FrontGesellschaftDie wiederkäuende Kuh

Die wiederkäuende Kuh

In den siebziger Jahren hat Heinrich Nüsse zwei schmale Büchlein mit Aphorismen veröffentlicht: «Hintergedanken» (1971) und «Frühnachrichten» (1973). Erschienen sind die zwei Bände im «pendo-Verlag», der 1971 gegründet wurde und heute zu Piper gehört.

Begleiterin meiner Jahre wurde die wiederkäuende Kuh. Das Büchlein «Hintergedanken» öffnet sich von selbst auf der richtigen Seite: «Wenn Dich die Ruhe einer wiederkäuenden Kuh überkommt, so denke daran. Hierzulande wirst Du nicht heiliggesprochen, sondern geschlachtet.» Wenn ich im politischen Milieu wieder einmal mit einer nicht konformen Ansicht Anstoss erregte, hat mich dieses Bild der Kuh immer getröstet. Von Heiligsprechung war sowieso keine Rede. Aber «geschlachtet», nein, das wurde ich dann doch nicht!

Aktuell

Und wo sind die Sentenzen, die zur aktuellen Situation von heute passen? Da würde ich, natürlich mit den nötigen «Hintergedanken», zitieren: «Eine Maske tragen wir alle. Nur sollte sie zum Gesicht passen». Oder die ganz konkrete, auch aktuelle eigene Erfahrung: «Die Formen der Einsamkeit sind vielfältiger als die Formen des Zusammenseins».

Masken tragen wir doch alle …

Und in etwas grösserem Zusammenhang gedacht: «Die regelmässige Spur der Erde findest du, wenn du auf ihre Erregungen achtest»

Dichter und Leser

Originell sind die Fundstücke über Dichter und Leser: «Dichtung ist nicht deshalb Dichtung, weil sie aus aussergewöhnlichen Worten gemacht wäre, sondern weil in ihr die gewöhnlichen Worte da stehen, wo sie stehen.» Die Begründung, warum ich mich heute Heinrich Nüsse widme, finde ich bei ihm selbst: «Viele Schriften, die Neues verkünden wollen, unterschätzen unser Vergnügen an der Wiederholung des Alten».

Den kleinen Seitenhieb an die Lesenden will ich auch nicht unterschlagen: «Wir lesen, um unsere fixen Ideen auch anderswo entdecken zu können.»

Lebenslauf

Heinrich Nüsse (1927–1977) hat Philosophie und Philologie studiert, war als Lehrer tätig und schrieb sprachphilosophische Bücher («Die Sprachtheorie Friedrich Schlegels», 1961). Auch wurde ihm die «Anerkennungsgabe des Kantons Zürich» überreicht. Nüsse lebte im vordigitalen Zeitalter. Im Internet auf Spurensuche nach seinen Lebensdaten zu gehen, ist schwierig. Ich habe es redlich versucht. Aber zu oft wurde ich auf die Fährte von Büchern über «Nüsse» geführt!

Was ist ein Aphorismus

Wie definiert Wikipedia den Aphorismus: «Ein Aphorismus ist ein selbständiger einzelner Gedanke, ein Urteil, eine Lebensweisheit, welcher aus einem Satz oder wenigen Sätzen besteht.» Wie der Blitz durchfuhr mich beim Lesen dieser Zeilen die Erinnerung, dass ich in meinen «frühen Jahren» auch einmal einen Aphorismus verfasst und sogar veröffentlich hatte. In einer Polizeizeitschrift. Er lautete: «Nur emanzipierte Männer ertragen einen weiblichen Chef».

Wo steht der Flamingo auf zwei Beinen?

Kein begeistertes Echo von der Seite meiner Kollegen! Aber sie verziehen mir. Sie wussten ja, in Wirklichkeit war ich nicht so arrogant, wie aufgrund meiner Formulierung hätte angenommen werden können…!

Aufruf an die Politik

Und jetzt noch einiges meinen ehemaligen Kollegen Politiker und Politikerinnen auf den Weg. Etwa: «Oft möchte ich denken können, was ich sage». Oder dann: «Wo kämen wir hin, wenn jeder sich gäbe, wie er ist?» Und als Schlusspunkt: «Ich sah einen Flamingo, der einen eigenen Standpunkt vertrat. Mitten unter vielen Flamingos stand er auf beiden Beinen.»

Zitate von Heinrich Nüsse finden sich im Internet unter seinem Namen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel