FrontGesellschaftBiotop- und Artenschutz sind zentrale Anliegen

Biotop- und Artenschutz sind zentrale Anliegen

An Ostern wurde die neue Lewa-Savanne im Zoo Zürich wegen der Corona-Krise still und mit «animalischem social distancing» der Stadt Zürich übergeben. Im nachfolgenden Beitrag beschreibt der leitende Zootierarzt Prof. Jean-Michel Hatt (Bild) nicht nur, wie der Ostertag hätte aussehen sollen, sondern zeigt auf, wie gut unser Zoo auf Pandemien vorbereitet ist und dass Zoos dazu beitragen können, dass sich eine solche Pandemie nicht mehr wiederholt.

Oster-Sonntag 2020, 13 Uhr, ein wei­teres Extratram fährt in die Endsta­tion Zoo ein. Die Türen öffnen sich und eine Flut von Menschen und Kinderwagen entleert sich und fliesst Richtung Zooeingang. Doch bald schon kommt der Fluss ins Stocken, alle reihen sich in die lange Warteschlange ein, die sich bereits vor einigen Stunden gebildet hat. Das Warten an der Sonne wird etwas erleichtert dank eines spontan aufgetauchten Glacéverkäufers, die ungeduldigen Kinder werden zumindest für ein paar Minuten abgelenkt. Abgelenkt von der Erwartung, endlich die Tiere der neu eröffneten Lewa-Savanne zu sehen. Vor allen die Giraffen, welche nach 63 Jahren Unterbruch endlich wieder am Zürichberg eingezogen sind! Es wäre sicher ein Tag mit 10 000, ja vielleicht 20 000 Besuchern geworden. Wäre…

Königspinquine stehen erwartungsvoll auf dem Felsen. Foto: Zoo Zürich, Marco Schaffner

Die Realität sieht anders aus. Die Hirschziegen in der Indienanlage sonnen sich und erschrecken beinahe, als eine Tierpflegerin vorbeiläuft, die Königspinguine stehen erwartungsvoll auf dem Felsen und warten auf die Kinder auf der anderen Seite der Fensterscheibe, um ins Wasser zu springen. Sie warten jedoch vergebens, ebenso wie die Gorillas, denen die Besucher eine willkommene Abwechslung sind. Seit Mitte März und bis mindestens Juni ist der Zoo Zürich geschlossen. Wann die offizielle Eröff­nung der Lewa-Savanne sein wird, ist immer noch Spekulation.

Der Zoo Zürich ist normalerweise an 365 Tagen offen und den grössten Teil seiner Einnahmen deckt er über die Eintritte. Somit bedeutet die Schliessung eine enorme finanzielle Einbusse, insbesondere in einer für den Zoo sehr wichtigen Zeit, nämlich dann, wenn das Wetter schön aber noch zu kalt für den Besuch im Schwimmbad ist. Der Lockdown hat aber noch weit mehr Konsequenzen für den Zoo, als die fehlenden Einnahmen und die Tiere, die auf Besucher «warten».

Der Lockdown hat weitreichende Folgen auf das Leben im Zoo

Der Lockdown erzwang es erstmals, den Pandemieplan des Zoos umzusetzen und zu testen. Dieser wurde im Zuge der letzten Ausbreitungen der Vogelgrippe 2005 und 2016 entwickelt und beinhaltet nicht nur einzelne Sperrzonen, sondern auch die Definition prioritärer Aufgaben. Denn die erhöhten Hygienevorkehrungen und die Abstandsregelungen bedeuten Mehraufwand. Gleichzeitig werden gewisse, nicht dringende Arbeiten reduziert, um das Ansteckungsrisiko zu mindern. Darunter fallen die regelmässigen medizinischen Trainings zum Beispiel für die Blutentnahme bei den Menschenaffen. Ähnliches gilt nun auch bei den Grosskatzen, nachdem die Erkrankung an Covid-19 bei einem Tiger in einem New Yorker Zoo diagnostiziert wurde.

Wegen Corona entfällt die Blutentnahme bei den Menschenaffen. Foto: Zoo Zürich, Robert Zingg

Der Lockdown hat im Weiteren auch einen Einfluss auf die Erhaltungszuchtprogramme. Eine zentrale Aufgabe der Zoos liegt im Artenschutz. Zoos engagieren sich einerseits in der Erhaltung von wichtigen Biotopen, der Zoo Zürich beispielsweise auf der Masoala-Halbinsel in Madagaskar oder im Lewa-Nationalpark in Kenia. Andererseits tragen Zoos im Rahmen international koordi­nierter Zuchtprogramme zur Erhaltung bedrohter Tierarten bei. Dies bedingt ein regelmässiger Austausch von Tieren zwischen den Zoos. Erhaltungszucht ist via Skype oder Zoom nicht möglich! Solche internationalen Austausche von Tieren sind aktuell vollständig zum Er­liegen gekommen. Es wird noch Monate dauern, bis hier wieder Normalität eintritt.

Zoos können in der Zeit nach Corona eine Schlüssel­rolle spielen

Die Zeit «nach Corona» wird für den Zoo mindestens ebenso anspruchsvoll sein, wie «während Corona». Wir werden sicher unseren Pandemieplan prüfen. Die Corona-Pandemie wird für Zoos im allgemeinen auch eine Chance sein. Denn Zoos sind beispielsweise wichtige Frühwarnsysteme in Bezug auf Tierseuchen. So konnte der Fall des an Covid-19 erkrankten Tigers zeigen, dass eine Übertragung auf Grosskatzen möglich ist. Auch im Zoo Zürich wurde erstmals 2006 die Ausbreitung von Usutu-Viren in der Schweiz nachgewiesen. Es stellte sich heraus, dass die Krankheit die Ursache von vermehrten Todesfällen bei wildlebenden Amseln und Bartkäuzen gewesen war.

Zoos könnten aber auch dazu beitragen, dass sich Epidemien wie die aktuelle nicht mehr wiederholen. Denn, wie bereits bei den Ausbreitungen von SARS und Ebola, zeigt sich auch bei Covid-19, was der Mensch anrichtet, wenn er Urwälder rodet und wenn er Wildtiere lebend auf Märkten anbietet. Wenn Wildtiere verschiedener Arten vermischt, unter prekärsten Bedingungen gehalten und am Schluss noch gegessen werden, dann bedeutet dies ein katastrophaler Steilpass für die Ausbreitung von neuen Virus-Mutanten. Biotop- und Artenschutz sind zentrale Anliegen von Zoos, und es sollte endlich klarwerden, dass dies auch konkret ein Schutz für uns Menschen darstellt. Mit einem konsequenten, medien­wirksamen Aufruf zur Schliessung von Wildtiermärkten könnten Zoos einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass nicht noch weitere Ostern ohne Besucher stattfinden, an denen Pinguine und Gorillas vergeblich auf Besucher warten.


Prof. Jean-Michel Hatt ist Direktor der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere der Universität Zürich und Leitender Zootierarzt am Zoo Zürich.

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