. Allenfalls soll man /Frau tüchtig zwei mal / Tag lüften, ausser bei grosser Feuchtigkeit.
    B-Moll wenn alle Senioren in die Höhe fahren -na ja, welche Umweltbelastung…

  4. schön…wenn man ein Auto besitzt. Tram und Bus sollte man meiden, und dann? Wie kommt man so schnell ins Grüne? Mein nächster Ausflugsort ist der Friedhof. Ein schöner Friedhof mit wunderschönen Bäumen und blühenden Wiesen zwischen den Gräbern…und in einer dieser Grabesgruppen, dasjenige meines lieben jüngsten Sohnes, der vor ein paar Wochen gewaltsam ums Leben kam. Ein eher meditativer Spaziergang…

  5. Ich besitze kein Auto und habe das Senioren-GA hinterlegt.Gester Abend genoss ich
    eine 20.min Spatziergang mit dem Regenschirm….
    Das was mir am schwersten fällt ist,keinen Kontakt mehr zu den Enkel,weil ich sie
    in letzter Zeit viel hüten durfte,da meine Tochter ihr zweites Mädchen bekam.
    Nun Skypen wir einfach einmal zwischendurch……
    Am Montagmittag ging ich um 12.00h das letztemal friche Füchte und Salat einkaufen!

    Nun wenn ich in der nächsten Zeit etwas brauchen würde,kauft mein Schwiegersohn
    es ein und stellt es mir vor die Türe.
    Ich glaube wir Senioren.ich bin 70,haben wirklich nichts mehr zu tun in den Läden usw.
    Ich wünsche allen eine gute Zeit in der Virus-Misere und nehmt dies Ernst…..

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